Das Ende des Ersten Weltkriegs hat das Frauenwahlrecht mit sich gebracht. | Foto: abw

Umworbene Badenerinnen

Frauen! Lernt wählen! – Weihnachten 1918 im Zeichen des Wahlkampfs

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Versammlungen und Kundgebungen jagten sich. Selbst an den Weihnachtsfeiertagen legten die Politiker vor 100 Jahren keine Pause ein. Denn am 5. Januar 1919 stand die Wahl zur verfassungsgebenden badischen Nationalversammlung an. Und am 19. Januar sollte reichsweit gewählt werden. Da wollten alle Parteien dafür sorgen, dass die Wahlberechtigten ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen. Viele Veranstaltungen richteten sich gezielt an Frauen. Ihnen hatte das Ende des Ersten Weltkriegs die staatsbürgerliche Gleichberechtigung gebracht. Erstmals hatten auch sie das Recht, zu wählen – und sich zur Wahl zu stellen.

Das Frauenwahlrecht treibt die Parteien um

„Die Frau steht gegenwärtig im Mittelpunkt des politischen Interesses und alle Parteien von der Linken bis zur äußersten Rechten bemühen sich auf das Lebhafteste um sie“, stellte der Sozialdemokrat Eduard Dietz fest.  Selbst diejenigen Parteien buhlten jetzt um die weiblichen Stimmen, die das Frauenwahlrecht bislang entschieden abgelehnt hätten, sagte er bei bei einer Frauenversammlung seiner Partei in Karlsruhe. Dass sie jetzt eine politische Macht seien, hätten die Frauen aber nur der Revolution zu danken, betonte der Karlsruher Stadtrat. Und denen, die die Revolution gemacht hätten. Den Arbeitern also, den Soldaten und der Sozialdemokratie. So könne es für Frauen, die sich ihres Wertes bewusst seien, überhaupt nur eine Losung geben, rief Dietz. „Hinein in die Sozialdemokratie. Hinein in der Arbeit heiligen Krieg!“

Das Frauenwahlrecht – eine Herausforderung

Dabei waren die Meinungen über das Frauenwahlrecht in der Bevölkerung durchaus geteilt. Auch bei den Frauen selbst. Viele empfanden das Stimmrecht als gewaltige Herausforderung. Schließlich hatte man sie ihr Leben lang aufgefordert, sich die „hübschen Köpfchen“ nicht über Männerangelegenheiten wie Politik zu zerbrechen. Und nun sollten sie plötzlich dieselbe Verantwortung tragen wie die Herren! Jede Menge Broschüren und Ratgeber kamen auf den Markt, die ihnen auf die Sprünge helfen sollten.

Zum Frauenwahlrecht kamen 1918 allerlei Ratgeber auf den Markt. "Frauen! Lernt wählen" hieß ein Buch, das 1918 in Leipzig erschien.
„Frauen! Lernt wählen“ hieß ein Buch, das 1918 in Leipzig erschien. Zum Frauenwahlrecht kamen 1918 allerlei Ratgeber auf den Markt. | Foto: Badische Landesbibliothek Karlsruhe

„Getrost wähl‘ wie der Mann, den du liebst“

Das Buch „Frauen! Lernt wählen“, 1918 in Leipzig erschienen, wollte „allgemein verständlich“ aufzeigen, dass man das Wahlrecht nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfe. Dabei offenbarten die Autoren sehr unterschiedliche Ansichten. Die Frauenrechtlerin Anita Augsburg etwa vertrat die Ansicht, dass ein Staat, der zur „Entfaltung zu höchsten Menschheitsidealen fähig emporblühen“ wolle, den weiblichen Einfluss suchen müsse. Der Schriftsteller Victor Blütghen riet Frauen hingegen: „Getrost wähl‘ wie der Mann, den du liebst.“

Politikkurse für Frauen

Auch wenn viele Männer Witze rissen über die bevorstehende „Damenwahl“ – für die Parteien waren die Frauen ein Faktor, mit dem sie rechnen mussten. Sie entwickelten fieberhafte Aktivitäten, um die neuen Wählerinnen für sich zu gewinnen. Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) bot in Karlsruhe Kurse zur „Einführung in die Politik für Frauen“ an. Man betrachte die Frauen nicht als eine „Herde gedankenloser Mitläufer“. Vielmehr schätze man ihre Arbeit, versicherten die Liberalen. Allerdings habe man sich gewünscht, dass die Frauen zuerst nur das Wahlrecht in den Gemeinden erhalten hätten. Das gab zumindest der liberale Landtagsabgeordnete Richard Gönner bei einer Versammlung der weiblichen Hausangestellten in Karlsruhe zu. So nämlich hätten sie sich allmählich in die Politik „einarbeiten“ können.

In Mörsch geht der Pfarrer von Haus zu Haus

Die katholische Zentrumspartei verzichtete ganz auf emanzipatorisches Pathos. Frauen könnten aber „Retterinnen der Heimat“ werden, indem sie sich der „sozialistischen Weltrevolution“ in den Weg stellten und der „Entchristlichung des Staatslebens“ entgegenwirkten, hieß es. Der katholische Pfarrer von Mörsch ging angeblich von Haus zu Haus, um Frauen gegen die Sozis aufzuwiegeln. Ein Verhalten, das „Der Volksfreund“, die Zeitung für für das werktätige Volk Badens, heftig geißelte.

Auch Frauenorganisationen rufen zur Wahl auf

Auch bei einer Versammlung des katholischen Dienstbotenvereins am Stephanstag (26. Dezember) in Karlsruhe waren die Wahlen zur Nationalversammlung „das Thema“. Zudem riefen Frauenorganisationen der unterschiedlichsten Art ihre Mitglieder auf, sich zu informieren und zur Wahl zu gehen. Sie hofften, auf diesem Weg ihren vorwiegend sozialen Anliegen in den Parlamenten mehr Gewicht zu verschaffen.

Fast 90 Prozent der Frauen gehen im Januar 1919 wählen

Die Kampagnen führten dazu, dass Frauen im Januar 1919 in großer Zahl an die Urnen strömten. Fast 90 Prozent nahmen ihr Wahlrecht wahr. Und Frauen zogen erstmals in die Parlamente ein. In der deutschen Nationalversammlung waren immerhin 9,6 Prozent der Abgeordneten weiblich – ein Anteil, der bei späteren Wahlen in der Weimarer Zeit weit verfehlt und in Westdeutschland erst wieder bei den Wahlen zum Bundestag 1983 erreicht wurde. Im badischen Ständehaus nahmen im Januar 1919 neben 98 Männern auch neun Frauen Platz. Vier von ihnen gehörten dem Zentrum an, vier der SPD und eine der DDP. Zwei Karlsruherinnen zählten zu diesen Pionierinnen – Clara Siebert vom Zentrum und die Sozialdemokratin Kunigunde Fischer.

Zwei Polit-Pionierinnen aus Karlsruhe

Clara Siebert
Clara Siebert betrachtete das Frauenwahlrecht eher als Wahlpflicht., | Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe {231 Nr. 2937 (877)} Bild 1

Clara Siebert (1872-1963) verstand das Frauenwahlrecht vor allem als Wahlpflicht. In Karlsruhe hatte sich die Beamtengattin für die Gründung eines Katholischen Frauenvereins engagiert. Überregional bekannt wurde sie als Referentin in der Kriegsamtsstelle für Frauenfürsorge. So schien sie 1918/1919 prädestiniert, das „weibliche Element“ im katholischen Zentrum zu verkörpern. Sie kandidierte, weil man sie dazu aufgeforderte, und wurde prompt gewählt. Im badischen Landtag, dem sie bis 1933 angehörte, wollte sie nur „frauengemäße politische Aufgaben“ übernehmen. 1932/33 gehörte sie zudem mit einer Unterbrechung dem Reichstag an. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm sie kein politisches Amt mehr. (Permalink zum Foto)

Kunigunde Fischer (SPD)
Die Sozialdemokratin Kunigunde Fischer. | Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe {231 Nr. 2937 (838)}, Bild 1

Kunigunde Fischer (1882-1967) hatte sich entschieden für das Frauenwahlrecht eingesetzt. Enormes Engagement zeigte die Frau eines Schriftsetzers zudem auf sozialem Gebiet. 1909 wurde sie Vorsitzende der neu gegründeten Frauensektion der Karlsruher SPD. Nach dem Ersten Weltkrieg war sie Gründungsmitglied der Arbeiterwohlfahrt. Die Sozialdemokratin wurde 1919 in die Verfassungsgebende Versammlung Badens gewählt und blieb bis 1933 Landtagsabgeordnete. Auch der Stadtverordnetenversammlung gehörte sie ununterbrochen bis 1933 an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie sofort wieder politisch aktiv. 1946 schaffte sie als einzige Frau den Einzug in den Karlsruher Gemeinderat. (Permalink zum Foto)