Freddy Sahin-Scholl
Freddy Sahin-Scholl widmet sich in seinem Studio in Neureut mit Leidenschaft der Musik. | Foto: jodo

TV-Show und Album in Arbeit

Freddy Sahin-Scholl – zwei Stimmen und ein großer Traum

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Alte Radiogeräte, ein Nierentisch, viele Bücher und farbenfrohe Kunstwerke: Freddy Sahin-Scholl umgibt sich in seinem kleinen Studio in Neureut mit Gegenständen, die ihn schon lange begleiten. Die eine Bedeutung für ihn haben. Es herrscht eine Atmosphäre, die ihm hilft zu entspannen und kreativ zu arbeiten.

Der Mann mit den zwei Stimmen – Bariton und Countertenor –, der 2010 durch den Sieg bei der Castingshow „Supertalent“ mit einem Schlag einem Millionenpublikum bekannt wurde, macht mit Leidenschaft Musik.

Freddy Sahin-Scholl präsentiert „Jerusalem“ im TV

„For You“ ist sein aktuelles Album überschrieben. Zwei Stücke daraus – „Butterfly“ und „Jerusalem“ – präsentiert er am Samstag, 26. Januar, ab 20.15 Uhr im SWR-Fernsehen in der Sendung „Musikalische Reise“. Gedreht wurde dafür in der Kunsthalle und im Botanischen Garten. Im Februar geht es für Sahin-Scholl nach Mallorca: Dort stehen Videoaufnahmen an, die er als Produzent begleitet. In dieser Funktion unterstützt der Karlsruher derzeit die italienischen Sänger Toni Faizo und Enzo.

Sahin-Scholl ist auch als Komponist tätig. Für andere. Und er schreibt für sich selbst. Aktuell arbeitet der 65-Jährige an seiner zweiten Symphonie. Mit einem Jugendorchester aus Mannheim möchte er die Werke gerne uraufführen. Auch ein neues Album entsteht gerade.

Nach Herzinfarkt kürzer getreten

All diese Projekte verfolgt der Künstler mit vollem Einsatz, mit ganzem Herzen – auch wenn er zuletzt aus gesundheitlichen Gründen einen Gang herunterschaltete. Nach dem Sieg bei „Supertalent“ hatte er zwei Jahre fast nur aus dem Koffer gelebt. Europaweit ging es von Konzert zu Konzert. Er war in Asien eingeladen, ebenso in den USA.

„Das war durchaus positiver Stress“, erinnert sich der Musiker. An einem Sonntagabend fühlte er sich schlecht. Er hatte Schmerzen im Arm, Schweißausbrüche, war unruhig. Der Notarzt rückte an – und diagnostizierte einen Herzinfarkt. Das Konzert am nächsten Tag in Wien sagte Sahin-Scholl ab.

Kinderhilfswerk mit Frau Jasmin gegründet

Doch an einem Auftritt zehn Tage später in Basel hielt er fest: Auf Einladung von Tennisstar Roger Federer sang der Karlsruher bei einer Benefizgala. 70.000 Franken gingen so an Spenden beim gemeinnützigen Kinderhilfswerk Uneson ein, das Sahin-Scholl mit seiner heutigen Frau Jasmin – die auch seine Managerin ist – ins Leben gerufen hatte.

„Nach diesem Auftritt zog ich mich anderthalb Jahre zurück.“ Er sagt heute: „Ich leiste es mir, mich zu reduzieren.“ Seine Auftritte wählt er mit Bedacht aus. „Und mit neuen Stücke gehe ich erst ins Studio, wenn ich etwas zu erzählen habe.“

Castingshows verfolgt er nicht

Castingshows verfolgt er nicht. „Ich habe das damals gewonnen und fertig.“ Für ihn sei es eine Chance gewesen, einem breiten Publikum bekannt zu werden. Denn als Musiker erfolgreich war er schon zuvor.

„Ich habe vor Fürst Albert gespielt, vor Otto Kern…“ Seinen 50. Geburtstag feierte er 2003 in der Köln-Arena mit der Nokia Night of the Proms. Mit ihm auf der Bühne standen dort Toto, Huey Lewis und John Miles. Sieben Jahre später folgte „Supertalent“.

Begabung nicht verstecken

Ein Jahr danach erschien seine Autobiografie mit dem Titel „Der Mann mit den zwei Stimmen – Vom Waisenkind zum Star“. Der Musiker ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines US-amerikanischen Soldaten. Seine Eltern kennt er nicht.

Mit 13 weiteren sogenannten Besatzungskindern wurde er in Wüstenrot von einer Pflegemutter aufgezogen. Hanni – „Mutti“ genannt – erkannte das Talent des Jungen. „Sie sagte zu mir: Egal wie viele Runden du im Leben drehen musst: Am Ende wird es sich fügen. Und so eine Begabung kannst du nicht ein Leben lang verstecken.“

Musik war lange Hobby

Ihr Pflegekind wurde Krankenpfleger, gründete eine Familie. Die Musik, die war Hobby, Ausgleich für einen stressigen Beruf. Ende der 1970er Jahre trat der junge Vater dann im Pforzheimer Jazzkeller auf. Und begeisterte.

Fortan spielte er in Jazzkellern im ganzen Land, gewann den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg. Sahin-Scholl ist wie Hanni der Meinung, dass sich Dinge im Leben fügen. Er meint aber ebenso, dass man sich selbst auf den Weg machen muss. 1992 gab er seinen Beruf auf, um nur noch Musik zu machen. „Ein Schritt, der mich meine erste Ehe kostete“, sagt er heute. Einfach sei diese Zeit nicht gewesen. „Wo fängt man an, wenn man den Weg nicht weiß?“

Sahin-Scholl biss sich durch

Immer wieder sei damals das Geld knapp gewesen. Doch der Musiker beißt sich durch. Und es fügen sich die Dinge. Eine Möbeldesignerin ist so angetan davon, wie der Mann um seinen Traum kämpft, dass sie ihm ungefragt 50.000 Mark überweist.

Für Sahin-Scholl ist das Geld Verpflichtung und Ansporn, sich noch mehr reinzuhängen. Er schreibt Musik für Werbeclips. 1997 vertont er Prosa von Markus Lüpertz. Immer neue Türen öffnen sich. Als die Bahn den ersten ICE präsentiert, geschieht das zu Musik von Sahin-Scholl. „Aber der Traum, eigene Musik zu machen, hatte sich noch nicht erfüllt.“

Goldene Schallplatten für „Carpe Diem“

1999 ändert sich das. Sahin-Scholl, der bis zum „Supertalent“ noch unter dem Namen „Galileo“ auftrat, legte das Album „Carpe Diem“ vor. Tausende Exemplare verkaufte er. „Ich tütete alle selbst ein und brachte sie zur Post.“

2003 war der Musiker dann bei Edel Records unter Vertrag. Das Album wurde wieder promotet. Und nach dem Sieg bei „Supertalent“ ging es dann richtig durch die Decke. Mehrere Goldene Schallplatten heimste das Werk ein.

Duett mit seinem Sohn

Das Album „For You“ veröffentlichte er in einem Label, das er zusammen mit einem Freund gegründet hat. Sahin-Scholl ist da unter anderem im Duett mit seinem Sohn Aurelius zu hören, der bei der Aufnahme acht Jahre alt war. Sein heute siebenjähriger Sohn Nathan hat gerade Queen für sich entdeckt.

„Ich bin überrascht, was für eine Kraft er in der Stimme hat“, sagt der Vater. Der Bub möchte gerne mit ihm singen, „aber Rock“. „Warum nicht“, meint Freddy Sahin-Scholl. „Ich bin da offen.“

Ich fliege nur in der Musik

Seine Entscheidung für die Musik hat er nie bereut. „25 Jahre Arbeit im Krankenhaus haben mich eingetopft. Ich fliege nur in der Musik. Sonst bin ich ziemlich geerdet.“

Er lebe das Leben, das er sich erträumt habe. Und das womöglich bald verfilmt wird. Gerade liefen entsprechende Gespräche.