Ajvaz
Ein Kämpfer für seine Mädchen – hier im Bild Medina (links) und Sofie – ist Kemo Ajvaz. | Foto: jodo

Hoffnung auf eine Zukunft

Familie Ajvaz will nicht mehr vom Müll leben müssen

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Familie Ajvaz stammt aus Bosnien. Dort lebte sie vom Müllsammeln. Das Ehepaar kam mit den Kindern nach Karlsruhe, um Asyl zu beantragen. Die älteste Tochter würde gerne Medizin studieren – doch ob sie überhaupt einen Schulabschluss machen darf, ist offen.

Was bringt die Zukunft für meine Kinder? Alle Eltern stellen sich diese Frage. Kemo Ajvaz und seine Frau Sinaver liegen nachts wach, weil sie die Antwort nicht kennen. Das Paar hat fünf Kinder.

Ihre mit acht Jahren älteste Tochter Medina träumt davon, Ärztin zu werden, sie will Menschen helfen. Der Vater weiß, dass es anders kommen kann. Dass seine ganze Familie vielleicht bald wieder im Müll nach Essbarem suchen muss, um zu überleben. Für Kemo Ajvaz war dies viele Jahre lang Alltag. Sein Weg zu überleben.

Kemo Ajvaz kämpft um Bildung für seine Kinder

Der 36-Jährige ist Roma. Geboren wurde er in Bosnien. Er ist der jüngste von sechs Brüdern. Zu acht lebte die Familie in einer selbst zusammengezimmerten Holzhütte, illegal errichtet, irgendwo im Nirgendwo.

Fließend Wasser, Heizung, Toilette: Das gab es nicht. „Oft sind wir hungrig eingeschlafen“, erzählt Kemo Ajvaz. Seine Eltern schickten den ältesten Bruder zur Schule. „Aber er wurde sehr viel gehänselt.“

Das kann man nie vergessen

Der Junge flehte, nicht mehr in die Klasse zu müssen. Ein Wunsch, dem die Eltern nachgaben. Kemo Ajvaz schweigt einen Moment. „Bildung ist so wichtig“, sagt er. „Es muss nicht Medizin sein, kein Studium, aber ich möchte meinen Kindern die Chance auf einen Schulabschluss geben – ich hatte sie nicht.“

Kemo Ajvaz verpasste die Chance knapp. Als in Jugoslawien der Krieg tobte, flüchtete seine Familie nach Deutschland. Der Benjamin der Familie war da sechs Jahre alt. In der Nähe von Lörrach wurde die Familie untergebracht. „Das war so schön, das kann man nie vergessen“, sagt der 36-Jährige. Seine Augen füllen sich mit Tränen.

Alle Kinder lernten Deutsch

Kemo besuchte die Schule, spielte Fußball. Sechs Jahre war er Ringer im Verein. Alle sechs Kinder lernten Deutsch, was der 36-Jährige noch heute fließend spricht. Manchmal ist die badische Klangfarbe zu hören. Ein weiches „sch“ blitzt durch.

„Ich träumte davon, in Deutschland bleiben zu können. Ich wollte gerne Fliesenleger werden. Oder Bauarbeiter.“ Doch ein halbes Jahr bevor er die neunte Klasse abschließen konnte, stimmte sein Vater einer Rückkehr nach Bosnien zu. „Wenn er damals gekämpft hätte, hätten wir vielleicht Papiere bekommen“, meint Kemo Ajvaz.

Zeugnisse nicht anerkannt

Sein ältester Bruder blieb in Deutschland. Noch heute lebt er in der Nähe von Lörrach. Er ist Lkw-Fahrer, verdient so den Lebensunterhalt für seine Frau und die drei Kinder. Die übrigen fünf Brüder kehrten mit den Eltern zurück auf den Balkan. „Ich wollte nicht, aber ich war ja noch minderjährig“, sagt Kemo Ajvaz.

In Bosnien wollte er sofort wieder zur Schule. „Aber meine deutschen Zeugnisse wurden nicht anerkannt. Man wollte mich in die erste Klasse stecken. Ich war aber 16, da schämte ich mich.“ Die Familie lebte auf der Straße, in Hütten, fand Unterschlupf in einem zerstörten, leer stehenden Haus. Auch das ohne Strom, ohne fließend Wasser. „Die Nachbarn wollten uns nicht. Die Bosnier sagen, Zigeuner sind schmutzig, klauen und betteln.“

Mit 18 Jahren Vollwaise

Kemo Ajvaz war 18, als er Vollwaise wurde. Erst starb die Mutter, wenig später der Vater. Der jüngste Sohn landete auf der Straße. „Ich wollte nicht bei den Familien meiner Brüder leben, wollte nicht der sein, der das isst, was sie sonst ihren Kindern geben könnten. Für mich hätten sie einen Teller mehr füllen müssen.“

Kemo Ajvaz schlug sich durch. Immer wieder bewarb er sich um Arbeit. Vergeblich. Der Name, der Akzent – es gebe einiges, woran potenzielle Arbeitgeber Angehörige der Minderheit der Sinti und Roma erkennen können. „Unterstützung vom Staat bekam ich nicht. Es hieß, ich könne arbeiten. Das stimmt und das will ich auch – aber was kann ich tun, wenn ich nichts bekomme?“, fragt er.

Es blieb nur Müllsammeln

So blieb ihm wieder nur das Müllsammeln. Das änderte sich auch nicht, als er die zehn Jahre jüngere Sinaver heiratete. Die Frau aus Mazedonien ist ebenfalls Roma. „Manchmal fand ich alte Kleider im Abfall, die meine Frau wusch und die wir dann weiter verkauften“, erzählt der 36-Jährige. Oft sei er dankbar gewesen, wenn er nur altes Brot aus dem Müll fischte. Etwas zum Essen.

2013 stieg die Familie in den Bus. In Hamburg beantragte sie Asyl. Doch zuhause erkrankte die Mutter von Sinaver schwer. „Ich weiß, wie es ist, ohne Eltern zu sein“, sagt ihr Mann. Deshalb reiste er mit seiner Frau und den Kindern freiwillig wieder aus. Die älteste Tochter Medina wurde in Bosnien eingeschult. „Jeden Tag kam sie heim und fragte, warum keiner mit ihr spielt. Sie verstand das nicht und weinte oft“, erzählt ihr Vater. Es dauerte nicht lange, da wollte sie nicht mehr zum Unterricht.

Niemand verlässt gerne seine Heimat

„Wir wollen, dass unsere Kinder eine Zukunft haben, eine Chance“, sagt Kemo Ajvaz. Er betont: „Niemand verlässt gerne seine Heimat.“ Und ja, er wünsche sich, dass sich die Umstände in Bosnien ändern. Dass dort auch Sinti und Roma eine Arbeit finden. „Aber es will uns niemand in Bosnien.“

Die Familie kämpfte ums Überleben – und setzte sich im Mai 2016 wieder in den Bus nach Deutschland. Zehn Euro hatte das Paar in der Tasche und eine Tüte voll Windeln dabei. „Sonst hatten wir nichts.“

Eine Unterhose, ein Paar Socken

In Karlsruhe wurde der Familie ein Raum in der Landeserstaufnahme (LEA) in der Durlacher Allee zugewiesen. Sie erhielten jeder eine warme, blaue Jacke, eine Unterhose und ein Paar Socken. In der Einrichtung gibt es Gemeinschaftsduschen und -toiletten. „Wir haben warmes Wasser und Heizung“, sagt der Familienvater. „Und genug zu essen.“
Flüchtlinge aus dem Balkan haben wenig Chancen auf Asyl in Deutschland. Viele werden schon nach wenigen Wochen zurückgeschickt. „Es heißt, Bosnien ist ein sicheres Herkunftsland. Aber sicher für wen?“, fragt der 36-Jährige.

Ich will, dass meine Kinder etwas lernen

Er ist ein Kämpfer. „Ich will meinen Kindern dieses Leben nicht zumuten, das ich hatte“, sagt er. „Ich will sie nicht betteln schicken. Ich will, dass sie etwas lernen.“

Wieder fließen Tränen. Kemo Ajvaz verbirgt mit beiden Händen sein Gesicht. Der Mann, der nicht nur Deutsch, sondern auch Bosnisch, Albanisch, Mazedonisch und Romanes, die Sprache der Sinti und Roma, beherrscht, würde gerne arbeiten.

Zwei Betriebe möchte ihn einstellen

„Ich bin gesund, ich kann meine Familie ernähren.“ Zwei Karlsruher Betriebe würden ihn derzeit vom Fleck weg einstellen, ein Maler und ein Obsthändler. Doch der Antrag auf eine Arbeitserlaubnis wurde noch nicht bewilligt. Obwohl die beiden Betriebe dringend auf eine Entscheidung warten.

Kemo Ajvaz engagiert sich erst einmal ehrenamtlich. Er hilft mit bei den Lernfreunden, der Schule für Flüchtlingskinder, die seine beiden großen Töchter besuchen. Seine Frau kümmert sich derweil in der LEA um die drei kleineren Kinder, dies ist auch so, als Kemo Ajvaz seine Geschichte erzählt. In dieser Woche fängt der 36-Jährige zusätzlich in einem Altenheim an. „Ich weiß, wie es ist, wenn jemand Hilfe braucht.“

Nur ein einfaches Leben

Kemo Ajvaz betont: „Ich möchte kein Geld vom Staat. Und alles, was hier an Kosten für uns anfiel, zahle ich zurück, wenn ich arbeiten darf. Wir wollen nicht viel, nur ein einfaches Leben führen.“

Die Mädchen sind acht, sieben, drei und anderthalb Jahre, die jüngste sechs Monate. Medinas Schwestern heißen Sofie, Aida, Melek und Adelise. Die älteren sprechen Deutsch. Jeden Abend liest er ihnen vor, immer aus deutschen Kinderbüchern.

Abschiebungen in der Nacht

„Medina saugt Wissen wie ein Schwamm auf“, erklärt Jasmin Sahin, die die Lernfreunde ins Leben rief. Der Vater lächelt. „Ja, Medina… Eine richtige Schule zu besuchen, das wäre toll.“ Wenn Ehrenamtliche die Mädchen in Museen mitnehmen, blühten sie auf.

Dann wieder würden die Kinder aus dem Schlaf gerissen, wenn nachts die Polizei anrückt, um Flüchtlinge abzuholen, die nicht freiwillig ausreisen. Familie Ajvaz weiß, dass auch bei ihnen jede Nacht die Polizei vor der Tür stehen kann. Ein Schulabschluss für die Mädchen, womöglich wirklich ein Studium – oder ein Leben als Müllsammler: Kemo Ajvaz und seine Frau wissen nicht, was das Leben für sie und ihre Mädchen bringt.