Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind, brauchen schnell Hilfe. Diese akute Versorgung hat sich die OTA zur Aufgabe gemacht. So kann auch die Zeit überbrückt werden, bis eine Behandlung bei einem Therapeuten möglich ist. | Foto: dpa

Karlsruher Trauma-Ambulanz

Erste Hilfe für Gewaltopfer

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Karlsruhe. Eine Frau kommt nach Hause und bemerkt, dass ihre Wohnungstür offensteht. Bei ihr ist eingebrochen worden, ein paar Dinge wurden gestohlen, aber der oder die Täter sind schon wieder verschwunden. Ein scheinbar harmloses Verbrechen, wie es tausendfach in Deutschland vorkommt. Doch die Frau reagiert sehr stark darauf: Sie ist extrem schreckhaft, fühlt sich in ihrer Wohnung nicht mehr sicher und kann nicht mehr zur Arbeit gehen. Deswegen sucht sie Hilfe bei der Opfer- und Trauma-Ambulanz Karlsruhe/Baden (OTA).

„Im Laufe der nächsten Sitzungen stellte sich heraus: Sie ist vor Jahren aus einem osteuropäischen Land gekommen, ihr Mann hat in der Rüstungsindustrie gearbeitet, und sie sind vom Geheimdienst überwacht und schikaniert worden. Für diese Frau hatte dieser Einbruch eine ganz andere Bedeutung“, erzählt Diplom-Psychologin Marianne Mahr in einem Raum der OTA in Karlsruhe.

„Wichtig ist nicht, was objektiv passiert ist“

Der Fall illustriert für sie einen ganz wichtigen Aspekt ihrer Arbeit: „Wichtig ist nicht, was objektiv passiert ist, sondern wie es subjektiv erlebt worden ist.“ Die OTA ist ein Projekt der 2008 gegründeten Behandlungsinitiative Opferschutz (Bios), ein gemeinnütziger Verein, dessen Vorsitzender Klaus Böhm ist, Richter am Oberlandesgericht Karlsruhe.

„Es ging darum, durch therapeutische Maßnahmen bei Abgeurteilten oder potenziellen Straftätern Straftaten zu verhindern“, erklärt Böhm. Ende 2014 wurde dann die OTA eröffnet, die sich auf die Opfer von Gewalt konzentriert. Auch um in der Stadt und im Landkreis Karlsruhe noch bekannter zu werden, veranstaltet Bios am Mittwoch, den 1. Februar, den ersten „Opferschutztag“, eine Tagung mit international anerkannten Experten.

Der erste „Bios-Opferschutztag“ findet am Mittwoch, den 1. Februar, im Karlsruher Ständehaussaal statt. Das zentrale Thema der Fachtagung lautet „Aktuelle Perspektiven und State of the Art in der Traumatherapie“. Nach Aussage des Bios-Vorsitzenden Klaus Böhm kommt alles „was Rang und Namen hat“ im Bereich Opfer und Trauma, darunter auch Andreas Maercker von der Universität Zürich und Julia Schellong vom Dresdner Universitätsklinikum.

Keine offizielle Krankenkassenzulassung

Denn Bios – und damit auch die OTA – hat ein Problem, sagt Böhm: „Wir sind ein gemeinnütziger Verein und haben keine offizielle Krankenkassenzulassung. Das hat die Folge, dass wir schauen müssen, wie wir uns finanzieren.“ Lediglich eine Krankenkasse übernehme die Kosten von fünf Gesprächsterminen.

Ansonsten sei Bios auf die Unterstützung der Stadt Karlsruhe und des Landratsamts, Geldbußenzuweisungen von Staatsanwaltschaften und Gerichten sowie Spenden angewiesen. Das reiche aber nach Angaben von Böhm nicht aus, um eine sichere, finanzielle Grundlage zu schaffen. „Wir wären ausgesprochen dankbar, wenn wir einen Sponsor finden würden.“

Bis zu einem halben Jahr Wartezeit auf einen Therapieplatz

Dabei erläutert Richter Böhm, wie bedeutend ihre Arbeit sei. „Wenn aktuell in Karlsruhe ein Übergriff auf ein Opfer stattfindet – Vergewaltigung, Raubüberfall oder Schlägerei –, kann es bis zu einem halben Jahr dauern, bis bei einem Therapeuten die Möglichkeit einer Behandlung besteht.“ Bei Bios könne ein Gewaltopfer anrufen und bekäme kurzfristig einen ersten Termin.

Das sei sehr wichtig, meint Gustav Wirtz, leitender Oberarzt der Rehabilitationseinrichtung für psychisch Kranke am SRH-Klinikum Karlsbad-Langensteinbach und ärztlicher Leiter der OTA. „Wenn die Behandlung nicht frühzeitig einsetzt, können sich Depressionen, Ängste oder andere psychische Störungen entwickeln.“

Immer mehr Gewaltopfer nutzen die OTA

Die Opfer- und Trauma-Ambulanz werde also dringend gebraucht, sagt Wirtz: „Wir hatten 2016 rund 90 Fälle. Das ist eine deutliche Steigerung gegenüber 2015.“ Laut einer OTA-Statistik geht es am häufigsten um körperliche Gewalt, aber auch um sexuelle Gewalt und Missbrauch.

„Wir arbeiten sehr gut mit dem Opferschutz der Polizei Karlsruhe zusammen“, erzählt Psychologin Mahr. Wenn Menschen zu ihr kämen, bespräche sie zuerst die Situation mit ihnen. Wichtig sei schließlich, was die Opfer als hilfreich erachteten. „Es kristallisiert sich sehr schnell raus, ob jemand eine längerfristige Behandlung braucht. Es geht teilweise auch darum, die Leute zur Therapie zu motivieren. Das ist für viele ein großer Schritt“, sagt Mahr.

Schreckhaftes Verhalten nicht außergewöhnlich

Meist helfe es aber, den Opfern zu erklären, dass ihr Verhalten nicht außergewöhnlich sei, wenn sie etwa „durch den Wind seien“, schlecht schliefen oder beim kleinsten Geräusch zusammenzuckten.

Das sei auch bei der Frau, in der Wohnung eingebrochen wurde, erfolgreich gewesen, erzählt Diplom-Psychologin Mahr. „Es war hilfreich, dass ich mit ihr besprochen habe, dass ihre Reaktionen normal sind, angesichts der traumatischen Situation, die sie erlebt hat.“

Sie erreichen die OTA telefonisch von 8 bis 16 Uhr unter (07 21) 47 04 39 35 oder über die Homepage www.bios-bw.de. Die Gespräche finden in einem Nebengebäude der Karlsruher „Münze“ in der Stephanienstraße 28b statt.