Auf der Leinwand des ZKM wurde den Wirtschaftsexperten deutlich gezeigt, worum es im Kampf der Digitalmärkte geht. Daten sind die Ware. Mit dieser Ware solle der europäische Markt pfleglicher als die Konkurrenz umgehen, hieß es bei dem Treffen | Foto: Raviol

Sprung-Innovationen

Experte erklärt im Karlsruher ZKM: So soll Deutschland im digitalen Rennen aufholen

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Die USA und China stellen die größten digitalen Plattformen bereit. Rafael Laguna de la Vera soll dafür sorgen, dass Deutschland in dem Rennen nicht untergeht. Der Bundesbeauftragte für Sprung-Innovationen erklärte im ZKM, in welchen Bereichen er noch Chancen sieht.

Aufwachen, der Griff zum Smartphone, Nachrichten lesen. Facebook, Instagram, Twitter. Mails schreiben, Beiträge liken. Nach zehn Minuten liegt der Nutzer immer noch im Bett. Der Morgen, wie ihn Thomas Neumann im ZKM vor Wirtschaftsexperten beschreibt, ist für viele Menschen längst Gewohnheit.

Anders als vielen Menschen ist sich Neumann – beim KIT für den Bereich Innovationen zuständig – über die Konsequenzen bewusst: „Diese Plattformen bieten Geborgenheit – dafür gibt man viel preis. Die Ware sind unsere Daten.“

Monopol in den USA, Überwachung in China

Wer an den bekannten sozialen Plattformen teilnehmen möchte, kommt an den Angeboten aus den USA und China nicht vorbei. Doch die einen sichern sich eine Monopol-Stellung und die anderen überwachen. Davor warnt Rafael Laguna de la Vera. Der Software-Unternehmer ist vor allem im Open-Source-Bereich erfolgreich und in der Branche ein anerkannter Kopf.

Den möchte die Bundesregierung als Chef der Agentur für Sprunginnovation nutzen.
Kurz: Laguna soll dafür sorgen, dass Deutschland im digitalen Rennen gegen die USA und China gewaltig aufholt.

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Marktanteil von über 90 Prozent

„Wenn die Digitalisierung in die Hände von Systemen fällt, die nicht mit unseren Werten übereinstimmen, leben wir in einem Überwachungsstaat“, warnt Laguna. „Oder wir werden von ein paar großen Unternehmen kontrolliert. Wenn wir begreifen würden, was da abgeht, würden wir unsere Handys ins Klo schmeißen.“

Die USA und China haben mit ihren Internetplattformen einen Marktanteil von über 90 Prozent. Doch Laguna sieht das Rennen aus deutscher und europäischer Sicht nicht verloren. Seine These hält im Zentrum für Kunst und Medien auch einem Stimmungsbild stand. Dort sehen drei Viertel der hiesigen Unternehmer und Wirtschaftsexperten noch Chancen.

Die letzte Sprunginnovation aus Deutschland war das Auto vor 140 Jahren

Doch vor der Aufbruchstimmung kommt die demütige Einsicht. Laguna ist Experte für Sprunginnovationen. Den Begriff fand die Bundesregierung attraktiv – im Prinzip geht es um bahnbrechende Erfindungen. „Die letzte aus Deutschland war das Automobil vor 140 Jahren“, sagt Laguna. Bei allem, was danach kam, habe Deutschland nur zugeliefert.

15 Jahre Youtube
Seit anderthalb Jahrzehnten gibt es Youtube. Was mit einem banalen Tiervideo begann, ist heute ein Milliardengeschäft. | Foto: Carsten Rehder/dpa

Der 56-Jährige hat den Jubel in Berlin miterlebt, als Elon Musk verkündete, in Brandenburg eine Tesla-Fabrik bauen zu wollen. „Das geht ein in die Geschichtsbücher als ironischster Tag der deutschen Automobile.“ Laguna möchte einem der erfolgreichsten Unternehmer der Welt nicht die Hände schütteln für seine Deutschland-Pläne – er möchte eigene Pläne sehen.

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„Sich trauen, als Idiot dazustehen“

Der 56-Jährige ist auf der Suche nach Unternehmern mit gewagten Ideen. „Sprunginnovationen müssen verrückt sein. Man muss sich trauen, als Idiot dazustehen.“

Rund eine Milliarde Euro hat Laguna in den kommenden zehn Jahren zur Verfügung. Er entscheidet, in welchen Unternehmern er Potenzial sieht. Diese können finanziell gefördert werden. Der Gedanke an junge Start-Up-Unternehmer liegt nahe.

Auch 80-Jährige präsentieren Innovationen

Doch Laguna sagt: „Uns rennen auch 70- bis 80-Jährige die Bude ein.“ Alter spielt keine Rolle. „Ich setze auf die Elon Musks und Marie Curies, die für ihre Sache brennen – auf Menschen, die nichts anderes tun als 24 Stunden an ihre Sache zu denken.“

Die Agentur kann aber auch mit Kontakten oder Anregungen für Gesetzesänderungen weiterhelfen. Doch letztlich, betonte Laguna, könne Deutschland mit den Werten der sozialen Marktwirtschaft punkten. Das sieht er als Alleinstellungsmerkmal. Auf einen europäischen Prozess dürfe man da nicht warten.

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„Das wäre das Ende unserer Freiheit“

Chancen gebe es durchaus noch, etwa in der Künstlichen Intelligenz. „Um eine Katze zu erkennen, brauchen die Systeme wahnsinnig viele Daten.“ Selbst Kinder tun sich da leichter. „Das ist wirkliche Intelligenz.“
Laguna ließ seine Ansprache mit einem schallenden Satz enden. „Ist die Privatsphäre vorbei? Das wäre das Ende unserer Freiheit.“

Viel mehr sollen eigene Plattformen die ausländische Konkurrenz verdrängen, wie auch der Karlsruher Groß-Unternehmer Martin Hubschneider formuliert: „Es muss uns gelingen, bis 2030 die digitale Souveränität zurückzugewinnen.“