Über Grenzen hinweg ist Sylvia Müller-Wolff mit Stellensuchenden, Arbeitgebern und politischen Entscheidungsträgern in ganz Europa vernetzt und erarbeitet Lösungen für unterschiedlichste Herausforderungen.
Über Grenzen hinweg ist Sylvia Müller-Wolff mit Stellensuchenden, Arbeitgebern und politischen Entscheidungsträgern in ganz Europa vernetzt und erarbeitet Lösungen für unterschiedlichste Herausforderungen. | Foto: Peter Sandbiller

Zwischen Haguenau und Karlsruhe

Eures-Beraterin unterstützt Grenzgänger am Oberrhein

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In Frankreich wohnen, aber in Deutschland arbeiten – oder anders herum? Das ist für alle EU-Bürger möglich, aber kompliziert. Seit knapp 30 Jahren berät Sylvia Müller-Wolff von der Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt deutsch-französische Grenzgänger bei Fragen zur Jobsuche, zur Anerkennung von Abschlüssen oder Rechtlichem.  

Der erste Eindruck ist vor allem eines: einladend. „Kommen Sie rein, und nehmen Sie auf jeden Fall eine Brezel, ich habe extra mehr bestellt“, sagt Sylvia Müller-Wolff, und schon ist man mitten im Gespräch mit der 58-Jährigen, die mit gewinnendem Lächeln und komplizenhaftem Augenzwinkern sofort eine verbindliche Atmosphäre schafft.

An den Wänden farbenfrohe Gemälde, vor dem Fenster viele Pflanzen, dazwischen in Regalen und auf dem großen Schreibtisch viele Bücher und Broschüren, auf denen zwölf goldene Sterne auf blauem Hintergrund zu sehen sind: die Europaflagge.

Beratung zum grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt

In der trinationalen Oberrhein-Region (Deutschland, Frankreich, Schweiz) ist Sylvia Müller-Wolff eine von zehn Beraterinnen und Beratern der öffentlichen Arbeitsverwaltungen im europäischen Kooperationsnetzwerk Eures (siehe Hintergrund).

Ihre Aufgabe ist die Förderung der grenzüberschreitenden Mobilität auf dem europäischen Arbeitsmarkt – dazu ist Müller-Wolff mit Arbeitgebern, Arbeitnehmern und politischen Entscheidungsträgern vernetzt. Sie arbeitet etwa in Expertengruppen der Oberrhein-Konferenz mit, um Lösungsvorschläge für typische Grenzgänger-Probleme zu erarbeiten.

„Viele Dinge können wir allein auf der operativen Ebene nicht lösen, sondern sie müssen auf politischer Ebene geklärt werden“, erklärt sie. Wer etwa in Frankreich wohne und in Deutschland arbeite, egal welcher Nationalität er angehöre, habe mit Sonderfällen bei der Sozialversicherung oder im Steuerrecht zu tun.

Sprachbarrieren und komplizierte Rechtslage

Hinzu kommen Sprachbarriere und kulturelle Unterschiede. „Meine französische Kollegin wundert sich immer über mich, dass ich nicht überpünktlich bin. Nicht gerade typisch deutsch“, erzählt sie lachend.

Doch es gibt schwerwiegendere Probleme, mit denen Grenzgänger konfrontiert sind. Zum Beispiel Langzeiterkrankte, die aus der Versorgung durch die Krankenkasse herausfallen. „Die Grenzgänger fielen da früher in ein Loch“, erklärt Müller-Wolff: „Da sie nicht in Deutschland wohnhaft gemeldet waren, griff die deutsche Arbeitslosenhilfe nicht.“

Welches Land ist für Grenzgänger zuständig?

Das französische System sah sich aber auch nicht zuständig, da die Grenzgänger formal noch ein laufendes Arbeitsverhältnis in Deutschland hatten und sich deshalb nicht in Frankreich arbeitslos melden konnten. Dieses Problem sei nun gelöst. Heute gebe es außerdem etwa die Möglichkeit, Arbeitslosengeld aus Frankreich zu beziehen und in Deutschland Weiterbildungsmaßnahmen wahrzunehmen.

Hintergrund
Eures (für „European Employment Services“) ist ein 1993 im Zuge der Vollendung des europäischen Binnenmarktes durch die Europäische Kommission gegründetes Netzwerk. Es fördert die Freizügigkeit der Arbeitnehmer in den 28 EU-Mitgliedsstaaten (Großbritannien aktuell noch eingeschlossen) sowie in der Schweiz, Island, Liechtenstein und Norwegen.
Eures setzt sich aus dem Europäischen Koordinierungsbüro (ECO), den nationalen Koordinierungsbüros (NCO), den Eures-Partnern und den so genannten angeschlossenen Eures-Partnern zusammen. Zu den Partnern gehören öffentliche Arbeitsverwaltungen wie die Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt, aber auch private Arbeitsvermittlungen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und andere Akteure des Arbeitsmarktes. Die Partner stellen vor Ort Informationen bereit und bieten Dienste in Verbindung mit Stellenvermittlung und Einstellung für Arbeitgeber und Stellensuchende.
In den Regionen an den EU-Binnengrenzen, die 40 Prozent des gesamten Territoriums der Europäischen Union ausmachen, gibt es laut Eures knapp zwei Millionen Grenzgänger, die in einem Land arbeiten und in einem anderen leben. Dort kümmern sich transnationale Eures-Netzwerke (Eures-T) wie das Eures-T Oberrhein/Rhin Supérieur um die Bereitstellung von Informationen – etwa zu Fragen der Sozialversicherung und des Steuerrechts – und um Stellenvermittlung für Arbeitgeber und Grenzgänger. Das geschieht durch das Online-Portal unter https://ec.europa.eu/eures sowie durch die rund 1 000 Eures-Berater, die eurpaweit vernetzt sind.

 

Müller-Wolff ist als Beamtin der Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt angestellt, gleichzeitig gehört sie dem von der Europäischen Kommission finanzierten Netzwerk Eures-T Oberrhein an, das unter anderem den Druck von Informationsbroschüren und spezielle Weiterbildungsprojekte finanziert.

Konkrete Grenzgängerberatung auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite ist der Schwerpunkt der Eures-Berater: Jugendliche oder Studierende, die einen Praktikumsplatz im Ausland suchen, aber auch Arbeitnehmer „vom Hilfsarbeiter bis zum Manager“ oder Rentner, die sich fragen, in welchem Land sie zum Arzt gehen dürfen (in beiden Ländern – sie können bei ihrer Krankenversicherung je eine deutsche und eine französische Gesundheitskarte beantragen).

Anerkennung von Abschlüssen im Nachbarland

Auch Arbeitgeber benötigen Beratung: Braucht mein Mitarbeiter mit französischem Abschluss eine Anerkennung in Deutschland? „Erzieherin etwa ist ein anerkannter Beruf, der vom Regierungspräsidium bestätigt werden muss“, erklärt Müller-Wolff. Da bei Erziehern Mangel herrsche, sei man da großzügig.

„Es sind oft knifflige Fragen, deshalb ist es immer noch spannend für mich“, sagt sie. Kürzlich reiste Müller-Wolff zum Erfahrungsaustausch in die französische Region Nouvelle Aquitaine zwischen Bordeaux und Hendaye im Baskenland. Dort will man die grenzüberschreitenden Aktivitäten verstärken, etwa durch Module für spanisch-französische Ausbildungsgänge und eine dreisprachige Website.

Europa passiert zwischen Karlsruhe und Haguenau

Bei den jungen Menschen dort sei nämlich das Baskische überaus beliebt – ein entscheidender gemeinsamer Nenner. „Die automatische Zweisprachigkeit ist aber nicht gegeben – das ist genauso wie bei uns“, sagt Müller-Wolff. Allerdings hätten junge Franzosen kaum noch Interesse, Elsässisch zu sprechen. Ein Nachteil, wenn es darum gehe, im badischen Nachbarland zu arbeiten, findet Müller-Wolff.

„Europa passiert an den Binnengrenzen“, sagt sie, „zwischen Karlsruhe und Haguenau oder zwischen Straßburg und Kehl.“

Kontakt
Erste Anlaufstelle für alle Grenzgänger-Fragen am Oberrhein sind die sowohl Deutsch als auch Französisch sprechenden Beraterinnen der so genannten „One-Stop-Shops“. Sie sind unter Telefon (07 61) 20 26 91 11 oder per E-Mail an beratung@eures-t-oberrhein.eu erreichbar. Weitere Informationen unter www.eures-t-oberrhein.eu