Kommt meine Bahn? Zugausfälle verärgern Kunden der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG). | Foto: Uli Deck (Archiv,dpa)

Grippe nur eine Ursache

Fahrermangel: weitere Zugausfälle bei der AVG

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Das Wort Krisensitzung möchte Unternehmenssprecher Michael Krauth nicht in den Mund nehmen. Doch die tägliche 15-Uhr-Zusammenkunft bei der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) ist eigentlich nichts anders. Es geht immer um dieselben Fragen: „Wie viele Fahrer sind heute im Dienst? Wie viele werden morgen da sein?“

Zugausfälle auch auf S4, S31 und S7

Und dann sind die Disponenten gefragt: Welche Züge auf welcher Linie müssen wegen Fahrermangel gestrichen werden? Keine Frage: Der Ärger der Kundschaft ist programmiert, denn inzwischen sind nicht nur die Linie S1, S11 und S5 von Ausfällen betroffenen, sondern auch  S4, S31 und S7.

Jeder Ausfall tut uns weh

Die AVG informiert täglich gegen 17 Uhr auf der Homepage des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV), welche Linien aktuell von Zugausfällen betroffen sein werden. Das verärgert insbesondere treue Nahverkehrsnutzer, die auf Verlässlichkeit setzen. „Jeder Ausfall tut uns weh“, sagt Sprecher Michael Krauth.

Zuletzt 57 von 350 Triebfahrzeugführern krank

In der vergangenen Woche seien 57 der insgesamt rund 350 AVG-Triebfahrzeugführer krank gemeldet gewesen. Der Krankenstand schwanke täglich. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Verspätungen und Zugausfälle – das sind zwei Stichworte, mit denen die treuen Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs im Einzugsbereich des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV) in der Vergangenheit immer wieder vergrault wurden. Die AVG bedient im KVV die meisten Linien mit Bussen und Bahnen.

AVG mit Imageproblem

Doch das einstige bundesweite Vorzeigeunternehmen hat mehr und mehr ein Imageproblem – und das nicht nur wegen der vielen Baustellen im Zuge der so genannten Kombilösung in Karlsruhe. Schon seit Jahren versucht die AVG, eine verfehlte Personalpolitik früherer Jahre auszugleichen.

Verfehlte Personalpolitik in früheren Jahren

Doch der Markt an so genannten Triebfahrzeugführern ist so gut wie leer gefegt und trotz intensiver AVG-Bemühungen, neue Kräfte auszubilden, hat sich an der Situation nicht wirklich etwas geändert. Die AVG hat immer noch zu wenige Fahrer. Das ist eine unbestrittene Tatsache.

Es fehlen 30 Triebfahrzeugführer

Sprecher Krauth beziffert den so genannten Unterbestand aktuell mit 30 Bahnlenkern. Derzeit beschäftigt die AVG rund 350 Triebfahrzeugführer. Auch die Deutsche Bahn und andere Bahnunternehmen, das ist kein Geheimnis, suchen händeringend Lokführer.

Überstundenbremse schlägt durch

Wie Informanten aus gut unterrichteten Kreisen gegenüber dieser Zeitung glaubhaft versicherten, sind für aktuelle Zugausfälle allerdings nicht nur an Grippe erkrankte  Triebfahrzeugführer  die Ursache, wie es die AVG in einer Pressemitteilung Ende Februar verlauten ließ.

Viele hätten vielmehr zu ihrer Jahresarbeitszeit vor dem Ende des Geschäftsjahres am 31. März bereits so viele Überstunden angehäuft, dass die in der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) organisierten  AVG-Mitarbeier  ihre im Tarifvertrag festgelegte Überstundenbremse (100) erreicht haben. Die Folge: Sie haben ein Anrecht auf Freizeit – und stehen dann derzeit ebenfalls  zur Verfügung.

Zulage für die, die dennoch fahren

Die AVG versucht übrigens, dem ganz unkonventionell zu begegnen: Betroffene werden telefonisch angefragt, ob sie gegen Zahlung einer Zulage nicht doch bereit wären, den Dienst aufzunehmen. Ein Vorgehen, das Krauth bestätigt. Dass diese Situation unter dem Strich auch eine Entwicklung ist, die im Personalmangel ihre Ursache hat, ist nicht von der Hand zu weisen.

Kunden und Stimmen aus dem Fahrerlager ärgern sich freilich vor allem darüber, dass im Zusammenhang mit den bis Ende März auf einigen Linien angekündigten Zugausfällen von der AVG offiziell nur die Grippewelle angeführt wurde.

Verärgerte Kundschaft

Auf BNN-Anfrage räumt Sprecher Krauth ein, dass neben den Krankmeldungen – in der vergangenen Woche waren es 57 der insgesamt rund 350 Triebfahrzeugführer, die ausfielen – und dem Unterbestand auch die Überstundenbremse für den verschärften Engpass mitverantwortlich ist.

Abstriche bei Urlaubsplanung

Doch das ist nicht das einzige Problem: Hinzu kommt, dass Fahrer bei Urlaubswünschen Abstriche machen müssen – und so noch mehr Resturlaub anhäufen. Der nächste Engpass ist programmiert. Und: Die, die im Dienst sind, seien oft an der Belastungsgrenze, meint ein Insider.

Hinzu kommt, dass die Kundschaft ihren Unmut vielfach an den Fahrern auslässt, etwa in der Bahn, die auf einen ausgefallenen Zug folgt. „Da fallen schon mal heftige Kommentare“, berichtet ein Betroffener.

Da fallen schon mal heftige Kommentare

Zudem müsse man sich als Fahrer immer wieder auf abweichende Dienstpläne einstellen. An welchen Stellschrauben kann noch gedreht werden?

Mehraufwand bei Wegezeit

Als sehr sensible Stelle im Konstrukt gelten die Disponenten. Fahrer würden sich allerdings bislang über wenig abgestimmte Einsätze auf unterschiedlichen Linien wundern. heißt es. Das bedeute Mehraufwand bei der Wegezeit. „Da fährt ein Kollege von Karlsruhe zum Einsatz nach Bretten und der von Bretten nach Karlsruhe“, nennt ein Betroffener ein Beispiel.

Karlsruher Modell
Vom Umland ohne umsteigen in die Stadt: Mit einer Zweisystem-Stadtbahnlinie machte die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) im Jahr 1992 bundesweit auf sich aufmerksam. Die Verknüpfung von Straßenbahn und Eisenbahn sorgte zunächst auf der Strecke von Karlsruhe nach Bretten als Karlsruher Modell für Aufsehen und ist inzwischen auf nahezu allen Eisenbahnstrecken in der Region Alltag. Dabei wechselt die Straßenbahn von 750 Volt Gleichspannung (Straßenbahnfahrleitung) auf 15 000 Volt 16 2/3 Hertz Wechselspannung (Bahn). Der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) gilt als drittgrößter Verkehrsverbund in Baden-Württemberg. Er wurde 1994 gegründet und umfasst 20 Verkehrsunternehmen, die für ihn Leistungen mit Bussen und Bahnen erbringen und nach KVV-Angaben 251 Linien bedienen. Größter Anbieter ist die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG). Sie wurde 1957 als Betreibergesellschaft für die Albtalbahn und die Bahnstrecke Busenbach–Ittersbach gegründet.

https://www.avg.info/

https://www.kvv.de/