Wie entwickelt sich die Stadt der Zukunft? Welche Möglichkeiten bietet sie den Menschen, miteinander zu agieren, und welche Steuerungsmechanismen können helfen, das auch künftig urbane Gesellschaften funktionieren? Unter anderem das sind die Fragen, die für ein funktionierendes Miteinander in den Metropolen beantwortet werden sollten. | Foto: Pixabay

22. Karlsruher Gespräche

Fundamente für die Stadt von morgen

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Zurück zu den Basics, wenn es um die intelligente Stadt geht, sagt die Direktorin des Zentrums für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale (ZAK), Professor Dr. Caroline Y. Robertson-von Trotha. Der Ausdruck „Smart City“, um den es auch bei den Karlsruher Gesprächen vom 2. bis 4. März  gehen wird, sei schon viel zu sehr zu einer Floskel geworden, ohne dass die Inhalte ausreichend definiert worden seien. Im Gespräch mit BNN-Redakteur Holger Keller plädiert sie für eine Rückkehr zur Grundsatzdiskussion: Was ist die intelligente Stadt und wie kann man sich der Digitalisierung bedienen, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren?

Was war der Grund, das Thema „Smart Cities“ 2018 in den Fokus der Karlsruher Gespräche zu rücken?

Robertson: Wir erleben zurzeit, dass eine enorme Transformation in der Gesellschaft vonstattengeht. Das betrifft nicht nur die Städte als Konstrukte, sondern natürlich auch die Menschen, die darin leben. Die Handlungsoptionen, die Formen der Interaktionen zwischen den Bewohnern bis hin zu den Anforderungen an ihr Reflexionsvermögen haben sich geändert. Die Datenflut ist exponentiell angestiegen. In diesem Prozess wird der Begriff „Smart City“ vor allen Dingen auf die technologische Dominanz der Entwicklung bezogen. Dabei kann „smart“ im Englischen viel bedeuten: klug, gewieft, aber auch auf den eigenen Vorteil bedacht. Daher wollen wir das Thema „Smart City“ wieder auf seine Grundinhalte zurückführen. Welche Konzepte sind nötig, um wirklich das Ziel einer intelligenten Stadt zu erreichen? Welche Technologien helfen uns dabei? Für mich als Soziologin ist besonders wichtig, wie wir ganzheitlich die Herausforderungen gesellschaftlichen Zusammenlebens bewältigen können.

Die Direktorin des ZAK, Caroline Y. Robertson-von Trotha plädiert dafür, die Diskussion um die intelligente Stadt noch einmal neu zu beginnen. | Foto: jodo

Wir stehen erst am Anfang eines Prozesses in Richtung „Smart City“. Lässt sich die weitere Entwicklung prognostizieren?

Ohne intelligente Konzepte werden wir die weitere Entwicklung nicht steuern können. Funktionale Aspekte wie Mobilität oder Ressourcenmanagement setzen wir bereits um. Mindestens ebenso wichtig sind die Ziele, die darüber hinausgehen: Wie findet Begegnung statt, wie wird Arbeit verteilt, wie schaffen wir Heimat in der Stadt, wie bringen wir Menschen aus den unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen? Einfach zu planen ist Derartiges nicht, wie man zum Beispiel hier vor Ort am Kronenplatz sehen kann, der als kommunikativer Treffpunkt angelegt worden war. Er fristet als öffentlicher Raum ein Schattendasein. Das illustriert Probleme der Stadtplanung und damit die Probleme, mit der eine intelligente Stadt konfrontiert wird.

So viele Vorteile eine „Smart City“ mit sich bringt, gibt es auch jene Stimmen, die warnen, dass sich der Mensch in all der Technik verliert. Können Sie das verstehen und solche Befürchtungen auch zerstreuen?

Wir können hier eine Polarisierung sehen. Auf der einen Seite sind die Menschen, die die Technik be- grüßen und sie intensiv nutzen sowie nicht selten auch unreflektierte Informationen weitergeben. Dann haben wir den anderen Pol: Menschen, die der Entwicklung kritisch gegenüberstehen, die auch die Nutzung hinterfragen – aus meiner Perspektive ist das durchaus sinnvoll. Was beide Seiten anerkennen müssen, ist die Tragweite der Änderungen, die wir gerade erleben. Und diese sind ganz sicherlich nicht aufzuhalten. Daher sind Information und Wissenstransfer, wie wir sie geben wollen, so unabdingbar. Ob ich dafür oder dagegen bin, ich brauche verlässliches Wissen, mit dem ich meine Entscheidungen fundieren kann. Ansonsten bekommen wir es mit vielen fragwürdigen und irrealen verschwörungstheoretischen Argumenten zu tun.

Wie bewerten Sie die Ambivalenz dieser Technik – zwischen Mehrwert und Missbrauch?

Das ist ein weiterer Punkt, wenn wir über Anwendungen in der intelligenten Stadt hinausdenken. Wo finden sich Beispiele, in denen Demokratie durch den Einsatz moderner elektronischer Überwachung gefährdet wird? Ich denke einerseits an sich entwickelnde Autokratien, wie es in der Türkei derzeit der Fall ist, und andererseits an die Bemühungen in Estland, die neuen Möglichkeiten für die Gemeinschaft einzusetzen. Hier setzt ein Perspektivwechsel ein. Wo müssen wir als Bürger einschreiten und uns wehren? Ist der rechtliche Rahmen noch demokratisch legitimiert? Das angedachte Social Credit System in China ist ein interessantes Beispiel, das wir erörtern werden. In einem pluralistisch-demokratischen Staat könnte dies ganz neue Möglichkeiten der Gesellschaftsteilhabe für alle ermöglichen. In einem autokratischen System hingegen können solche Werkzeuge vielseitig missbraucht werden.

Die Urbanisierung schreitet weiter voran, der Grad der Vernetzung steigt durch die Digitalisierung – das bringt neue Herausforderungen für die Gesellschaft in diesen urbanen Zentren. | Foto: Pixabay

Lässt sich denn überhaupt festmachen, ab wann eine Stadt „smart“ ist?

Einfache Kriterien dafür gibt es sicherlich nicht. Die Möglichkeit ist wichtig, das Politisieren von Informationen und das Polemisieren durch Informationen in den neuen Medien entsprechend zu kennzeichnen. Gerne möchte ich auch wissen, welche Bots und Algorithmen meine Meinungs- und Handlungskompetenz manipulieren.

Welche Hoffnungen und Wünsche sind denn für Sie mit einer „Smarten Stadt“ verknüpft?

Ich hoffe im Hinblick auf eine immer älter werdende Gesellschaft, dass unsere Städte so intelligent sein werden, dass die verschiedenen Altersgruppen näher zueinanderfinden können, dass wir offener und internationaler werden – auch offen für die faszinierenden Möglichkeiten, die uns die Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz bringen. Entsprechend erwarte ich auch Angebote, die die Mobilität und Flexibilität der Menschen fördern, auch um wieder mehr analoge Gespräche möglich zu machen – wie bei den Karlsruher Gesprächen.

 

Das Programm zu den Karlsruher Gesprächen gibt es zum Nachlesen gibt es hier. Die umfangreiche Sonderbeilage zu den 22. Karlsruher Gesprächen steht hier zum Download bereit.