Ein kleines Mädchen steht bei der Nikolausfeier im Aufenthaltsraum vom Kinderheim St. Raphael Haus in Düsseldorf (Foto vom 08.12.2010). Weihnachten ist das Fest der Familie. Doch rund 25 000 Kinder und Jugendliche in NRW werden die Feiertage in einem Heim verbringen. Sie können nicht zu ihren Eltern, die ihnen teilweise großes Leid angetan haben. Foto: Julian Stratenschulte dpa/lnw (zu dpa-Korr "Große Freude, großes Leid - Weihnachten im Kinderheim" vom 11.12.2010) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Leuchtende Kinderaugen zu Weihnachten – genauso gebannt wie die Kinder im Brunhilde-Baur-Haus in Neureut verfolgt dieses Mädchen bei einer Adventsfeier in Nordrhein-Westfalen, was sich Erwachsene zu seiner Freude ausgedacht haben. | Foto: dpa

Feier im Brunhilde-Baur-Haus

Frohe Weihnacht in schwieriger Zeit

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Der heilige Abend – wie ist er für die kleinen Familien, die im Brunhilde-Baur-Haus der Hardtstiftung in Neureut ein vorübergehendes Zuhause haben? Ob brüchige verwandtschaftliche Bande oder unüberbrückbare geografische Entfernungen: Den Erwachsenen im Haus fällt es nicht leicht, ein gutes Weihnachtsfest zu gestalten. Und doch schaffen sie es, dank Unterstützung und Beratung durch 14 Betreuerinnen, aber auch aus eigener Kraft, dass die Augen ihrer Kinder leuchten.

17 Mieter leben in dem Eckgebäude nahe dem BNN-Verlagshaus. Die ehemalige Druckerei ist eine wichtige Adresse der Familienhilfe in Karlsruhe. Jeder Mensch hat eine Geschichte – für alle, die dort einziehen, gilt das ganz besonders. Dagmar von Stockert-Haus kennt ihre Schicksale. „Was manche 20-Jährige erlebt hat, stößt den meisten Menschen im Lauf eines ganzen Lebens nicht zu“, sagt die Teamleiterin. Gemeinsam haben die derzeit zwei alleinerziehenden Väter, drei Elternpaare und ein Dutzend auf sich allein gestellter Mütter dies: Während sie um eine persönliche und berufliche Perspektive ringen, soll es ihren Kindern wohl ergehen.

Wer kommt, bleibt bis zuletzt Überraschung

Bunt wie das Betreuerteam, in dem neben deutsch unter anderem dänisch, polnisch und russisch gesprochen wird, ist die Mischung der Mieter. Flüchtlinge aus Afrika und Nahost wohnen derzeit ebenso im Haus wie Menschen aus dem Einzugsgebiet der Fächerstadt. In der Natur der Einrichtung liegt es, den Auszug anzustreben. Bis so eine Kleinstfamilie in eigenen vier Wänden gute, stabile Verhältnisse aufrechterhalten kann, vergehen aber in der Regel mindestens 18 Monate, berichtet Stockert-Haus.

Wenn schon unter weniger zugespitzten Umständen mancher Haussegen am 24. Dezember in Schieflage gerät, weil sich an dieses Datum traditionell hohe Erwartungen und Sehnsucht nach Familie knüpfen, wie geht es dann erst Müttern und Vätern, die sich mit ihren Kindern versprengt und isoliert fühlen? Gutes für Geist und Seele mitzugeben, das ist die Idee des Betreuerteams, das für die Hausgemeinschaft weltanschaulich offene Rituale als Vorbereitung auf die Festtage gestaltet.

Besondere Stimmung in dem zweckmäßig umgebauten Industriebau stiftet zunächst eine große, begehbare Adventsspirale. Dagmar von Stockert-Haus baut sie zur Vorweihnachtszeit im oberen Foyer auf. Rotbackige, blank polierte Äpfel duften mit Bienenwachskerzen um die Wette. Den Mittelpunkt bilden auf einem Podest eine große Kerze, eine Rose und eine Lilie. Musik spielt die evangelische Pfarrerin Reinhild Prautzsch aus Langensteinbach.

Sie können sich ihrer Kinder freuen

Zur abendlichen Teilnahme an dem Brauch aus dem pädagogischen Waldorf-Repertoire eingeladen ist jeder, wer tatsächlich kommen mag, bleibt aber jedesmal eine Überraschung bis zuletzt. Jedes Kind setzt einen mit Kerze gespickten Apfel ins ausgelegte Tannengrün, von außen beobachtet von den übrigen Kindern und Eltern. Zu sich kommen, aber auch wieder hinausfinden in die Welt, das sagt die Symbolsprache. Zum Schluss entflammt ein Erwachsener alle Dochte.

Zum Leuchten bringt auch die hauseigene Weihnachtsfeier die Augen der kleinen und großen Bewohner. Mitarbeiter von Siemens bringen alljährlich Geschenke für die Kinder. Sie erfragen das Alter der Jungen und Mädchen, denen sie eine Freude machen wollen. Denn ins Brunhilde-Baur-Haus ziehen Mütter und Väter keinesfalls nur mit Babys oder Vorschulkindern ein, sondern auch mit Schülern, sogar Teenagern. Bei dieser weit und breit einzigartigen Hilfe der Hardtstiftung Karlsruhe, die auch betreute Wohnungen in der Nordstadt einschließt, zählt nur, ob ein Kind von der Notlage betroffen ist, betont Stockert-Haus. Der Soziale Dienst der Stadt oder das Jugendamt knüpfen die Kontakte.

Aus der Reihe tanzt das junge Paar, das ohne familiären Rückhalt mit seinem Neugeborenen überfordert war. In diesem speziellen Fall verließ die junge Mutter auf eigenen Wunsch die Einrichtung. Der Vater blieb und erzieht den Sprössling nun mit der vor Ort gebotenen Begleitung allein. Mit solcherart unterstützten Eltern erleben dort manchmal auch Frauen das Weihnachtsfest, die durch Vergewaltigung, etwa auf der Flucht, schwanger wurden.

Trotz aller Belastung im Hintergrund tragen viele bei zur feierlichen Atmosphäre. Besucher sind willkommen, kürzlich kam eine marokkanische Großmutter. Ganz wichtig ist der Teamleiterin zu Weihnachten, „der Familie ihr Fest nicht zu nehmen. Wir stellen nur etwas daneben.“

So lotste Glöckchenklang die kleinen Familien schon am Donnerstag zum Foyer, das nun „Weihnachtszimmer“ war. Um den Christbaum sitzen und ein Weihnachtslied nach dem anderen singen, weil es so viel Freude macht: Die Eltern genießen es. Eine Mutter trägt ein Weihnachtsgedicht von Eichendorff vor, eine andere einen Hirtenpsalm, ein Kind wagt sich vor: „Ich kann auch ein Lied!“ „Sie können sich ihrer Kinder erfreuen, das haben wir erhofft“, sagt Dagmar von Stockert-Haus, die jetzt bis Neujahr in Rufbereitschaft ist. Im nächsten Jahr will sie verstärkt Familienpaten finden – Paare, Alleinstehende, Familien, Hauptsache engagiert. Das Team begleitet die Anbahnung.

Interessierte können sich ab Januar 2018 melden unter Telefon (07 21) 62 69 04 40.