Innerhalb kürzester Zeit fuhr Marcel Kiefer unter die besten 40 Fahrer der Welt. So wurde auch die E-Sport-Abteilung des Formel-1-Teams Force India aus England aufmerksam auf den Karlsruher und nahm diesen noch vor dem offiziellen Auswahlverfahren unter Vertrag. | Foto: Tanja Mori Monteiro

Erfolge im E-Sport

Marcel Kiefer: Formel-1-Fahrer aus Karlsruhe

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Reifen an Reifen mit Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Co. zu fahren – davon träumt Marcel Kiefer, seit er ein kleiner Junge ist. Der 19-jährige Karlsruher wurde schon früh von seinem Vater an den Motorsport herangeführt. „Mein Vater hatte den ganzen Keller voll mit Formel-1-Produkten, damit bin ich quasi aufgewachsen“, erinnert sich Kiefer. Mit vier Jahren war er das erste Mal auf der Kartbahn, doch als talentierter Fußballer konzentrierte er sich erst einmal darauf. Als es dann mit 18 an seinem Geburtstag wieder auf die Strecke ging, entschloss sich Kiefer, für ein eigenes Kart zu sparen, um Rennen fahren zu können. 15 000 Euro hatte er durch Ferienjobs schon zusammen – und dann kam doch alles anders.

„Ein Lenkrad und Pedale gekauft“

„Ich wurde im vergangenen Jahr auf E-Sport aufmerksam und habe mir einfach mal ein Lenkrad und Pedale gekauft“, erzählt Kiefer. Ohne jegliche Erfahrung im virtuellen Rennfahren begann er, online im offiziellen Formel-1-Spiel gegen andere zu fahren. „Damals habe ich acht bis zehn Stunden am Stück permanent gespielt und wollte mich immer weiter verbessern“, sagt er. Und das funktionierte prächtig: Innerhalb kürzester Zeit fuhr Marcel Kiefer unter die besten 40 Fahrer der Welt. So wurde auch die E-Sport-Abteilung des Formel-1-Teams Force India aus England aufmerksam auf den Karlsruher und nahm diesen noch vor dem offiziellen Auswahlverfahren unter Vertrag. „Das war natürlich eine riesige Überraschung für mich, ich war total glücklich“, so Kiefer.

Virtuelle Formel-1-Rennen

Mittlerweile fährt er regelmäßig bei virtuellen Formel-1-Rennen mit. Diese finden in Sportarenen statt oder auch mal wie in Abu Dhabi in der Boxengasse. Überhaupt gibt es nur wenige Unterschiede zwischen virtuellem und realem Fahren: Die Piloten sind auf denselben Strecken unterwegs, Reifen müssen gewechselt werden, es kann plötzlich anfangen zu regnen und wenn es einen schweren Unfall gibt, fährt das Safety Car voraus. Die Unterschiede haben es aber dann doch in sich. So fallen die Beschleunigungskräfte weg, die auf einen Formel-1-Piloten wirken.

„Der mentale Druck ist groß“

Mit einer Kraft von bis zu 5 G – das heißt fünfmal so stark wie die Erdanziehungskraft – werden die Fahrer bei der Beschleunigung in ihren Sitz gedrückt. Einen Renningenieur, der zum Beispiel berichtet, wie es mit dem Benzinhaushalt aussieht, gibt es beim E-Sport nicht. Und eine dauerhafte Dominanz von Ferrari und Mercedes? Ausgeschlossen. „Im E-Sport sind alle Rennautos gleich schnell, es kommt allein auf das Können des Fahrers an“, sagt Kiefer. Gleiche Chancen für alle also, aber auch eine ständige Herausforderung. „Wenn es nicht reicht, ist allein der Fahrer schuld. Der mentale Druck ist schon groß“, so Kiefer.

„Wir sind Fahrer, nicht Zocker“

Wichtig sind deshalb Konzentrationsfähigkeit sowie eine fixe Auffassungsgabe für verschiedene Szenarien. Viel auf den Strecken zu üben, ist sehr wichtig. Aber auch die körperliche Fitness ist entscheidend. Denn beim Bremsen in den Kurven muss mit etwa 60 Kilogramm gegen das Pedal gedrückt werden. Um sich stetig zu verbessern, steht Marcel Kiefer ein erfahrener Coach zur Seite, der schon den ehemaligen Formel-1-Piloten David Coulthard auf Vordermann brachte. „Ich treibe regelmäßig Kraft- und Ausdauersport, täglich etwa eine Stunde muss schon sein“, berichtet Kiefer. Der Aufwand, den die E-Sport-Fahrer betreiben, ähnelt gewaltig dem richtigen Formel-1-Alltag. „Wir sehen uns deshalb schon in erster Linie als Fahrer, nicht als Zocker.“

Jim Clark ist sein Vorbild

Wie eng virtuelle und reale Formel 1 miteinander verknüpft sind, durfte Marcel Kiefer schon erleben. „In Hockenheim durfte ich zusammen mit meiner Mutter in die Boxengasse und das Team Force India kennenlernen“, erzählt Kiefer. Dort eines Tages selbst zu stehen, in ein richtiges Cockpit zu steigen und den Geruch von verbranntem Gummi und heißem Asphalt zu riechen – das ist noch immer das große Ziel des Karlsruhers, dem vor allem der ehemalige britische Rennfahrer Jim Clark imponiert. Unmöglich ist das nicht: „Die Top-Leute in der virtuellen Welt könnten sich schnell an das echte Fahren gewöhnen, denn die Fahrweise ähnelt sich inzwischen zu 95 Prozent“, ist Kiefer überzeugt. Ob es dann tatsächlich direkt ins Formel-1-Cockpit gehen kann oder erst über kleinere Formel-Klassen, ist freilich ungewiss.

Kiefer hat auch einen Plan B

Doch Kiefer hat auch einen Plan B, falls das alles nicht klappen sollte. Nach seinem Abitur im vergangenen Jahr beginnt er ab September eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Parallel dazu geht es im E-Sport weiter, natürlich möglichst erfolgreich. „Ich möchte konstant Punkte einfahren, um mit dem Team Meister zu werden“, sagt er. Und Kiefer wäre kein richtiger Rennfahrer, wenn er nicht auch persönlich am liebsten ganz oben auf dem Podium stehen würde. „Klar ist das viel harte Arbeit, aber es macht Spaß, sich stetig zu verbessern. Und wenn man dann beim Rennen abliefern kann, ist das immer wieder ein tolles Gefühl.“    Text: Philipp Kungl