Die "Enigma K"-Verschlüsselungsmaschine aus der "Open Codes"-Ausstellung.
Die "Enigma K"-Verschlüsselungsmaschine aus der "Open Codes"-Ausstellung. | Foto: ZKM/Anatole Serexhe

Codes verändern die Geschichte

„Enigma“: Alan Turing und das größte Rätsel des Zweiten Weltkriegs

Für die „Open Codes“ spielt der britische Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing gleich mehrere große Rollen. So formuliert er nicht nur 1950 den Fachaufsatz „Können Maschinen denken?“, der Generationen von Forschern inspirierte. Turing ist auch maßgeblich an der Entschlüsselung der „Enigma“-Codierung der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs beteiligt.

Nach Ansicht des damaligen britischen Premierministers Winstons Churchill hat er damit den größten Beitrag eines Individuums zum Sieg der Alliierten über Hitler-Deutschland geleistet. Eine „Enigma K“-Chiffriermaschine, vermutlich 1939 für die Schweizer Armee hergestellt, ist auch in der Ausstellung im ZKM zu finden.

Eine deutsche Erfindung

Der Apparat, erfunden vom deutschen Ingenieur Arthur Scherbius und 1918 zur Patentierung eingereicht, kann Nachrichten ver- und entschlüsseln. Er wird zunächst für kommerziellen Zwecke verwendet, verschwindet jedoch vom frei zugänglichen Markt, als die deutsche Armee die Bedeutung der „Enigma“, altgriechisch für Rätsel, erkennt. Die Verschlüsselung mit drei oder mehr Walzen sowie über die Steckerverbindungen macht eine enorme Anzahl von Kombinationen möglich (siehe Infokasten). Die Maschine ist robust, relativ leicht und batteriebetrieben. Während des Zweiten Weltkriegs sind schätzungsweise 100.000 bis 200.000 „Enigma“-Apparate im Einsatz.

Funktion der „Enigma“
Die „Enigma“ ähnelt einer Schreibmaschine, ein Tastenfeld umfasst die 26 Buchstaben des Alphabets. Zudem gibt es das sogenannte Lampenfeld mit ebenfalls 26 Buchstaben, die beleuchtet werden können. Per Steckfeld, das ebenfalls 26 Positionen aufweist, lassen sich etwa „A“ und „P“ per Kabel verbinden und dadurch vertauschen. Walzen, deren Anzahl je nach Typ der „Enigma“ variiert, können auf jeden Buchstaben eingestellt werden. Wenn der Sender eine Taste drückt, läuft ein Signal über das Steckfeld zu den Walzen, wieder zurück zu den Steckern und schlussendlich zum Lampenfeld, wo ein bestimmter Buchstabe aufleuchtet. Die rechte Walze dreht sich nach jedem Tastendruck um eine Position weiter, die anderen Rotoren folgen in einem bestimmten Abstand. Die codierte Nachricht wird aufgeschrieben und übermittelt. Damit der Empfänger die verschlüsselte Nachricht decodieren kann, muss er die genaue Ausgangskonfiguration der sendenden Enigma kennen.

Höchste Geheimhaltung in Bletchley Park

Spezialisten der Alliierten arbeiten unter größter Geheimhaltung in Bletchley Park, einem Landsitz etwa 80 Kilometer nördlich von London, daran, die Funksprüche der deutschen Armee und ihrer Verbündeten zu entschlüsseln. Zu ihnen gehört seit 1939 auch Turing, ein 1912 in London geborener, brillanter Mathematiker, der sowohl in Cambridge als auch in Princeton studiert hat.

Zwar haben polnische Mathematiker bereits zuvor herausgefunden, wie sie „Enigma“-Nachrichten entschlüsseln können und dieses Wissen mit den Briten geteilt. Jedoch erhöhen die Deutschen mit dem Ausbruch des Krieges die Sicherheitsmaßnahmen und ändern das Codesystem täglich.

Turing entwickelt zusammen mit Gordon Welchman die sogenannte Turing-Bombe, eine elektromechanische Maschine, die eingesetzt wird, um die mit der „Enigma“ codierten Nachrichten zu entschlüsseln. Den Briten gelingt es, zahlreiche Nachrichten der deutschen Streitkräfte zu lesen. Die Verschlüsselung der Kriegsmarine stellt die Kryptoanalytiker jedoch noch längere Zeit vor Probleme.

Die Decodierung der Meldungen hilft den Alliierten etwa bei der Luftschlacht um England. Schließlich kann die Royal Navy mithilfe der Experten in Bletchley Park  deutsche Versorgungsschiffe für Erwin Rommel in Afrika in großer Zahl versenken.

„Enigma“-Erfolg verkürzte Zweiten Weltkrieg um Jahre

Turing reist auch in die USA, um dort den militärischen Geheimdienst über die Funktionsweise seiner „Bombe“ zu informieren. Fachleute vermuten, dass die Leistungen der Experten in Bletchley Park dabei geholfen haben, den Zweiten Weltkrieg um rund zwei Jahre zu verkürzen.

Da das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr davon ausgeht, dass es bei den Alliierten vor der erfolgreichen Invasion in der Normandie 1944 Überlegungen gibt, Hitler mit der Atombombe zur Kapitulation zu zwingen, könnte Turing Deutschland vor der nuklearen Katastrophe bewahrt haben, die im August 1945 Japan ereilt.

Für seine Verdienste wird Turing zwar der Orden „Order of the British Empire“ (OBE) verliehen, seine letzten Jahre verlaufen aber sehr traurig: 1952 wird er wegen Homosexualität verurteilt und vor die Wahl gestellt, ins Gefängnis zu gehen oder sich einer Hormonbehandlung mit Östrogen zu unterziehen. Deren Ziel ist eine chemische Kastration.

Infolgedessen wird Turing depressiv und bringt sich am 7. Juni 1954 um, kurz vor seinem 42. Geburtstag. Wie groß sein Anteil an der Entschlüsselung der „Enigma“-Nachrichten ist, wird vollends erst in den 1990er Jahren bekannt. Turing wird 2013 von Queen Elizabeth II. begnadigt.

Filmvorführung im ZKM
Am Donnerstag, 29. März 2018, wird im Rahmen der „Open Codes“ der Film „The Imitation Game“ gezeigt, der von den Ereignissen in Bletchley Park handelt. Alan Turing wird von Benedict Cumberbatch verkörpert.