Im vietnamesischen Ca Lo baute Elektriker ohne Grenzen eine Solaranlage. | Foto: Elektriker ohne Grenzen/Roland Michels

Karlsruher Organisation

Elektriker ohne Grenzen hilft mit Energieprojekten weltweit

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Die Karlsruher Organisation Elektriker ohne Grenzen möchte in benachteiligten Weltregionen bei der Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Verhältnisse helfen. Dafür setzt sie auf Energieprojekte – meistens sind dies mit Batteriespeichern kombinierte Fotovoltaikanlagen. BNN.de sprach mit Sylvain Volpp, dem Vorsitzenden von Elektriker ohne Grenzen.

Im Erdgeschoss liegt der Wohnbereich, dort brennt ein Feuer und spendet Licht. Direkt darüber ist das Zimmer, in dem ein Sohn übernachtet und durch das der Rauch zieht, einen Abzug gibt es nicht. In Deutschland ist diese Situation undenkbar, in anderen Weltregionen jedoch bittere Realität. Sylvain Volpp, Vorsitzender der Karlsruher Hilfsorganisation Elektriker ohne Grenzen (EoG), hat genau das in Nepal erlebt. „Nachdem wir da waren, haben sie Licht bekommen“, erzählt er und stellt fest: „Der Vorteil liegt auf der Hand.“ Statt vom Feuer kommt das Licht nun von einer elektrischen Lampe.

Nominierung beim Deutschen Engagement-Preis

Es ist nur ein kleines Beispiel, das verdeutlicht, was die Projekte von EoG bewirken können. Die 2012 gegründete Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, in benachteiligten Regionen den Zugang zu Elektrizität zu ermöglichen und damit dauerhaft die sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Verhältnisse zu verbessern. Für ihre Arbeit hat sie Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni mit dem startsocial-Preis ausgezeichnet. Nun ist EoG beim Deutschen Engagement-Preis nominiert.

Der Sonderpreis der Bundeskanzlerin ging bei der startsocial-Preisverleihung an Sylvain Volpp und Angelika Wenger von Elektriker ohne Grenzen. | Foto: startsocial/Thomas Effinger

938,4 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu Elektrizität

Denn was für Mitteleuropäer wie eine Selbstverständlichkeit klingen mag – dass jeder Zugang zu Elektrizität bekommen soll –, ist es bei weitem nicht: Wie aus dem Energiefortschrittsbericht der Weltbank und weiterer Organisationen hervorgeht, hatten weltweit im Jahr 2016 938,4 Millionen Menschen keinen Zugang zu Elektrizität. Durch den Einsatz erneuerbarer Energien – oft sind es mit Batteriespeichern kombinierte Fotovoltaikanlagen – stellt EoG in seinen Projekten die Stromversorgung sicher und setzt dabei mehrere Schwerpunkte: Es gehe darum, Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen und Sicherheit zu schaffen, sagt Volpp. Er erklärt es anhand seines Einsatzes in Haiti nach dem Erdbeben 2010 – damals noch mit der französischen Organisation Électriciens sans frontières. „Damals wurden viele Mädchen vergewaltigt“, erinnert er sich: „Durch das Licht, das wir in die Flüchtlingslager gebracht haben, hat sich die Lage deutlich verbessert.“ In anderen Projekten gehe es um wirtschaftliche Entwicklung. Durch die Stromversorgung könnten höherwertige Produkte erstellt werden, die wiederum Geld in die Kasse bringen. Zudem werde Bildung ermöglicht und der Zugang zu sauberem Wasser.

Positive Zusammenarbeit mit Interplast Germany

Wie die Arbeit von EoG auch zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen kann, verdeutlicht Michael Schidelko, Vorsitzender von Interplast Germany. Die Organisation leistet plastisch-chirurgische Hilfe in Entwicklungsländern. Für ein Krankenhaus im tansanischen Puma plante Interplast eine Solaranlage. Zunächst kümmerte sich darum ein Elektromeister der Organisation. Als dieser jedoch ausfiel, wandte sich Schidelko an EoG. „Die Zusammenarbeit war sehr positiv“, erinnert er sich: „Ich habe operiert, sie haben installiert.“ Früher seien in Puma „Menschen gestorben, weil Sauerstoffgeräte ausfielen“. Nun lautet Schidelkos Fazit nach der gemeinsamen Arbeit: „Ich kann mir ähnliche Projekte definitiv wieder vorstellen.“

Großteil der Arbeit steckt in der Planung

Trotz der Erfolgsbilanz ist die Arbeit in Puma für EoG eher unüblich: Die Finanzierung, um die sich die Organisation normalerweise selbst kümmert, war schon gesichert, und große Teile der Planung waren schon erledigt. Dabei macht diese, wie Volpp im Gespräch verdeutlicht, einen Großteil der Arbeit aus. Es beginnt mit einer Anfrage: „Der Bedarf kommt immer von den Betroffenen, nicht weil wir meinen, dass er da ist“, erklärt der Maschinenbau-Ingenieur. Vieles scheitere schon an dieser Stelle, unter anderem weil das Projekt noch in einem viel zu frühen Stadium sei.

Passt das unter sozialen und kulturellen Aspekten? 

Sylvain Volpp, Vorsitzender von Elektriker ohne Grenzen

Es folge eine genaue Analyse: „Passt das unter sozialen und kulturellen Aspekten?“ Wenn man da die richtigen Fragen stelle, sei oft schon die halbe Arbeit gemacht.

Partner vor Ort sind immer mit im Boot

Alle Vorhaben werden mit Hilfe von Partnern vor Ort umgesetzt. Sie kennen sich bei den sozialen und kulturellen Gegebenheiten aus, und sie sind essenziell für die Wartung, Pflege und Instandhaltung der Anlagen.

Das ganze Dorf half mit beim Einsatz von Elektriker ohne Grenzen in Ho Lu in Vietnam. Denn jedes Einzelteil musste mühsam in das Bergdorf getragen werden. Nun soll die Solaranlage den Grundstein für weitere Entwicklung bieten. | Foto: Elektriker ohne Grenzen/Roland Michels

„Die Nachhaltigkeit können wir nicht alleine gewährleisten“, betont Volpp. Er meint damit auch, dass die Anlagen sich nach der Installation selbst tragen sollen. Entstehende Kosten, beispielsweise für den irgendwann fälligen Austausch der Batteriespeicher, sollen aus Rücklagen finanziert werden, die das Projekt erwirtschaftet. Dabei gehe es aber nicht darum, Gewinne zu erzielen. EoG will Nachhaltigkeit – ökologisch wie ökonomisch.

Elektriker ohne Grenzen sucht Unterstützer

Woran es noch hakt? „Dieses ,Tue Gutes und spreche darüber‘ – wir müssen beim zweiten Teil besser werden“, meint Volpp selbstkritisch. Er führt aus: „Wir brauchen Leute, die bereit sind ihre Zeit zu spenden und die Interesse an der Arbeit haben.“ Noch immer fehlten Engagierte, die sich um Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, Administratives und auch um Projektprüfung kümmerten – nicht nur Elektriker werden gebraucht. Viele Ideen seien entwickelt – „jetzt müssen wir sie umsetzen“. Für keinen der von ihm genannten Bereiche brauche es besondere Vorkenntnisse. „Man muss sinnvoll nachdenken können“, sagt er. Schließlich gebe es zum Beispiel einen ausgearbeiteten Fragenkatalog, anhand dessen die Vorhaben untersucht werden, „und die Leute sind nicht allein“.