Mit einer geschickten Schlagkombination bringt die mittelalterliche Kämpferin den Söldner zu Fall. Historisch nicht unbedingt korrekt, aber beim Schaukampf der Badischen Schwertspieler sind auch die Frauen vorne dabei. | Foto: Sandbiller

Schwertspieler in Durlach

Frauenpower im Mittelalter-Gewand

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Schwerter krachen hell klirrend aufeinander. Die beiden Kämpfenden stehen inmitten eines mittelalterlichen Lagers, um sie herum haben sich jubelnde Zuschauer versammelt. „Zeig’s ihm“, ist zu hören, als einer der Kämpfer, der gerade noch die gegnerische Stahlklinge am Hals hatte, zum hölzernen Stab wechselt. „Jetzt mach ihn fertig“, feuern Frauenstimmen an, „Action! Frauenpower!“, skandieren sie. Der Kämpfer mit Holzstab ist eine Frau im roten Kleid und weißer Haube auf dem Kopf. „Jetzt geb‘ ich dir den Rest“, verkündet sie euphorisch und greift den Stab fester. Mit einer kurzen Schlagkombination schickt die mittelalterliche Amazone den Söldner im rot-gelben Hemd zu Boden.

Staunend steht der fünfjährige Sebastian in blauer Jacke mit aufgedruckten Rennautos und einer Stoff-Kettenhaube auf dem Kopf am Rand der Kampffläche auf dem Mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Durlach. Mit großen Augen sieht er an der Seite seines Vaters dem Duell zu. „Wir kommen eigentlich jedes Jahr, Sebastian wollte unbedingt hin“, erzählt Vater Markus Thomae.

Seit elf Jahren in Durlach dabei

Bereits seit elf Jahren begeistern die Schwertspieler ihr Publikum auf dem Weihnachtsmarkt mit ihrem Können. Seit zehn Jahren haben sie sogar ein eigenes Lager und zeigen dort nicht nur ihre Kampfkünste, sondern erklären auch die Waffen, die zum Einsatz kommen. Sebastian ist begeistert von den Kämpfern, die ein Söldnerlager aus dem Jahr 1400 bevölkern. Er selbst sei aber ein Ritter, sagt er und greift wie zum Beweis nach seinem Holzschwert.

Ein Ritter ist auch Daniel Bartelme, Gründungsmitglied der Badischen Schwertspieler. Er ist nicht nur auf Mittelaltermärkten wie dem in Durlach aktiv, sondern auch leidenschaftlicher Rollenspieler. Der Verein spricht offiziell von zwei Sektoren, in die sich die Badischen Schwertspieler einteilen: den Markt-Sektor und den Larp-Sektor.

Bis zu 60.000 Larper in Deutschland

Der Begriff Larp (Live Action Role Playing) bezeichnet im deutschen Liverollenspiele. Rollenspieler erschaffen sich einen fiktiven Charakter. Im Spiel erleben sie als Ritter, Räuber oder fantastisches Wesen Abenteuer. Nach Schätzungen gibt es in Deutschland aktuell bis zu 60.000 Larper. Der 50-jährige Bartelme schlüpft bereits seit Anfang der 1990er-Jahre, als Larp als Hobby in Deutschland groß wurde, bei Veranstaltungen in verschiedene Rollen. So wird aus dem Mann, der im IT-Sektor arbeitet, an einigen Tagen im Jahr der Reichsritter Gottfried von Greifenstein.

Wir haben an einem Steilhang gegen Orks gekämpft

Bartelme kam über das Tischrollenspiel, bei dem man Abenteuer auf Papier erlebt, zum Liverollenspiel. „Wir haben an einem Steilhang gegen Orks gekämpft, und da hat einer gesagt: ‚Das will ich sehen!‘“, erklärt er. „1990 haben wir mit dem Markt-Sektor angefangen und ein bis zwei Jahre später kam Larp dazu.“ In der Region sind auch andere Larp-Gruppen vertreten: „In Bruchsal gibt es Aturien und DalagNor, in Langensteinbach Doria“, berichtet er.

Kampf ist bei Larp-Veranstaltung nicht ungewöhnlich

Bartelmes Tochter Mara ist seit ihrer Geburt bei den Schwertspielern dabei. Die 19-jährige Mathematik-Studentin schlüpft unter anderem in die Rolle der Jordis von Greifenstein und betreibt auch Schaukampf. Ein Kampf wie in Durlach ist bei einer Larp-Veranstaltung nichts Ungewöhnliches. Allerdings gibt es dennoch Unterschiede zum Lagern auf Märkten mit Schaukampf.

„Beim Schaukampf interagiert man mit dem Publikum“, erklärt der Marktvorstand der Schwertspieler, Marcel Regenscheit. Bei Larp-Veranstaltungen hingegen gibt es keine Zuschauer. Auch der 21-jährige Regenscheit ist aktiver Larper. Im Gegensatz zu Sebastian und Gründungsmitglied Bartelme ist Regenscheit noch Knappe Yoran, der sich zum Ritter hocharbeiten muss.

Es geht viel Zeit fürs Vorbereiten drauf

Ein weiterer Unterschied zwischen Larp und Schaukampf besteht bei den Waffen. Die Schwerter beim Schaukampf sind stählern und schwer. Beim Liverollenspiel werden weiche, leichte Polsterschwerter genutzt. Viele Larper nähen ihre Outfits selbst. „Es geht viel Zeit fürs Vorbereiten drauf“, sagt Regenscheit. Wer handwerklich nicht so geschickt ist, wird auch in diversen Shops fündig. Ein ganzes Outfit „von der Stange“ bekomme man bereits ab etwa 150 Euro, beziffert Bartelme.

Auf dem Weihnachtsmarkt gibt es mehrere Stände mit mittelalterlichem Equipment. Interessiert drängen sich Besucher in ein Zelt, in welchem hölzerne Bögen und Pfeile mit Spitzen aus Stein angeboten werden. Die passende Gewandung gibt es nur ein paar Meter weiter. Auch Holzschwerter, wie es der kleine Ritter Sebastian hat, werden angeboten und lösen vor allem bei den jungen Besuchern Begeisterung aus.

Flucht aus dem Alltag

„Larp ist eine totale Flucht aus dem Alltag. Man kann alles, was man angestaut hat, beiseitelegen“, schwärmt Regenscheit von seinem Hobby. Kritikern, die auf das historische Mittelalter verweisen, in dem Frauen keine Kämpferinnen waren, die Söldner besiegten, sondern Menschen ohne Rechte, begegnen die Larper gelassen. „Wir spielen Feudalismus, also die angenehmen Aspekte des Mittelalters“, so Daniel Bartelme. Seine Tochter gibt zu: „Wir haben eine Romantisierung – aber sonst hätte auch niemand Spaß daran.“ Und daher gibt es in der Liverollenspielwelt der Badischen Schwertspieler nicht nur Kriegerinnen, sondern auch eine Königin – und keinen König.

Die Badischen Schwertspieler sind noch bis Samstag, 22. Dezember, immer freitags (16 bis 21 Uhr) sowie samstags und sonntags (11 bis 21 Uhr) auf dem Mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Durlach. Samstags und sonntags (15.30 Uhr) gibt es Schaukämpfe. Zudem werden die Waffen erklärt. Mittwochs ist Schaukampftraining im Vereinsheim, Anmeldung und Informationen unter vorstand@badische-schwertspieler.de und auf der Website.