Während Fraktionschefin Alice Weidel zu den etwa 250 Besuchern sprach, demonstrierten draußen etwa 500 Menschen.
Während Fraktionschefin Alice Weidel zu den etwa 250 Besuchern sprach, demonstrierten draußen etwa 500 Menschen. | Foto: jodo

AfD-Diskussion in Durlach

Europahymne und Europaschelte

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Die AfD lud zum Themenabend nach Durlach ein: Während Alice Weidel in der Karlsburg über Europa sprach, demonstrierten draußen 500 Menschen. Emotionen gab es auf beiden Seiten.

Der 81-jährige Mann steht im Regen alleine dort, wo niemand stehen darf – vor der Durlacher Karlsburg, zwischen Polizei und Demonstranten. Am Absperrband stützt er sich auf seinen Regenschirm und liest die Plakate. „Eure Kinder lesen heimlich Marx“. „Liebe deinen Nächsten“. Etwa 500 Menschen sind gekommen, um gegen den AfD-Themenabend zu Europa zu demonstrieren. Sie pfeifen, rufen „haut ab“. Der Mann geht, winkt ab. „So ein Zirkus, demokratieunfähig.“

Der AfD-Wähler sieht das erste Mal Protest gegen seine Partei, er ist erschüttert. Es ist eine der ganz wenigen Stimmen dieser Art an diesem Freitagabend – Vertreter beider Seiten betonen im Herzen von Durlach, dass friedlicher Protest zur Demokratie gehört.

Anzugträger neben Jugendlichen in Star-Wars-T-Shirts

Vor der Karlsburg spielen sich dennoch emotionale Szenen ab. Eine ältere Frau geht mit ihrem Rollator zum Eingang. „Gegen rechts“, rufen manche Demonstranten. Die Frau bleibt stehen und ruft zurück: „Ihr Linken tut gar nichts für die Gerechtigkeit.“ Ihre letzten Meter bis zum Eingang werden von einem Pfeifkonzert begleitet.

Drinnen im voll besetzten Saal sitzen ergraute Anzugträger neben Jugendlichen in Star-Wars-T-Shirts, auch junge Eltern mit Babys sind dabei. Etwa 250 Menschen sind gekommen, es sind auch zahlreiche Sicherheitsleute zu sehen. Man hört im Saal deutlich die Pfiffe von draußen. „Wenn Sie helfen wollen, das Land vor diesen Krakeelern zu bewahren, sind Sie bei uns herzlich willkommen“, sagt ein Redner – es ist das einzige Mal, dass die Organisatoren die Menschenmenge draußen erwähnen.

Karlsruher Abgeordneter spricht über Fahrverbote

Die Veranstaltung läuft etwa 20 Minuten, als AfD-Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel mitten in die Vorstellung der Parteikandidaten zur Kommunalwahl hereinplatzt. Augenblicklich gibt es lauten Applaus. Weidel macht einen großen, freudigen Hüpfer vor dem Podium, reißt die Arme in die Höhe und strahlt. Sie hat noch nicht ein Wort gesprochen, schon hat sie das Publikum im Griff. Sie wird gefeiert wie ein Star.

Rund 500 Gegen-Demonstranten sind am Freitagabend vor die Karlsburg gekommen.
Rund 500 Gegen-Demonstranten sind am Freitagabend vor die Karlsburg gekommen. | Foto: Raviol

Ehe die Hauptrednerin zu Wort kommen darf, werden die Zuhörer aber noch auf einen emotionalen Themenritt durch die Parteiagenda mitgenommen. Der Karlsruher AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Bernhard wettert gegen Fahrverbote und angeblich willkürlich festgelegte Stickstoffdioxidwerte. „Seien Sie froh, dass Sie Weihnachten überlebt haben“, ruft er sarkastisch dem Publikum zu. „Denn ein Adventskranz mit vier Kerzen pustet 140 Mikrogramm Stickstoffdioxid in die Luft.“

„Omas gegen rechts“ unter den Demonstranten

Bernhard nennt die deutsche Energiewende einen Riesenfehler und prophezeit einen gewaltigen Blackout in Europa – mit „mehreren Tausend Toten“ in Deutschland. Er nennt das Pariser Klimaabkommen „Pseudowissenschaft“ und zweifelt die Erderwärmung an: „Es ist nichts passiert.“ Schließlich verdammt der Redner den UN-Migrationspakt mit den Worten: „Mit Gott schließt man einen Bund, mit dem Teufel einen Pakt.“ Lauter Applaus.

Auf dem Platz vor der Karlsburg singen die Menschen unterdessen die Europa-Hymne. In der Menge ist eine Gruppe gut zu erkennen: Fünf Frauen strecken ihre Schilder „Omas gegen rechts“ nach oben. „Wir zeigen der AfD, dass wir sie nicht wollen“, sagt Inge Heimer (57). In Kandel würden sich etwa 20 Frauen im Alter zwischen 30 und 75 Jahren als „Omas gegen rechts“ treffen. „Nach der Ermordung von Mia laufen dort jeden Monat Nazis herum.“

Alice Weidel erklärt Euro für gescheitert

Präsenz zeigen wollen auch Luise Clauß (16) und Linn Odenheimer (15). „Wir haben es heute in der Schule mitbekommen – da war klar, dass wir kommen“, sagt Clauß. „Wir wollen andere Meinungen aber nicht nur herunter machen, sondern auch diskutieren“, fügt Odenheimer an. Diskussionen gibt es an dem Abend weniger, eher Emotionen. Nach zwei Papierfliegern landen auch zwei Bierflaschen einen halben Meter vor einem Polizisten auf dem Boden. Polizei-Einsatzleiter Andreas Vortisch spricht dennoch von einem guten Ablauf – es gebe keine Vorfälle.

Es ist ihr Moment im Rampenlicht. „Nach meiner politischen Karriere mache ich Kabarett“, verspricht eine gut gelaunte Alice Weidel den Zuhörern. „Aber jetzt ist es ernst.“ Weidels Vortrag trägt den Titel „Europa neu denken“, dazu gehört offenbar die Neubewertung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags. Sie nennt ihn eine „tiefe Verbeugung einer angezählten Kanzlerin vor einem angeschlagenen Präsidenten“. Der Vertrag besiegelt aus Weidels Sicht eine Plünderung der deutschen Staatskasse für französische Reformen. Das dient der Rednerin als Überleitung zu einer umfangreichen Schelte einer „politischen Zwangseinigung“ der Staaten in einem europäischen „Korsett der Gleichmacherei“. Sie erklärt das „Experiment“ des Euro für „grandios gescheitert“ und die deutschen Steuerzahler für „zwangsenteignet“ durch die Europäische Zentralbank.

15 Beschwerden an die Stadt

Europa neu denken – das bedeutet nach Weidels Lesart, dass die Nationalstaaten alle wichtigen Entscheidungen treffen und jedes Land Vetorecht gegen die Bürokratie in Brüssel hat. Diese Bürokratie habe den „selbstbestimmten Menschen in eine Defensive gedrängt“, das sei „ein demokratischer Rückschritt“, ruft die 39-Jährige zornig. Sie verabschiedet sich von der Bühne mit den Worten: „Meine Rede war etwas ruhiger heute, ich denke, ihr habt es goutiert.“

Dass die Stadt die Karlsburg an die AfD vermietet hat, sorgte bei einigen Demonstranten für Ärger. Bei der Stadt gingen etwa 15 Beschwerden wegen der Vermietung ein, die ihr 800 Euro eingebracht hat. „Kritische Rückmeldungen gibt es wegen der AfD immer“, sagte am Freitag ein Stadtsprecher. „Im Grunde kann den Saal aber jeder Bürger mieten, Parteien haben sogar einen Anspruch darauf.“