Die aus dem Jahr 1822 stammenden Orgelpfeifen aus der Wintersdorfer Kirche konnte Raphael Vilgis in die neue Orgel einbauen. Allerdings musste zuvor jede einzelne von ihnen wieder auf Vordermann gebracht werden. | Foto: Weber

Raphael Vilgis

Er baut sich seine eigene Kirchenorgel

Am 26. November wird der junge Organist Raphael Vilgis eine Orgel einweihen, die er besser kennt als jeder andere. Der Grund: Er hat sie selbst gebaut. Der 24-jährige Orgel- und Harmoniumbauer aus Baden-Baden, der beim Orgelbauer Matz & Luge in Rheinmünster arbeitet, kann sich deshalb auch völlig sicher sein, dass jeder Ton des Instruments in der St. Michaelskirche in Rastatt-Wintersdorf genau so klingen wird, wie er klingen soll.

„Bester Azubi im Land“

„Es kommt nicht oft vor, dass man sich seine eigene Orgel bauen kann“, sagt der junge Mann, der vor kurzem seine Ausbildung beendet hat und im Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks Landessieger in Baden-Württemberg und Zweitplatzierter in ganz Deutschland wurde. „Wir hatten schon viele Lehrlinge“, sagt Alex Matz, einer der beiden Chefs des 1989 gegründeten Unternehmens, dessen vier Beschäftigte in einer riesigen Halle im Rheinmünsterer Stadtteil Stollhofen arbeiten. „Aber so einen guten hatten wir noch nie.“

Schon mit 13 an der Orgel

Raphael Vilgis, der schon im Alter von 13 Jahren mit dem Orgelspielen begann und zuvor oft neben seinem Vater, einem Organisten, auf dem Bänkchen saß, hatte während seiner Schulzeit ein Praktikum in dem Betrieb absolviert, der auf den ersten Blick an eine große Schreinerwerkstatt erinnert. „Ursprünglich waren wir auf Neubauten spezialisiert“, sagt Alex Matz. „nach und nach kamen aber immer mehr Restaurationen hinzu.“ Letztes großes Projekt war die Orgel im Rastatter Schloss.

Vielfältiger Beruf

Der Beruf des Orgel- und Harmoniumbauers ist so vielfältig wie kaum ein anderes Gewerbe. Man hat nicht nur mit den verschiedensten Materialien (Holz, Metall, Leder, Stoffe, Filze) zu tun, sondern muss sich auch mit Elektronik auskennen. Man ist Schreiner, Metallbauer und Musiker in einem – denn ein Orgelbauer, der das Instrument selbst beherrscht, hat natürlich große Vorteile gegenüber einem Kollegen, der nicht auch noch Musiker ist.

Neue Klänge in Wintersdorf

Die in die Jahre gekommene Orgel in Wintersdorf klang zuletzt nicht mehr gut, weshalb die Kirchengemeinde eine neue in Auftrag gab. Raphael Vilgis, der in Wintersdorf nicht nur regelmäßig in den Gottesdiensten die Orgel bedient, sondern auch noch Kirchenchorleiter ist, konnte viele der alten Orgelpfeifen, die aus dem Jahr 1822 stammen, in die neue Orgel einbauen – nachdem er sie grundlegend überarbeitet hatte. „Die klangen nicht mehr gut“, sagt er und bläst in eine hinein. „Das hört sich an wie eine Flöte.“

Bis zu sechs Meter hoch

Wenn Vilgis und seine Kollegen in Stollhofen eine neue Orgel bauen, wird diese – wenn sie nicht höher ist als sechs Meter – zunächst komplett in der Halle aufgebaut. Danach baut man sie wieder auseinander, denn „so eine Orgel ist zerlegbar wie Omas Kleiderschrank“, sagt Alex Matz. So etwa zwischen 300 000 Euro und einer Million kostet im Durchschnitt eine neue Kirchenorgel, wobei nach oben hin keine Grenzen gesetzt sind.

Ein Portativ als Gesellenstück

Als Gesellenstück musste Raphael Vilgis übrigens ein Portativ bauen, das ist eine Art Mini-Pfeifenorgel. Eineinhalb Wochen durfte man sich vorbereiten, dann musste man das Instrument in einer zweieinhalbtägigen Prüfung zusammenbauen. Mit dieser gelungenen Abschlussarbeit wurde Vilgis dann auch Kammer- und Landessieger im Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks. Rund 40 Auszubildende gibt es deutschlandweit in diesem Beruf – Tendenz eher sinkend.

Risenrespekt vor der Orgel

Dennoch sind sich der Geselle und sein Chef sicher, dass echte Orgeln auch in Zukunft gefragt sein werden. „Elektroorgeln gehen gar nicht“, sagen beide. „Das sagen sogar jene Kirchenbesucher, die nicht im Chor singen oder selbst musizieren. Es klingt einfach bei weitem nicht so gut wie eine richtige Pfeifenorgel.“ Und außerdem machen die majestätischen Instrumente ja auch optisch einiges her: „Da kriegt man schon einen Riesenrespekt, wenn man vor einer meterhohen Orgel steht“, sagt Raphael Vilgis. Und das gilt vielleicht ganz besonders dann, wenn man diese Orgel auch noch selbst gebaut hat.