Heiligtümer der Kommunikation: Laptop, Smartphone und Co werden schnell zum Albtraum, wenn vor allem junge Menschen Opfer von Cybermobbing sind. | Foto: Oliver Berg

Bündnis gegen Cybermobbing

Einen Schutzraum gibt es nicht mehr

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Aufgeregtes Geschnatter aus 230 Kinderkehlen erfüllt den Kinosaal. Die Siebt- und Achtklässler von vier Karlsruher Schulen sind der Einladung des Bündnisses gegen Cybermobbing in die Universum City Kinos gefolgt. Das Bündnis zeigt den Film „Lena Love“, der Cybermobbing thematisiert. Bereits seit 2011 gibt es das Bündnis gegen Cybermobbing in Karlsruhe. Die Mitglieder des Vereins sind Menschen, die beruflich oder privat mit dem Thema konfrontiert sind und gemeinsam gegen Gewalt im Netz angehen.

Gleich mehrere Klassen haben Referendar Sebastian Bellm und Lehrerin Linda Knopp von der Nebenius-Realschule im Schlepptau. Beide kennen „Lena Love“ noch nicht. „Wir haben in den Klassen angesprochen, dass es im Film um Cybermobbing geht, alles andere werden wir im Nachhinein besprechen“, sagt Knopp. Das Thema Mobbing sei an ihrer Schule immer irgendwie präsent, „wir sind eine Anti-Mobbing-Schule“, erklärt Knopp.

Gespanntes Warten auf „Lena Love“

Große bunte Popcorn-Tüten wandern durch die Sitzreihen. Hibbelig sitzen zwei Siebtklässler der Nebenius-Realschule auf ihren Kinosesseln in Reihe zwei. Gespannt warten sie auf den Filmstart. Eine Reihe hinter ihnen vertreiben sich zwei Schülerinnen vom Goethe-Gymnasium die Zeit bis zum Filmstart. „Ich denke, wir alle schauen den Film zum ersten Mal“, sagt das Mädchen mit Pferdeschwanz, während sie ein detailliertes Auge malt. Ihre Klassenkameradin beugt sich zu ihr und betrachtet die Zeichnung. „In der fünften oder sechsten Klasse haben wir mal über Cybermobbing gesprochen“, erinnert sie sich.

Der Film beginnt mit einem Knall

Das Licht geht aus und der Film beginnt mit einem Knall. Die Rückblende führt zu dem Zeitpunkt, ab dem die Geschichte auf die Katastrophe zusteuert. In gerade einmal sieben Tagen wird das Leben von Protagonistin Lena, gespielt von Emilia Schüle, durch anhaltendes Cybermobbing komplett umgekrempelt.

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Gepostet von LenaLove am Freitag, 30. September 2016

Gejohle und Empathie

Gebannt sind die Augen der Schüler auf die große Leinwand gerichtet. Ganz still ist es im vollen Kinosaal natürlich nicht. Immer wieder ist Gejohle zu hören, zum Beispiel, wenn Lena nur mit Unterwäsche bekleidet vor der Kamera steht. Aber es ist auch Empathie zu spüren, wenn die Protagonistin besonders schlimme Schikanen über sich ergehen lassen muss. Als Lena mit einer Schere auf ihren Laptop einsticht, ist das Erschrecken groß. Fassungslos und mit großen Augen schauen einige Schüler auf die Leinwand. Hier wird eines ihrer Heiligtümer zerstört.

Viele schauen weg

Als das Licht im Kinosaal wieder angeht, betritt Peter Sommerhalter, Leiter für Prävention und Medienberatung beim Bündnis gegen Cybermobbing, die Bühne. „Mobbing bedeutet, dass man jemanden über einen langen Zeitraum tyrannisiert“, erklärt er. Viele würden denken: „Besser der als ich“ und wegschauen, wenn jemand gemobbt wird. „Vielleicht ist es aber relativ schnell jemand von euch, der der Nächste wird?“, fragt Sommerhalter und lässt seinen Blick über die Schüler schweifen.

Lasst nicht zu, dass jemand in eurer Schule oder eurem Sportverein fertiggemacht wird.

Während der Leiter für Prävention und Medienberatung spricht, verstummen die Schüler nach und nach. Leise wird es, als er von Ines aus Berlin erzählt, die sich wegen Mobbing das Leben genommen hat. „Ines hat mit elf Jahren gesagt, das ist so schlimm, dass sie es nicht aushalten kann. Da haben viele weggeschaut. Mir ist es ganz, ganz wichtig, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt“, beschwört Sommerhalter seine jungen Zuhörer. „Deshalb ist es wichtig, dass ihr diese Botschaft, dass man nicht wegschaut, weiterverbreitet. Lasst nicht zu, dass jemand in eurer Schule oder eurem Sportverein fertiggemacht wird.“

Was man gegen Mobbing tun kann

Um zu demonstrieren, was man gegen Mobbing tun kann, macht Sommerhalter kurzerhand eine dunkle Tasche zum Mobbingopfer. Er fordert die Schüler auf, die Tasche fertig zu machen. Ein lautes Stimmengewirr folgt, als die Schüler seiner Aufforderung Folge leisten. Man kann die einzelnen Beleidigungen kaum auseinanderhalten. „Wenn jetzt jemand kommt und sagt, dass es unfair ist, was ihr mit der Tasche macht, was passiert dann?“, will er wissen und stellt sich vor die Tasche. Gejohle folgt. „Ihr seht, die Tasche hat für einen kurzen Moment Ruhe. Aber ich mache die Person hinter mir auch klein. Was man wirklich braucht, ist jemand, der sich neben die Person stellt und ihr Mut macht. Dann wird sie größer“, erklärt Sommerhalter. Aber dafür müssten Menschen auch den Mut haben und bereit sein, zu helfen.

Fehlende Empathie im Internet

Für Sommerhalter ist Cybermobbing deutlich schlimmer als das traditionelle Mobbing. „Wenn ich früher in der Schule gemobbt wurde, hatte ich Zuhause einen Schutzraum – den gibt es heute nicht mehr.“ Cybermobbing findet rund um die Uhr und überall statt. Ein weiterer Aspekt, der durch das anonyme Mobbing im Internet hinzukomme, sei die fehlende Empathie. „Wenn die Leute in WhatsApp ein lachendes Profilbild haben, lacht das immer noch, wenn der Mensch dahinter schon längst am Boden ist – und das sehen die Täter nicht.“

Wenn das Mobbing nicht gestoppt wird, wird es immer extremer

Das Mädchen, das vor dem Film noch mit Zeichnen beschäftigt war, wirkt nun etwas mitgenommen: „Das war jetzt schon sehr brutal. Ich denke nicht, dass das so in echt passiert“, überlegt sie. Sommerhalter hingegen betont: „Wenn das Mobbing nicht gestoppt wird, wird es immer extremer.“ Damit es gar nicht erst soweit kommt, hat das Bündnis gegen Cybermobbing das kostenlose Präventionsprogramm „Wir alle gegen Cybermobbing“ entwickelt, für das sich alle Schulen in Baden-Württemberg bewerben können.