Illustrierte Faustbücher sind eine große Leidenschaft des Karlsruhers Willi Sauer. In seiner Sammlung finden sich Raritäten und Kuriositäten. Eine Auswahl zeigt er in einer Ausstellung auf der Bücherschau im Regierungspräsidium am Rondellplatz. | Foto: jodo

Büchersammler Willi Sauer

Faust und Gretchen auf der Reeperbahn

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Kein Happy End für Faust und Gretchen? Das kam für das Publikum im Ernst Drucker Theater, dem heutigen St. Pauli Theater am Spielbudenplatz, gar nicht in die Tüte. Als das Publikum, darunter viele Seeleute, Fischhändler und Huren, die Premiere von Goethes Faust sahen, überzeugte sie die Wendung nicht, sie forderten lautstark: „Watt neet hier Goethe! Datt sünd nur Utreden! Heiroden soll he! Heiroden!“

Faust macht Gretchen einen Antrag

Nicht einmal der verzweifelte Hinweis des Theaterleiters – man könne doch Goethes weltberühmte Tragödie nicht einfach so ändern – überzeugte die Zuschauer. Dem Theaterchef blieb nichts anderes übrig, als die Literaturgeschichte umzuschreiben: Faust machte Gretchen einen Antrag und es wurde geheiratet. Die Geschichte mit der korrigierten Schlussszene, die sich vor über 120 Jahre auf St. Pauli zugetragen hat, verewigte der Hamburger Schriftsteller Willi Bredel in seinem Büchlein „Faust auf der Reeperbahn oder Sieg über Goethe“.

Willi Sauer besitzt fast 200 illustrierte Faustausgaben

Willi Sauer kann über diese Faust-Anekdote immer wieder herzhaft lachen. Das Büchlein von Bredel hütet er wie einen Schatz ebenso wie die fast 200 anderen illustrierten Faust-Ausgaben, die er sein Eigen nennt. Mehr als 60 dieser Buchschätze stellt Willi Sauer derzeit auf der Bücherschau aus. In fünf Vitrinen im Obergeschoss kann man sie täglich entdecken. Im vergangenen Jahr zeigte der pensionierte Lehrer und passionierte Sammler an gleicher Stelle eine Auswahl seiner mehr als 500 gesammelten Pop-up Bücher.

Auch Beckmann und Nolde widmeten sich Faust

Jetzt also Faust. Die Geschichte des Doktor Johannes Faustus und seines Pakts mit Mephistopheles beschäftigte nicht nur Literaturexperten und Faust-Forscher sowie ganze Schülergenerationen. Auch Künstler nahmen sich des Themas an, sagt Sauer und zeigt auf eine Ausgabe mit Illustrationen von Max Beckmann. Der Maler und Grafiker fertigte sie 1943/44 im Exil an. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass der Faust Beckmanns Selbstbildnis zeigt. Die Faust-Ausgabe dahinter trägt ebenfalls Züge eines Künstler: „Hier hat sich Emil Nolde als Faust dargestellt – er wirkt melancholisch, in sich gekehrt, auch verzweifelt.“ Diese Illustrationen entstanden während einer Schaffenskrise des berühmten Expressionisten.

Das älteste Büchlein in der Ausstellung stammt von 1828

Auch Faust-Bücher mit Zeichnungen von Salvador Dalí, Franz Stassen und Oskar Schlemmer finden sich in der kleinen Ausstellung. Das älteste Büchlein, das zu sehen, ist stammt von 1828, ist also zu Goethes Lebzeiten herausgegeben worden. Besonders am Herzen liegt Willi Sauer, der eine ausgeprägte Leidenschaft für Jugendstil hat, eine Faust-Ausgabe mit Illustrationen des Jugendstil-Malers und Bildhauers Sascha Schneider, der als Illustrator der Deckelbilder der Reiseerzählungen von Karl May bekannt wurde. In Sauers umfangreicher Sammlung findet sich aber auch Faust auf Schwäbisch, als Comic gezeichnet und als Bilderbuch mit kindgerechten Texten.

La Schiffer als Gretchen

Dann gibt’s da auch noch eine Faust-Ausgabe mit Fotografien von Karl Lagerfeld von 1995: Wen der Chanel-Designer in die Rolle von Gretchen steckte, liegt auf der Hand – seine Muse Claudia Schiffer. Den Faust gab Christian Williams, Magier David Copperfield war Mephisto. Die Aufnahmen entstanden in Paris.

Willi Sauers Leidenschaft für Faust entflammte 1977

Willi Sauer und Goethes Faust – diese literarische Leidenschaft begann 1977. Sauer, der 1949 in der Nähe von Heidelberg geboren wurde und 37 Jahre lang an der Karlsruher Erich Kästner-Schule, einer Sonderschule für Hörgeschädigte und Sprachbehinderte, unterrichtete, sah damals die „legendäre, sensationelle Faust-Aufführung von Claus Peymann“ in Stuttgart. Beseelt davon holte er zuhause sofort sein altes Reclam-Heft aus der Schulzeit hervor und begann Faust neu zu lesen. „Ich war hin und weg von diesem Weltgedicht, einfach nur begeistert von der wunderbaren Sprache“, erinnert er sich.

Willi Sauer lernte Faust auswendig

Mehr noch, er lernte Faust auswendig. Gerne rezitierte er den Klassiker bei längeren Autofahrten, während sein damals vierjähriger Sohn Felix auf dem Rücksitz saß. „Ich dachte immer er schläft“, erinnert sich Sauer schmunzelnd. Mitnichten: „Im Alter von sechs Jahren kannte auch Felix Goethes Faust auswendig. Wir sind dann bei vielen Familienfesten aufgetreten – Felix als Mephisto, ich als Faust.“

In jedem Menschen steckt etwas Faust

Sauers Faszination für Goethes Faust („er hat die Problematik der Moderne vorweg genommen“) ist bis heute ungebrochen. Vielleicht weil auch er ein ewig Suchender ist… „In jedem Menschen steckt etwas Faust“, findet der Bücherliebhaber. In Faust spiegele sich auch der moderne Mensch wieder, der nie zufrieden ist, stets nach etwas Besserem strebe, von Event zu Event laufe, ruhelos und getrieben…

 

Die Karlsruher Bücherschau im Regierungspräsidium am Rondellplatz ist noch bis einschließlich Sonntag, 3. Dezember, zu sehen. Die Schau ist täglich von 10 Uhr bis 20 Uhr geöffnet, sonntags öffnet sie erst um 11 Uhr.