Als ehrenamtliche „Oma“ verbringt Brigitte Herrbach-Schmidt viel Zeit mit den Kindern Eltaf, Mustafa, Mursalin und Soobhan, dem Jüngsten. Damit unterstützt sie die Mutter Zarghoua Rafi und den Vater Abdula Rafi. Den Jungs fehlt im Winter Platz zum Spielen, die Eltern finden auch nachts zu wenig Ruhe. | Foto: jodo

Suche nach Wohnraum

Flüchtlingsfamilie in Karlsruhe: Zu sechst in einem Zimmer

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Essen, lernen, schlafen: In Karlsruhe lebt eine sechsköpfige anerkannte Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan seit drei Jahren auf 25 Quadratmetern. Zu Weihnachten wünschen sie sich vor allem eines: Dass alle um einen Tisch sitzen können. 

Die Wangen glühen. Soobhan fiebert etwas und bleibt heute lieber beim Vater Abdula Rafi und der Mutter Zarghoua Rafi. Sonst saust der Dreijährige wie alle Kinder seines Alters gern mit anderen herum, vor allem mit den drei älteren Brüdern Eltaf (neun Jahre), Mursalin (acht) und Mustafa (sechs).

Jetzt im Winter können sie oft nicht im Freien spielen. Dann fehlt ihnen Bewegung. Denn die Familie ist seit drei Jahren in einem 25-Quadratmeter-Zimmer zu Hause. Formal gehört ein zweiter Raum auf der anderen Seite des ungeheizten Flurs dazu. Er dient immerhin als Kleiderkammer und Abstellfläche. Die Jungs nennen Brigitte Herrbach-Schmidt „Oma“. Ehrenamtlich kommt die Karlsruherin zu ihnen in die drangvolle Enge, kümmert sich darum, dass zusätzliche Schul- und Kindergartentermine klappen, schaut mit dem Kleinsten ein Bilderbuch an.

Nachts kommen die Albträume

Die Buben haben die „Oma“ lieb gewonnen und wollen ihr ein eigenes Zimmer einrichten in dem Zuhause, von dem sie tagträumen. In den Nächten dagegen suchen Albträume die Kinder heim, erzählt die Mutter auf deutsch. Usbekisch, Persisch und Englisch beherrscht sie fließend. Die Familie ist aus Afghanistan geflohen. Denn Zarghoua und Abdul Rafi sind Rundfunk-Journalisten. Die Taliban wollten sie töten.

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In Sicherheit verbringt die Flüchtlingsfamilie jetzt zum dritten Mal Weihnachten in Karlsruhe. Die Mutter sagt: „Hier kann ich wieder schlafen.“ Damit meint sie: sorgenfrei, aber nicht ungestört. Für die Kinder wird jeden Abend neben dem Bett der Eltern ein Nachtlager aus dem Schlafsofa und einer Zusatzmatratze gebaut.

Zwei oder drei Mal pro Nacht entwirren Mutter oder Vater das Knäuel der schlafenden Jungen. So leise wie möglich steht die Mutter um 5 Uhr als erste auf. In der Miniatur-Küche bereitet sie das Frühstück vor: Milch mit Honig, Käsebrote, Eier für den Start in den Tag, dann wecken, anziehen, antreiben, damit die Kinder pünktlich aufbrechen, in drei verschiedene Schulen. Zum Glück ist der Kindergarten für den Kleinsten schräg gegenüber.

Deutschlernen auf der Toilette

Zarghoua und Abdul Rafi sprechen inzwischen richtig gut deutsch, trotz widriger Umstände. „Ich lerne auf der Toilette“, verrät die Mutter. Doch die Kinder tun sich schwer. „Bei dieser Enge gibt es mit dem Lernen Probleme“, erklärt Brigitte Herrbach-Schmidt. Platz für Hausaufgaben muss jedes Mal mühsam geschaffen werden. Vor allem aber bekommen die Größeren nicht die Ruhe, die sie brauchen, um sich auf ungewohnte Anforderungen in der noch unvertrauten Sprache zu konzentrieren.

Ich hoffe, dass uns jemand hilft, damit wir umziehen können

Zarghoua Rafi

So beengt der Alltag für Familie Rafi ist – die Eltern sind dankbar, dass alle zusammen in Sicherheit sind. Aus der Heimat kommen furchtbare Nachrichten. So setzen Zarghoua und Abdul Rafi alles daran, sich und ihren Söhnen ein neues Leben im Badischen aufzubauen.

Da beide Eltern als anerkannte Flüchtlinge bleiben und arbeiten dürfen, haben sie nun einzig ein Ziel: genug Wohnraum. „Ich hoffe, dass uns jemand hilft, damit wir umziehen können“, sagt Zarghoua Rafi. Ihr Wunsch: „Dass wir alle um einen Tisch herumsitzen können.“ Auch für Brigitte Herrbach-Schmidt wird immer Platz sein. Sie wird die Familie weiter begleiten. „Dann muss ich halt ein bisschen weiter fahren“, sagt sie lächelnd.

Der Caritasverband Karlsruhe begleitet die Familie bei der Integration. Anbieter geeigneten Wohnraums können mit einer E-Mail an n.noack@caritas-karlsruhe.de Kontakt aufnehmen.