Am Fahrradzähler in der Erbprinzenstraße rollt in sonnigen Mittagsstunden ein Radfahrer nach dem anderen vorbei. Die Radverkehrsplaner der Stadt bauen Ergebnisse des Fahrradklimatests in ihre Ausbaustrategie ein.
Am Fahrradzähler in der Erbprinzenstraße rollt in sonnigen Mittagsstunden ein Radfahrer nach dem anderen vorbei. Die Radverkehrsplaner der Stadt bauen Ergebnisse des Fahrradklimatests in ihre Ausbaustrategie ein. | Foto: Archiv/jodo

Neue Ideen für Radhauptstadt

Bekommt Karlsruhe bald Fahrradparkhäuser?

Anzeige

Wie ist es, mit dem Fahrrad in Karlsruhe unterwegs zu sein, der Stadt, die jetzt dank Bestnote in der Klasse der Großstädte mit maximal 500 000 Einwohnern Fahrradhauptstadt Deutschlands ist? 1.900 Menschen haben die knapp 30 Einzelfragen im Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) aus ihrer Sicht auf Karlsruhe beantwortet. Diese detaillierten Bewertungen haben nun auch die Experten für den Radverkehr im Stadtplanungsamt auf dem Tisch – übrigens keinen Moment vor der Bekanntgabe der Sieger und Ergebnisse am Montag in Berlin.

Die Auswertung dient Karlsruhes amtlichen Radverkehrsstrategen zur Vorbereitung eines Beteiligungsverfahrens. Denn im Herbst startet die Fortschreibung des 20-Punkte-Programms, ein Prozess, in den erneut die organisierten Radfahrer der Stadt und andere engagierte Bürger einbezogen werden. Mit dieser Methode und diesem Programm machte sich Karlsruhe vor inzwischen 15 Jahren auf, Fahrradstadt zu werden.

Wir sind stolz und froh über diese Position, aber wir können uns nicht darauf ausruhen.

Ulrich Wagner führt das kleine, aber erfahrene Fahrrad-Planerteam im Technischen Rathaus an. „Wir sind stolz und froh über diese Position, aber wir können uns nicht darauf ausruhen“, sagt er. „Unser Ziel ist, gut zu werden.“

Schon lange verharrt Karlsruhe auf der Note 3

Wagner hofft, schon in zwei Jahren „die Drei zu knacken“, die Note, auf der Karlsruhe schon lange verharrt. (Siehe auch „Stadt glänzt mit Beständigkeit“.) Kein Ergebnis des Klimatests überrascht die Stadtplaner. Kritik von Radfahrern, die negative Alltagserfahrungen melden, erreicht sie regelmäßig. Zudem kennen die Planer die Schwächen im Radwegenetz, Lücken, verzögerte und aufgeschobene Vorhaben.

Lob für „Dunkel-Ampeln“

Zufriedene Reaktionen ernten sie aber auch. Zu „Dunkel-Ampeln“ etwa, die in großer Zahl montiert wurden. Sie bleiben schwarz, so dass sie passiert werden dürfen. Wer will, kann sie aber per Knopfdruck aktivieren. Dann leuchtet Rot für Motorisierte auf und Grün für die Querenden, zum Beispiel Familien mit kleinen Kindern, ältere oder unsichere Verkehrsteilnehmer.

Paradebeispiel ist der Überweg am Fuß der Weiherfeldbrücke beim Stephanienbad. „Ich war skeptisch, ob das angenommen wird, aber wir haben viel positive Resonanz bekommen“, berichtet Wagner.

Wir streben an, dass die Breite der Fahrbahn kein Überholen zulässt.

Einen deutlichen Schritt vorwärts versprechen sich die Radwegbauer von der Route Richtung Hagsfeld. Planerische Nachforderungen des Landes, das Zuschuss gewährt, verzögerten die Ausführung. Ab dem Durlacher Tor soll die Linienführung für Radler via Haid-und-Neu-Straße am Hauptfriedhof vorbei in die nordöstlichen Teile des Stadtgebiets und weiter nach Stutensee deutlich verbessert werden.

15 Fahrradstraßen gibt es bereits

Gute Erfahrungen machen die Planer auch mit Fahrradstraßen. 15 gibt es bisher, weitere sieben sind geplant. „Inzwischen kommt die Forderung auch von Bürgervereinen“, erzählt Wagner. Die Verkehrszählung zeigt, ob die Umwidmung angebracht ist wie aktuell im Dammerstock in den Straßen Links und Rechts der Alb.

Die Klagen von Radlern, dass Autofahrer sie bedrängen und gefährlich nah überholen, kennt das Planerteam. Das Tempo-30-Limit als Mitursache für die Konflikte ist Bundesvorgabe. „Wir streben an, dass die Breite der Fahrbahn kein Überholen zulässt“, sagt Wagner.

Parkhäuser sollen Fahrraddiebstähle verringern

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer habe bei der Kür der Klimatest-Sieger angekündigt, das Thema „sicherer Seitenabstand“ stärker zu verfolgen. Zudem erarbeite die Universität Wuppertal Standards für Fahrradstraßen. Angehen wollen die Radverkehrsplaner den Mangel an sicheren Abstellplätzen gerade für teure Fahrräder. „Damit steht und fällt die Diebstahlquote“, so Wagner.

Ins Auge fasst das Team insbesondere Parkhäuser in der City, etwa in der Kreuzstraße. Die Lage sei ideal und das Erdgeschoss für Radler optimal anzusteuern. Vorbild ist die umgebaute Garage im südlichen Hauptbahnhof. 660 hochwertige Fahrradständer plus Schließfächer auf der Fläche von 38 Autostellplätzen – „das ist ein schönes politisches Zeichen“, sagt Wagner.

So bewerteten die Karlsruher Radler ihre Stadt
Karlsruhe ist Klassensieger im Fahrradklimatest mit der nur mittelprächtigen Gesamtnote Drei. Darin stecken dicke Pluspunkte mit der Note „gut“, aber auch markante Mängel, wo Radler den Bedingungen in der Fächerstadt kaum oder nicht einmal die Note „ausreichend“ attestieren.
Die wichtigsten Pluspunkte

Note 1,9: Einbahnstraßen, die Radler in beiden Richtungen offen stehen
Note 2,0: Erreichbarkeit des Zentrums
Note 2,3: Alle fahren Rad, ob alt oder jung
Note 2,3: Radfahrer kommen zügig voran
Note 2,3: Angebot öffentlicher Leihfahrräder
Die größten Mängel
Note 4,4: Radwege sind oft zugeparkt, es fehlt an Kontrollen
Note 4,2: Fahrraddiebstahl ist häufig
Note 4,1: An Baustellen werden Radfahrer schlecht geführt
Note 3,9: Konflikte zwischen Auto- und Radfahrern sind häufig
Note 3,8: Ampelschaltungen sind nicht gut auf Verkehrsteilnehmer mit Fahrrad abgestimmt
So schnitt die Konkurrenz ab
Den Titel der Fahrradhauptstadt Deutschlands erringt Karlsruhe mit Beständigkeit. Diese Tugend ist tatsächlich bundesweit einzigartig: Die Konkurrenz sackte ausnahmslos ab. Leidlich gut (Noten 2,0 bis 2,7) schneidet Karlsruhe bereits seit dem Jahr 2012 bei den aktuellen Pluspunkten und zusätzlich mit der Bewertung „Rad fahren in der Stadt macht Spaß“, guter Wegweisung sowie flotter Werbung fürs Fahrrad ab. Als chronisch schwach (Noten 3,8 bis 4,5) bewerten Radler ebenfalls schon seit 2012 häufigen Fahrraddiebstahl, ungünstige Ampelschaltungen, Umleitungen an Baustellen und Falschparker auf Radwegen.