Interview mit Susanne Asche: Es sei kein Zufall sagt die Kulturamtschefin, dass Karlsruhe auf dem Plakat zu den Europäischen Kulturtagen 2018 lila markiert ist. Lila – das ist die Farbe der Frauenbewegung.
Europäische Kulturtage Karlsruhe 2018: Es sei kein Zufall, sagt Kulturamtschefin Susanne Asche, dass Karlsruhe auf dem Plakat lila markiert ist. Lila – die Farbe der Frauenbewegung. | Foto: abw

Gespräch mit Susanne Asche

Europäische Kulturtage Karlsruhe – Frauenperspektiven inklusive

Frauenperspektiven? Da war doch mal was! 1991 richtete die Stadt Karlsruhe erstmals unter diesem Namen ein Kulturfestival aus. Danach alle zwei Jahre wieder – bis 2015. Vor allem weibliche Kulturschaffende kamen zu Wort und loteten Fragen nach der Geschlechtergerechtigkeit und der Rolle der Frau in der Gesellschaft aus. Doch Karlsruhe muss sparen. Und so beschloss der Gemeinderat auf Vorschlag der Verwaltung, die Frauenperspektiven mit den Europäischen Kulturtagen zu einem großen Kulturfestival mit gesellschaftspolitischer Ausrichtung zusammenzulegen. Die Bezeichnung „Frauenperspektiven“ kam dabei unter die Räder. Behauptet hat sich die Marke „ Europäische Kulturtage “. Die nächsten finden vom 20. April bis 5. Mai 2018 statt. Und zwar unter dem Motto „Umbrüche, Aufbrüche: Gleiche Rechte für alle“. Wir sprachen darüber mit Susanne Asche. Sie ist die Chefin des Karlsruher Kulturamts, das gemeinsam mit dem Badischen Staatstheater die Federführung bei den Europäischen Kulturtagen hat.

„Umbrüche, Aufbrüche: Gleiche Rechte für alle“
– Susanne Asche im Interview

Frau Asche, die Frauenperspektiven sind in den Europäischen Kulturtagen sozusagen aufgegangen. Sind Frauen-Anliegen jetzt nur noch Nebensache?

Susanne Asche: Nein, es wurde uns sogar ausdrücklich vorgegeben: Ihr müsst in jedem Fall den Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit beziehungsweise die Perspektive von Frauen aufnehmen.

… unter „ferner liefen“?

Susanne Asche: Keineswegs. Die Vorgabe hat bei unseren Kooperationspartnern geradezu elektrisierend gewirkt. Und dazu geführt, dass wir eine Programmatik haben, die deutlich auch feministische Positionen vertritt. Auch das Staatstheater als unser Hauptpartner ist sofort auf dieses Pferd aufgesprungen. So haben wir Ausstellungen, Symposien, Theaterproduktionen, Konzerte, Filme und, und, und, die entweder Künstlerinnen ins Zentrum stellen, Geschlechterverhältnisse thematisieren oder historisch bedeutende Frauengestalten beleuchten. Karlsruhe ist dazu geradezu prädestiniert.

Weil es um „Gleiche Rechte für alle“ geht und Karlsruhe die „Residenz des Rechts“ ist?

Susanne Asche: Das Bundesverfassungsgericht ist der Hort, der die verfassungsmäßig garantierte Gleichberechtigung in der Gesellschaft umgesetzt hat. Und Erna Scheffler, der ersten Richterin am Bundesverfassungsgericht, ist es zu verdanken, dass Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetztes – „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – nicht nur auf dem Papier steht, sondern tatsächlich in der Rechtsordnung verankert wurde. Das heißt: im Arbeitsrecht, im Familienrecht und im Sozialrecht.
Aber Karlsruhe hat beispielsweise auch in der Bildungsemanzipation eine wesentliche Rolle gespielt: Hier wurde 1893 das erste deutsche Mädchengymnasium eröffnet. Das war ein Meilenstein auf dem Weg zur wissenschaftlichen Gleichberechtigung.

Werden solche Themen bei den Europäischen Kulturtagen konkret aufgegriffen?

Susanne Asche: Ja. Die Verfassungsrichterin Susanne Baer hält etwa den Einführungsvortrag bei der Eröffnung im Rathaus. Und die beiden Schulen, die auf das erste Mädchengymnasium zurückgehen – das Fichte- und das Lessinggymnasium – bespielen einen Tag lang die Sophienstraße.

Europäische Kulturtage und die Jubiläen des Jahres 2018

Mit dem Motto „Umbrüche – Aufbrüche: Gleiche Rechte für alle“ beziehen sich die Europäischen Kulturtage auf verschiedene Jubiläen des Jahres 2018. Sie, Frau Asche, sind ja nicht nur Kulturamtschefin, sondern auch Historikerin. Lassen Sie uns doch einmal mit Blick auf die Rechte der Frauen diese Jubliäen etwas näher betrachten.

Susanne Asche: Ja, gerne.

1818 – Vorreiter Baden?

Im Jahr 1818 wurde die Badische Verfassung unterzeichnet. Sie galt als die fortschrittlichste ihrer Zeit…

Susanne Asche: … und war ein absolutes Aufbruchsignal in Richtung parlamentarische Demokratie …

… aber nicht für Frauen!

Susanne Asche: Nein, nur für Männer. Zuvor, während der Französischen Revolution, hatten auch Frauen um politische Rechte gekämpft. Die Schriftstellerin Olympe de Gouges etwa verfasste 1791 eine „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“. Die Frauenrechtlerinnen drangen mit ihren Forderungen aber nicht durch – und Olympe de Gouges wurde vor dem Revolutionstribunal angeklagt und 1793 in Paris guillotiniert.
In der Folge der Französischen Revolution wurde explizit „das Weibliche“ erfunden – man verbannte Frauen in den voröffentlichen und vorpolitischen Raum, in die Familien. So war es ganz selbstverständlich, dass sie in der badischen Verfassung von 1818 nicht auftauchten.
Auch die berühmten Salons und die Schriftstellerinnen der Romantik – das war ein letztes Aufbäumen, bevor die Frauen für lange Zeit für die Öffentlichkeit unsichtbar wurden.

Revolution 1848

Und wie stellte sich die Situation in der Revolution von 1848/49 dar?

Susanne Asche: Da gab es tatsächlich Frauen, die das Wort erhoben. Beispielsweise Louise Otto, die eine Frauenzeitschrift unter dem Motto „Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen“ herausgab. Oder hier bei uns Henriette Obermüller, die Präsidentin des revolutionären „Vereins der Demokratinnen Durlachs“. Sie wurde später wegen Hochverrats angeklagt. In Sachsen erließ man mit Blick auf das Schaffen Louise Ottos die „Lex Otto“, ein Gesetz, das es Frauen verbot, als Zeitungsredakteurinnen zu arbeiten. Und das preußische Vereinsgesetz, das die meisten anderen deutschen Staaten übernahmen, untersagte es Frauen, politischen Vereinen beizutreten.

1918 – Frauenwahlrecht

Erst der verlorene Erste Weltkrieg 1918 bescherte den deutschen Frauen dann das Wahlrecht.

Susanne Asche: Ja, 1918 brachte die politische Gleichberechtigung. Aber nicht die auf sozialem, wirtschaftlichen und sonstigen Gebieten.

1948 – Arbeit an der Verfassung

Springen wir zum Jahr 1948.

Susanne Asche: Das brachte einen ganz großen Beginn, die Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen. 1948 begann zudem der Parlamentarische Rat, die Verfassung zu erarbeiten – mit Artikel 3 Absatz 2. Er war das Resultat einer breit angelegten Frauen-Solidarität – die Väter des Grundgesetzes wollten ihn in dieser Form ja eigentlich nicht. Tatsächlich trat das durch das Grundgesetz geforderte Gleichberechtigungsgesetz auch erst 1958 in Kraft.

1968 – Unruhen in ganz Europa

Auch danach wurden die im 19. Jahrhundert ausgebildeten Geschlechterrollen in den meisten Familien zunächst weitergelebt und wenig hinterfragt.

Susanne Asche: Bis zu den Tomatenwürfen von 1968. Vor 50 Jahren kam es europaweit zu Unruhen. Eine junge Generation definierte neue Werte, forderte mehr soziale Gerechtigkeit und wehrte sich gegen die Diskriminierung bestimmter Menschengruppen. Mit der Neuen Frauenbewegung und den neuen sozialen Bewegungen der 70er-Jahre trat dann ein Umdenken auf allen gesellschaftlichen Ebenen ein.

2018 – „Gleiche Rechte für alle“: wieder brennend aktuell

Und wo stehen wir heute?

Susanne Asche: Wenn wir die historische Entwicklung betrachten, fällt ins Auge, dass auf Zeiten des gesellschaftlichen Aufbruchs in der Regel Gegenbewegungen folgten: Bewegungen der Abgrenzung, des Ausschlusses und der Neukonstruktion von Identität – meist einer männlichen Identität.
Gerade erleben wir, dass Antifeminismus, Populismus, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und andere Formen der Ausgrenzung wieder salonfähig werden – in manchen Gegenden Europas, an den Grenzen Europas, in den USA. „Gleiche Rechte für alle“ sind eben nicht selbstverständlich. Das macht das Thema der Europäischen Kulturtage 2018 so spannend und brennend aktuell.

Was Susanne Asche sich wünscht

Aus der Perspektive einer Feministin – was erhoffen Sie persönlich sich von den Europäischen Kulturtagen 2018?

Susanne Asche: Ich würde mich freuen, wenn viele junge Frauen zu den Veranstaltungen kommen. Bei den Frauenperspektiven war das zuletzt nicht mehr so der Fall. Es wäre schön, wenn uns ein neuer Generationen-Dialog gelingen würde.

Europäische Kulturtage Karlsruhe 2018: Vom 20. April bis 5. Mai 2018 finden in Karlsruhe über 80 Veranstaltungen zum Thema „Umbrüche, Aufbrüche: Gleiche Rechte für alle“ statt. 34 Kultureinrichtungen, Gruppen und Einzelinitiativen beleuchten das Thema aus ihrer jeweils eigenen Perspektive. Das Kulturfestival versteht sich als Plädoyer für eine weltoffene Gesellschaft. Hier geht es zum Programm.