Hier starten Bobfahrer während den Olympischen Winterspielen. Beim Sport und bei Flugzeugen spricht man bekanntlich immer vom "Start". Inzwischen hat das Wort "starten" auch in anderen Lebensbereichen die Wörter "beginnen" oder "anfangen" verdrängt. Sind diese Verben zu "lahm" für unser dynamisches Leben? | Foto: AFP

Anfangen will niemand mehr

Ein Wort startet durch

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„Bitte nehmen Sie Platz, damit wir starten können“, sprach KSC-Präsident Ingo Wellenreuther. Er sagte dies nicht vor einem sportlichen Wettkampf, etwa einem Lauf, zu den Zuschauern, sondern bei der jüngsten Jahreshauptversammlung des KSC. „Also der Film startet…“ begann eine Bekannte kürzlich zu erzählen und machte dann nicht etwa weiter mit einem Tag oder einer Uhrzeit. Sondern berichtete von der ersten Szene. Der Film „starte“ mit einem Rückblick.

Kann ein Gebäude starten?

Für eine weitere Verwendung des Wortes sorgte der Südwestrundfunk (SWR): Ein Nachrichtensprecher im Fernsehen erklärte vor einigen Wochen: „Die Polizeihochschule Wertheim startet im Juli.“ Das Gebäude wird sich im Sommer wohl nicht selbst bewegen. Es soll lediglich betriebsbreit sein für eine neue Ausbildung hinter seinen Mauern.

Von wegen „Zauber des Anfangs“

Viele weitere Beispiele ließen sich anführen für die Karriere eines Wortes. Ein Verb ist in der Beliebtheitsskala nach oben durchgestartet. Eine Versammlung, ein Film oder eine Ausbildung „beginnen“ nicht mehr. Alle Welt lässt möglichst vieles „starten“. Nicht nur Urlaubsreisen, Autos, Autorennen oder Flugzeuge; nicht nur Wettkämpfe mit einem akustischen Signal oder Aktionen, die mit einem Knopfdruck in Bewegung gesetzt werden. Nein, alles hat inzwischen Starterlaubnis: Tag und Nacht, der Frühling, die Verhandlungen. Von wegen „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ (Viel zitiert, von Hermann Hesse). „Anfangen“ mag anscheinend niemand mehr.

Startautomatik für Alles und Jedes

Natürlich hat auch Sprache ihre Moden. Eine neue Wendung taucht auf, wird aufgeschnappt und kopiert, mündlich wie schriftlich. Irgendwann benutzten alle Sportler und Politiker vor einer Faktenaussage die Einleitung „Fakt ist“ um Widerspruch abzuwehren. Was könnte hinter hinter der sprachlichen „Startautomatik“ für Alles und Jedes stecken?

„Beginnen“ ist etwas für weicheiernde Anfänger

Vielleicht passt „starten“ besser zu diesem beschleunigten Leben, das wir voller Sportlichkeit bewältigen sollen. Kraftvoll und dynamisch muss alles angegangen werden, dazu mit Wirbel und Getöse. „Beginnen“ klingt sanft dagegen – wenn nicht sogar lahm. Wie in Wort für weicheiernde Anfänger, die nicht auf Touren kommen, während die Starter siegreich davonziehen. Und dabei nicht selten ihre Kräfte überschätzen, viel zu schnell schlapp machen und letztlich einen Fehlstart hinlegen. Dagegen hat man von einem Fehlbeginn noch nie gehört.