Lkwbrand
Brandgefährlich ist ein Fahrzeug in Flammen, ob mit Elektroantrieb oder herkömmlichem Motor. Abstand halten wie hier bei einem Lkw-Brand beim Karlsruher Rheinhafen ist das oberste Gebot. Wegen hochgiftiger Dämpfe ist auch Atemschutz unverzichtbar. Bei E-Autos setzen die Feuerwehrleute besonders viel Wasser ein. | Foto: Archiv jodo

Neue Gefahr Elektro-Motor

Feuerwehr Karlsruhe: Warum E-Autos extra giftig brennen und schnell zum Gefahrgut werden

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Steht ein Fahrzeug mit Elektroantrieb in Flammen, lauern zusätzliche Gefahren. Wird die große Batterie im Unterboden verletzt, entwickelt sich die Lage im Nu zum Gefahrguteinsatz. Sie kann sich außerdem immer wieder neu entzünden. Bei E-Autos setzen die Brandbekämpfer deshalb besonders viel Wasser ein.

Ätzend, giftig, explosiv: Der Gefahrencocktail, der Brandbekämpfer herausfordert, hat es sowieso schon in sich. Fängt ein Fahrzeug Feuer, ob nach einem Unfall oder durch einen technischen Defekt, gibt es einige zusätzliche Risiken.

Verletzte Batterie eines E-Autos sondert Säure ab

So kann zum Beispiel ein Stoßdämpfer zum Geschoss werden. Brennende Batterien sondern Säure ab, Gluthitze lässt Gaskartuschen von Airbags platzen. Die Lage auf den Straßen wird durch technische Neuerungen stetig komplexer.

Quillt Rauch aus einem Elektroauto, aus einem herkömmlichen Verbrennermodell oder einem Auto mit nachträglich eingebautem Gastank? Das macht für eingeklemmte Unfallopfer und die Einsatzkräfte einen großen Unterschied.

Ein Auto mit Elektro-Antrieb ist für uns echt eine Herausforderung.

Freiwilliger Feuerwehrmann mit 35 Jahren Einsatzerfahrung

„Ein Auto mit E-Antrieb ist für uns Feuerwehrleute echt eine Herausforderung“, sagt ein Aktiver mit 35 Jahren Erfahrung in der Freiwilligen Feuerwehr. Er ist skeptisch: „Wie das zu stemmen ist, wird sich noch zeigen.“

Auch in der Großstadt Karlsruhe mit den stark befahrenen Autobahnen A 5 und A 8 sowie der in normalen Zeiten ebenfalls hoch frequentierten Südtangente rücken Berufsfeuerwehr und die Kräfte der Freiwilligen Feuerwehren regelmäßig aus, um ein brennendes Fahrzeug zu löschen.

Der große Knall ist die Ausnahme

Zum großen Knall, wie ihn Pyrotechniker gern für Filmkameras inszenieren, kommt es dabei in der Regel nicht. Allerdings gibt es Ausnahmen. Beim Dampfkraftwerk Rheinhafen neben dem Sonnenbad explodiert in den Sommerferien 2015 ein brennender Lkw. Auch der Unfall eines Sauerstofftransporters, der auf einer Abfahrt im Westen der Südtangente umkippt, führt zu einer Explosion.

Wichtige Details zeigen sich erst am Unfallort

Karlsruhes Feuerwehrleute sind ständig damit konfrontiert, dass sie wichtige Details erst vor Ort erkennen können, wenn es schon brandeilig ist. Kein Rettungseinsatz ist wie der andere.

Tankdeckel
Ein Blick hinter die Klappe auf den Tankdeckel oder eine Steckdose sagt dem Feuerwehrmann im Einsatz mehr als tausend Worte. | Foto: jodo

Doch ob sie neuerdings mit Wasserstoffantrieben zurecht kommen müssen, immer öfter mit Elektroautos oder jetzt mit der Corona-Krise – sie setzen weiter voll auf Standards.

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Auf die Lage bezogen vorzugehen, ist unser Tagesgeschäft.

Markus Pulm, Sprecher der Berufsfeuerwehr Karlsruhe

„Auf die jeweilige Lage bezogen vorzugehen, das ist für uns normales Tagesgeschäft“, erklärt Markus Pulm, der Sprecher der Branddirektion Karlsruhe. Pulms Nachsatz überrascht aber doch: „Erfahrung nützt da nicht.“ Wie passt das zusammen?

Der Teufel steckt eben im Detail. Autobauer entwickeln ihre Konstruktionen permanent weiter, vom Gurtstraffer über neue Antriebe bis zu ganzen Airbag-Vorhängen als Seitenaufprallschutz und immer stabileren Hüllen.

„Die Feuerwehr muss das erkennen und damit umgehen“, unterstreicht Pulm. „Wir haben Denkmuster, um Lösungen zu finden.“

Rettungsskizze kommt aufs Tablet – Autokennzeichen genügt

Das klappt trotz der Flut an Fahrzeugtypen, weil die Strategen der Brandbekämpfung laufend aktuelle Informationen beschaffen und einspeisen. Farbige Skizzen kommen via Tablet im Handumdrehen zum Unfallort. Dazu reicht der Zentrale das Autokennzeichen.

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Rosarot, gelb, grün und himmelblau markiert sind in dieser Rettungs- oder Feuerwehr-Einsatzkarte Gaspatronen, Batterieblocks unter Sitzbänken oder Hochvolt-Kabel.

Rettungskarte
Eine Rettungskarte verrät Andreas Steidel (links) und Markus Pulm von der Berufsfeuerwehr Karlsruhe im Detail, wo die heiklen Einbauten im jeweiligen Fahrzeugtyp stecken. | Foto: jodo

„Ich bekomme eingeklemmte Menschen aus jedem Fahrzeug heraus, wenn ich weiß, wo und wie ich ansetzen muss“, betont Pulm. Mancher Autobesitzer lerne aus den Info-Karten noch Neues über sein eigenes Fahrzeug.

Feuerwehrübung mit Tesla

Die seltene Chance, mit einem Tesla den Ernstfall zu üben, hatte ein Maschinist einer freiwilligen Feuerwehreinheit, die oft zu Unfällen auf Landstraßen gerufen wird. „Wir haben in aller Ruhe geprobt, den Hauptschalter umzulegen, aber man bekommt das Auto damit nicht zu 100 Prozent stromlos“, erzählt der 47-Jährige.

Gegen diese Gefahr hilft kein Schutzanzug. „Und wenn die Batterie verletzt ist, wird ein Unfall ganz schnell zum Gefahrguteinsatz.“ Die Feuerwehrleute müssen dann andere Schutzkleidung anziehen, diese Spezialausrüstung muss womöglich erst nachgeordert werden.

Das ist eine ganz andere Dimension.

47-jähriger Maschinist zu Unfällen mit Elektroautos

„Die Dämpfe und die Säure: Wo läuft das hin?“, fragt der Maschinist, der auch für die Ausgabe des jeweils erforderlichen Materials verantwortlich ist. Die riesige Batterie im Unterboden könne sich zudem immer wieder entzünden.

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„Im Grunde muss man einen Container mit Wasser füllen und das E-Auto komplett versenken“, sagt der Routinier. So ein Einsatz binde die Feuerwehr viel länger als ein klassischer Pkw-Brand. Zuletzt sei völlig unklar, wie ein E-Wrack entsorgt werden kann. Sein Fazit: „Das ist eine andere Dimension.“

Feuerwehren rüsten zum Teil auf

Manche Feuerwehren haben schon aufgerüstet, weil brennende E-Autos mit sehr viel Wasser gelöscht werden, berichtet Pulm. In Karlsruhe halte man es bisher noch nicht für nötig, spezielle Mulden für diesen Zweck anzuschaffen.

Klimaschutz ist das weit größere Problem.

Markus Pulm, Karlsruhes Branddirektionssprecher

Der Brandrauch sei wie bisher die größte Gefahr, erklärt der Sprecher der Branddirektion Karlsruhe: „Die klassischen Brandgase Kohlenmonoxid und Kohlendioxid verursachen bis zu 95 Prozent aller Todesfälle.“ Im Krisenmodus fühlt sich Pulm bei einem ganz anderen Thema: „Der Klimaschutz ist das weitaus größere Problem.“