Routenbau
Die Kletterrouten, die rund 70 Teilnehmer des ersten Nationalen Paraclimbing-Wettbewerbs am Samstag, 9. Juni 2018, beim Alpenverein Karlsruhe erklimmen, tüfteln Dirk Wersdörfer, Benjamin Böhringer und Gerald Schwaderlapp (von links) aus. | Foto: jodo

Paraclimbing-Premiere

Elite der Handicap-Sportkletterer kommt nach Karlsruhe

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70 Sportkletterer mit Handicap gehen am Samstag, 9. Juni 2018, beim Alpenverein Karlsruhe in der Waldstadt an den Start. Der Verein richtet in seinem Kletterzentrum beim Fächerbad Deutschlands ersten Nationalen Paraclimbing-Wettbewerb aus. Das Spektrum der Bergsportfreunde umfasst nicht nur den Breitensport, sondern seit 2011 auch ein gezieltes inklusives Angebot für Menschen mit Handicaps aller Art. Im Internet sind Informationen rund um die Paraclimbing-Premiere und das inklusive Angebot hier zu finden

Routenbau ist Geheimsache

Chef-Routenbauer Gerald Schwaderlapp taxiert mit Benjamin Böhringer, Vereinsmanager des Karlsruher Alpenvereins, die hohen Wände der neuen Boulderhalle. Auf einer Leiter über dem Weichboden versetzt Dirk Wersdörfer Klettergriffe aus blauem Kunststoff. „Hier wird es beim Wettkampf anders aussehen“, erklärt Böhringer. Wie, das bleibt bis zuletzt geheim. Denn welche Schlüsselstellen die rund 70 Teilnehmer beim ersten Nationalen Paraclimbing-Wettbewerb in der Waldstadt durchsteigen müssen, erfahren sie erst in dem Moment, in dem es losgeht.

Alpenverein Karlsruhe wird im Paraclimbing zur Adresse Nr. 1

Mit dieser Premiere mausert sich der Verein, mit derzeit rund 7 800 registrierten Mitgliedern Karlsruhes mutmaßlich aktuell größter Klub, zu Deutschlands erster Adresse fürs Sportklettern mit Handicap. Der Herausforderung stellen sich Frauen und Männer, die trotz einer Amputation von Hand, Arm, Fuß oder Bein, aus einem Rollstuhl, blind, mit neurologischen oder anderen Handicaps zwölf Meter hohe Wände erklimmen. Sie bewältigen Kletterrouten, die auch Sportlern ohne Handicap den Schweiß auf die Stirn treiben.

Spannung auch fürs Publikum

Von zwei Balustraden aus verfolgen können Zuschauer das Geschehen in der alten und der neuen Kletterhalle, die luftig miteinander verbunden sind.

Den ersten Nationalen Paraclimbing-Wettbewerb am Samstag, 9. Juni, im Kletterzentrum des Alpenvereins Karlsruhe, Am Fächerbad 2, eröffnet Bürgermeister Martin Lenz um 9.30 Uhr. Das Wettklettern startet um 10 Uhr und dauert bis 15 Uhr. Die Sieger werden ab 15.30 Uhr geehrt. Die Vereinsjugend bewirtet, der Erlös fließt in die Jugendkasse.

Sportkletterwettkämpfe sind traditionell temperamentvoll, spannungs- und stimmungsreich. An den je sechs Routen in zwei Hallen wird moderiert.

Nationalmannschaft am Start

Aus ganz Deutschland und dem österreichischen Ehrwald reisen Starter an, darunter die deutsche Nationalmannschaft mit ihrem einzigen weiblichen Mitglied, einer beinamputierten 32-Jährigen aus dem Pfälzer Felsenland. Aus Berlin kommt der aus Ungarn stammende Star der Szene, Melinda Vigh, eine Paraclimberin mit eleganter Kletterweise trotz fehlender linker Hand. Jüngste angemeldete Starterin ist eine 14-Jährige aus Westfalen, Ältester im Teilnehmerfeld ein 72 Jahre alter Paraclimber aus Freiburg.

Von A wie Aschaffenburg bis Z wie Zweibrücken

Von Aschaffenburg bis Zweibrücken – die Sportler fahren weit, um sich zu messen, sich kennenzulernen und miteinander Spaß zu haben.

Eine wichtige Erfahrung

„Wer als Rollstuhlfahrer sonst auf Bauchnabelhöhe unterwegs ist, für den ist der Blick von oben eine wichtige Erfahrung“, betont die Vereinsvorsitzende Susanne Schätzle. Die Behinderten-Klettergruppe der Karlsruher Alpenfreunde ist seit sieben Jahren im Aufwärtstrend, hat eine Jugendsparte und inzwischen zwei Erwachsenengruppen mit insgesamt 30 Sportlern.

Stadt fördert Inklusion

„Nicht nur physisch, sondern auch psychisch ermöglicht Klettern ganz neue Erfahrungen“, sagt auch Karlsruhes Sportdezernent Martin Lenz, der den Wettbewerb eröffnet. Mit dem Förderkonzept „Karlsruhe auf dem Weg zur Inklusion“ habe die Stadt Weichen gestellt.

Neuland für alle

Der Handicap-Kletterwettbewerb ist Neuland – nicht nur für die Karlsruher. Auch der Sportdirektor des Alpenverein-Dachverbands kommt extra aus München. Neu denken heißt es beim Routenbau, für Schiedsrichter, Betreuer und das Team routinierter Sicherer an den Kletterseilen in sechs Handicap-Kategorien. Zwei Ärztinnen schieben Wache, manche Starter haben spezielle Gesundheitsrisiken.

Ein Kribbeln ist da

Ein informatives Programmheft gibt der Verein aus, er schafft ein barrierefreies Infobüro für den großen Tag und viel Stauraum für Wettkampfteilnehmer, Begleiter und Gerätschaften. „Ein Kribbeln ist da“, gesteht Vereinsmanager Böhringer. „Das wird eine Bewährungsprobe für das Sektionszentrum.“

Maximalzahl bei den Anmeldungen

Eine „traumhafte Resonanz“ sieht Uwe Benitz, Vereinsreferent für Paraclimbing beim Alpenverein Karlsruhe. Mehr Anmeldungen hätten die Obergrenze gesprengt, das Teilnehmerfeld sei eine gute Mischung. Besonders freut er sich über die Leuchtkraft, die der erste Nationale Wettbewerb dem Handicap-Klettern verschafft. Denn dessen Potenzial lässt selbst Paraclimbing-Betreuer staunen. Erst kürzlich lernte in der Halle ein geistig behinderter Erwachsener nach Jahren plötzlich, Griffe und Tritte nach Farben getrennt zu benutzen, berichtet er. Und ein junger Mann kann nach Monaten im Klettertraining aus dem Rollstuhl aufstehen und einmal quer durch die Halle gehen.