Simson unterm Baugerüst: So sieht es aus, wenn die Skulpturen vor dem Karlsruher Schloss gewartet werden.
Simson unterm Baugerüst: So sieht es aus, wenn die Skulpturen vor dem Karlsruher Schloss gewartet werden. | Foto: Jörg Donecker

Karlsruher Restauratorin

Eine Spritze voll Epoxidharz macht Simson wieder fit

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Die Najaden haben überlebt. Gemäß der griechischen Mythologie sterben diese Quellnymphen, wenn ihr Wasser versiegt – umso schöner findet Silke Günther es, dass die beiden Najaden-Brunnen beim Schlossplatz nach ihrer rund zweijährigen Renovierung seit 2018 wieder Wasser führen.

Als freiberufliche Restauratorin legte sie zwar nicht selbst Hand an die sandsteinernen Frauengestalten, dennoch leistete sie ihren Beitrag zur Erhaltung der von Aloys Raufer Anfang des 19. Jahrhunderts geschaffenen Brunnenplastiken.

Analysen an steinernen Denkmälern

Sie war 2011 mit der Untersuchung, Probereinigung und der Konzeption der Renovierungsarbeiten betraut – legte also als Sachverständige fest, welche Arbeitsschritte notwendig sind. Solche Aufträge erfüllt sie auch an anderen Denkmälern in und um Karlsruhe, zum Beispiel an der Fassade der Architekturfakultät samt Hebel-Denkmal auf dem KIT-Campus oder den Fassaden und Kalksteinskulpturen beim Bundesgerichtshof.

„Ich sitze faktisch mehr als 50 Prozent meiner Zeit am Rechner“, sagt sie. Da schreibt sie Dokumentationen und Konzepte, erstellt Kostenberechnungen und kommuniziert mit anderen Experten – etwa Steinmetzen, aber auch Entscheidungsträgern etwa im Landesdenkmalamt oder im städtischen Gartenbauamt, wenn es etwa um die Karlsruher Brunnen geht.

Regelmäßig einmal im Jahr kümmert sie sich auch um die Wartungsarbeiten der Skulpturen vor dem Karlsruher Schloss. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Sophia Haake und Nadine Langhammer war sie Ende Juni dort zu beobachten. Da wurden die weißen Skulpturen aus dem Meißel des Hofbildhauers Ignaz Lengelacher mit dem Wasserschlauch abgespritzt und schließlich sorgfältig ausgebessert.

„Waschweiber“ mit interdisziplinärer Hochschulbildung

„Für manche sehen wir dann schon mal aus wie die Waschweiber“, scherzt Günther. Sie erklärt den Leuten dann immer gerne, was sie wirklich macht und wie viel Expertise für ihren Job notwendig ist. Schon die Ausbildung erfordert ein Hochschulstudium – eine der Zugangsvoraussetzungen: Praxiserfahrung.

„Ich bin niemand, der mit 16 Jahren schon genau wusste, was er werden will“, sagt Silke Günther, „es war ein Findungsweg.“ Der begann im Kunst-Leistungskurs an der Schule. „Für ein freies Kunststudium war ich aber nicht kreativ genug.“ Bühnenbild oder Grafikdesign habe sie nach einiger Überlegung dann auch für sich ausgeschlossen.

Vielschichtiges Handwerk: Restauratorin Silke Günther kennt sich nicht nur mit steinernen Materialien, sondern auch mit Kunstgeschichte, Chemie, Physik und Mikrobiologie aus – und benutzt für ihre Arbeit auch mal Laser- oder Infrarottechnik.
Vielschichtiges Handwerk: Restauratorin Silke Günther kennt sich nicht nur mit steinernen Materialien, sondern auch mit Kunstgeschichte, Chemie, Physik und Mikrobiologie aus – und benutzt für ihre Arbeit auch mal Laser- oder Infrarottechnik. | Foto: Jörg Donecker

Das plastische Arbeiten mit Stein war schon eher ihre Sache – doch eine Bildhauerlehre sei ihr auch „zu staubig“ gewesen. Das Praktikum bei einem Bildhauer brachte sie dann dennoch auf ihren Traumberuf. Insbesondere eine Frage trieb die junge Frau um: Wie kann es sein, dass man Stein festigen kann?

Antworten fand sie während des Studiums in Stein-Restaurierung in Erfurt – oder zumindest wurden ihr dort Wissen und Wege vermittelt, um dann selbst immer wieder aufs Neue die ganz individuellen Antworten für jedes zu restaurierende Objekt zu finden.

Methoden bei Restaurierung und Denkmalschutz verändern sich

„Das Steinmetz-Handwerk und die Methoden im Denkmalschutz haben sich immer wieder verändert“, erklärt sie. Zum Beispiel setze man heute viel stärker auf die Bestandserhaltung der originalen Skulpturen oder Fassaden, anstatt sie wie früher ganz oder in einzelnen Elementen auszutauschen.

Die Skulpturengruppe vor dem Schloss ist da ein schönes Beispiel. Wer den Barockbau im Rücken hat und Richtung Marktplatz blickt, sieht zwei lange Reihen von mythologischen Figuren – von Ä wie Äskulap bis V wie Venus Kallipygos (die mit dem „schönen Hintern“).

Nicht alle Exemplare sind aus Sandstein und stammen von Lengelacher. Zwei Figuren wurden 1966/1967 von Emil Sutor in Betonguss gefertigt. Und die beiden Figurengruppen, die die Parade kurz vor dem bronzenen Karl-Friedrich-Denkmal beenden, bestehen aus Epoxidharz. Es sind Kopien der Originale – die lagert man zum Schutz vor Verwitterung an einem anderen Ort.

Doch wie Beton und Sandstein ist auch das Kunstharz der Witterung und dem Vandalismus ausgesetzt. Unter dem weißen Anstrich entstandene Lücken werden mit einer Spritze gefüllt – chirurgische Sorgfalt mit entsprechenden Utensilien. „Wir benutzen auch Skalpelle oder Zahnbürsten“, erklärt Silke Günther.

Beim Sandstein verwende man kein Epoxidharz, sondern so genannte mineralische Schlemmen, zum Beispiel fein gemahlenen Quarzsand in wässriger Lösung – durch Kapillarwirkung gelangt das Material in den Sandstein, der es wie ein Schwamm aufsaugt.

Das geschieht aber zum Beispiel auch bei Luftfeuchtigkeit und kann im Winter ein Problem darstellen: „Wenn auf der Straße Salz gestreut wird, verbindet es sich mit Wasser. Das nimmt der Sandstein auf und es kommt an der Oberfläche wieder zum Vorschein“, erklärt Günther.

Restaurierung nutzt Infrarot- und Lasertechnik

Und eben diese Oberflächen, wie die Fassade des BGH-Gebäudes oder der Architektur-Fakultät, müssen dann von Restauratoren wie Silke Günther saniert werden. Je nach dem Willen der Auftraggeber. Wenn Günther am Anfang eines solches Prozesses aktiv wird, also in beratender Funktion die Situation analysiert, kommt häufig auch modernste Technik zum Einsatz – Infrarot etwa, um frühere Restaurierungen und Metalldübel ausfindig zu machen.

Oder Lasertechnik, um einerseits die dicken Staub- und Kalkschichten von einer Oberfläche abzutragen, ohne gleichzeitig die erhaltenswerte originale Farbschicht zu beschädigen. Nachdem sie notwendige Arbeitsschritte sowie Kosten und Nutzen abgewogen hat, empfiehlt sie auch mal, von einer Restaurierung abzusehen – im Sinne des Denkmals.

Die beste Restaurierung ist die, die man nicht sieht

„Es ist irgendwie witzig: Die Leute fahren immer gerne nach Südfrankreich und freuen sich am Charme der alternden Gemäuer. Aber hier soll bitte alles tipptop sein“, meint sie. Denn Denkmäler lebten auch von ihrer Authentizität und den Spuren der Geschichte. Da gebe es eben unterschiedliche Ansichten und Trends, zudem sei kein zu restaurierendes Objekt wie das andere.

Eine Regel gilt für Günther jedoch immer: „Die beste Restaurierung ist die, die man nicht sieht.“