Die Luft ist raus: Auch im Amateurfußball ruht der Betrieb. | Foto: GES

Unsicherheit wegen Coronavirus

Umfrage unter Fußballclubs in der Region Karlsruhe: Mitglieder solidarisch, viele Fragen offen

Anzeige

Viele Vereine im Fußballkreis Karlsruhe halten es für unwahrscheinlich, dass die derzeit wegen des grassierenden Coronavirus unterbrochene Saison überhaupt noch einmal aufgenommen werden kann. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage der Badischen Neuesten Nachrichten zur aktuellen Situation.

An der Umfrage haben sich ein Drittel der gut 90 Vereine im Kreis, die alle angeschrieben wurden, beteiligt. Stand jetzt ist der Spiel- und Trainingsbetrieb im Bereich des Badischen Fußballverbandes bis 19. April ausgesetzt. Große Sorgen bereitet den Vereinen die Schließung der Clubhäuser. Solidarisch zeigen sich allerorten die Mitglieder, betonen die Clubs.

Wie wirkt sich die aktuelle Situation aus?

Gesellschaftlicher Aspekt: Nicht nur der Spielbetrieb ruht, sondern das ganze Vereinsleben – und zwar „komplett“, wie der SSV Ettlingen stellvertretend festhält. Der gesellschaftliche Aspekt trifft alle Clubs gleichermaßen. Man müsse aufpassen, dass der Kontakt aufrecht erhalten werde, mahnt der FV Bruchhausen.

Aktuelle Situation eine „große Belastung“

Die Verantwortlichen des FC Friedrichstal sehen in der für alle außergewöhnlichen Situation eine „große Belastung“. Vor allem den jungen Sportlern fehle die „körperliche Herausforderung, der soziale Kontakt zu Mitspielern und der Ausgleich zur Schularbeit“. Das zum Erliegen gekommene Vereinsleben mache „Jung und Alt zu schaffen“, betont der TSV Reichenbach.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Clubhäuser: Durch die Schließung der Vereinsgaststätten fehlt den Clubs dieser Tage nicht nur der „zentrale Treffpunkt“, wie der SV Spielberg anmerkt. Die Wirtschaften stehen auch aus einem anderen Grund ganz oben auf der Sorgen-Liste, wie die Umfrage zeigt: Die Clubs sind stark angewiesen auf die Pachteinnahmen, entsprechend folgenschwer seien Ausfälle oder Einbußen.

Auch interessant: Trainings-Alltag der Sportler zu Corona-Zeiten

Ganz oben auf der Sorgenliste: Die Clubhäuser

„Ein Verein unserer Größe könnte eine mögliche Pleite des Wirtes nicht verkraften“, erklärt zum Beispiel der Bulacher SC. Sollten Wirte die Krise nicht überstehen, wäre das für Pächter und Clubs „eine Katastrophe“, halten auch andere Vereine fest. „Ganz sicher werden wir ihn aber nicht in Stich lassen“, betont der FV Wössingen mit Blick auf seinen Pächter.

Laufende Kosten: Der Wegfall von Spieltags-Einnahmen trifft die Clubs je nach Klassenzugehörigkeit und Zuschauerinteresse unterschiedlich. Das gilt auch für etwaige Prämien an Spieler, die mancherorts fällig werden. Die betroffenen Clubs hoffen dabei auf solidarische Lösungen.

„Wir sind sehr erfreut, dass sich die Spieler gerade beraten, wie sie dem Verein entgegenkommen können“, berichtet dazu etwa Verbandsligist ATSV-Mutschelbach. Auch Trainer und Platzwarte müssten bezahlt werden, stellen die Clubs fest. Dafür fallen zum Beispiel Kosten für Schiedsrichter weg, die für Wasser und Strom dürften geringer ausfallen.

Es wird sicher schwer werden, wieder im gleichen Umfang Sponsorengelder zu akquirieren.

TSV Reichenbach

Sponsoring: Unsicherheit besteht vor allem in der Frage, wie die Auswirkungen in der Zukunft sind. „Es wird sicher schwer werden, wieder im gleichen Umfang Sponsorengelder zu akquirieren“, meint der TSV Reichenbach angesichts der noch nicht abzuschätzenden wirtschaftlichen Folgen.

Der VSV Büchig fürchtet in der Folge Sparmaßnahmen, der geplante Bau von Großkabinen sei bereits gestoppt worden. „Entscheidend wird sein“, so der FC Friedrichstal, „dass Sponsoren und Werbepartner keine Rückforderungen stellen“.

Feste: Auch der mögliche Ausfall von Vereinsfesten bereitet den Clubs finanzielle Sorgen. Diese seien „überlebenswichtig“, hält zum Beispiel die Spvgg Söllingen fest. Fortuna Kirchfeld hat sein Sportfest samt Turnier bereits abgesagt.

Auch interessant: Interview mit Verbandspräsident Zimmermann

Wiederaufnahme der Saison wird für unwahrscheinlich erachtet

Soll die Saison zu Ende gespielt werden?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass der Großteil der Vereine es für unwahrscheinlich hält, dass der Spielbetrieb noch einmal aufgenommen werden kann. Zudem betonen alle teilnehmenden Clubs, dass in der jetzigen Situation „die Gesundheit über allem steht“, wie es  stellvertretend der TSV Spessart formuliert.

„Fußball ist jetzt absolute Nebensache“, erklärt der SV Spielberg. Erst wenn die Gefahr gebannt sei, „sollte wieder daran gedacht werden, wann wieder Fußball gespielt werden kann“, bemerken die Verantwortlichen des FV Linkenheim.

Wieder spielen? Nicht um jeden Preis

Viele Clubs wären für eine Wiederaufnahme der Runde – „aber nicht um jeden Preis“, wie unter anderem auch der Karlsruher FV schreibt. Der FV Graben sieht ebenfalls keinen Sinn darin, nach einer so langen Pause eine Saison „auf Biegen und Brechen zu Ende spielen“. Die dann nötigen, vielen englischen Wochen wären leistungsverzerrend, erklären gleich mehrere Vereine. Eine Doppelbelastung über mehrere Wochen sei zudem nicht tragbar.

In der Summe wäre bei einem angenommenen Wiederbeginn im Mai ein Spielpensum von vielleicht bis zu 13 Spieltagen in vier bis sieben Wochen zu verzeichnen, rechnen Clubs hoch – zu viel. Für Amateurvereine und deren Mannschaften sei das „nicht zumutbar“, betont etwa der FC Busenbach.

Eine Fortsetzung wäre zwar wünschenswert, aber überhaupt nicht realistisch.

Karlsruher SV

„Eine Fortsetzung wäre zwar wünschenswert, aber überhaupt nicht realistisch“, erklärt der Karlsruher SV: „Deshalb Abbruch sofort.“ So sieht es auch Fortuna Kirchfeld. Man müsse die Saison „abhaken“, da ein „geordneter Spielbetrieb nicht mehr durchführbar sei“.

Sollte die Saison noch weitergeführt werden, „muss man den Mannschaften auch Zeit geben, sich nach dieser Krise wieder in den Trainingsalltag einzufinden und ihnen Zeit für eine Vorbereitung geben“, gibt der FV Ettlingenweier zu Bedenken.

Idee: Play-offs oder Streichung von Spieltagen

Der ATSV Mutschelbach könnte sich mit diversen Optionen anfreunden, um die Runde noch zu Ende zu bringen und nennt als Beispiele Play-offs oder die Streichung der ausgefallen Spieltage.

Im Junioren-Bereich, auch darauf verweisen Clubs, könnte die Saison dagegen noch eher zu Ende gebracht werden, da dort nicht mehr so viele Spieltage ausstehen. Der Bulacher SC fände es weniger bedeutend, die Saison zu Ende zu bringen. Wichtiger sei es, die Sportplätze wieder nutzen zu können und Kindern zumindest ein Sportangebot bieten zu können.

Ab welchem Zeitpunkt wäre ein Abbruch sinnvoll?

Hier zeigt sich weitgehend ein Bild, das auch Verbandspräsident Ronny Zimmermann jüngst im BNN-Interview gezeichnet hat: Wenn es bis spätestens Mitte Mai nicht wieder losgehen kann, dann wird es schwierig – das ist die mehrheitliche Meinung der Vereine.

Manche Clubs sehen schon einen Zeitpunkt nach Ostern als spätmöglichsten Termin eines Wiederbeginns. „Dies gäbe allen Beteiligten klare Orientierung und Planungszeit für die kommende Saison“, meint die Spvgg Durlach-Aue. Fortuna Kirchfeld sieht den 20. April als Wegmarke: Bis dahin sollte die Entwicklung beobachtet werden und dann „rigoros ein Schlussstrich“ gezogen oder ein „durchführbarer Plan“ vorgelegt werden.

Spiele bis in den Juli hinein?

Der TSV Spessart und auch der FV Liedolsheim könnten sich beispielsweise Spiele bis in den Juli hinein vorstellen. Die SG Stupferich erklärt: Sollte die Runde nur noch mit englischen Wochen oder mit einem regulären Abschluss im August zu Ende gebracht werden können, sollte abgebrochen werden. Die Spvgg Söllingen schlägt vor, die Runde nach laufendem Kalenderjahr zu spielen.

Wie könnten Szenarien bei einem Saison-Abbruch aussehen?

Wer steigt auf und wer ab, wenn die Saison abgebrochen wird? Diesbezüglich wolle man nicht in der Haut der Verbands-Verantwortlichen stecken, schreibt der FV Linkenheim, denn: „Es gibt sicher für uns alle keine optimale Lösung.“ Der SV Spielberg sähe den Verband in einem „Dilemma“. Und das zeigt sich auch beim Blick auf die Umfrage – ein einheitliches Bild gibt es nicht.

Eine Lösung, die mehrere Vereine nennen und als sinnvoll erachten: Es gibt Auf- aber keine Absteiger, die Staffelgrößen würden sich dann in der neuen Spielzeit gegebenenfalls vergrößern. In diesem Fall müsse die kommende Saison aber ein, zwei Wochen früher beginnen, hebt der FV Malsch hervor.

Welche Tabelle zählt bei Saison-Abbruch?

Aber welche Tabelle dient bei einem Abbruch als Abschlusstabelle? Der Karlsruher SV und der TSV Spessart wären etwa für eine Wertung nach dem Stand zur Winterpause. Spessart bringt die Option ins Spiel, die Saison über zwei Spielzeiten bis 2021 zu strecken.

Als eine weitere Alternative wird von Clubs die Variante genannt, den aktuellen Tabellenstand einzufrieren und daraus Auf- und gegebenenfalls Absteiger zu ermitteln. „Auf keinen Fall sollte es zu einer Aufstockung der Staffeln kommen“, hält zumindest die FT Forchheim fest.

Germania Neureut wie auch der FC Friedrichstal sprechen sich bei einem Abbruch für eine Annullierung der Saison aus. Der FC Spöck wäre in diesem Falle dafür, die neue Spielzeit in der Staffelbesetzung der Saison 19/20 zu starten.

Die SG Stupferich sieht eine Annullierung ebenfalls als ein mögliches Szenario, wäre davon aber sportlich hart getroffen. Das Kreisliga-Team ist Zweiter, die zweite Mannschaft in der B-Klasse 3 mit Vorsprung Erster.

Zeigen die Vereinsmitglieder Verständnis?

„Negative Rückmeldungen“ habe man bisher nicht erhalten, stellt der SV K-Beiertheim fest. Eine Aussage, die das Stimmungsbild bei den Vereinen trefflich widerspiegelt. „Wir kennen niemanden, der aktuell kein Verständnis aufbringt“, berichtet auch der SV Spielberg.

Mitglieder zeigen sich solidarisch

Das Gegenteil sei der Fall, hebt der SV Blankenloch hervor, der wie der ATSV Mutschelbach eine Einkaufshilfe ins Leben gerufen hat. Beim ATSV hätten sich zudem 80 Spieler und Mitglieder für eine Blutspendeaktion gemeldet.

„Selbst wenn die Spiele stattfinden würden, dann würden viele Zuschauer aus eigenem Interesse den Weg zum Sportplatz sicher meiden“, mutmaßen die Verantwortlichen des SV Blankenloch. Einige Vereine treibt jedoch die Sorge um, dass bei lange anhaltendem Stillstand Mitgliedschaften gekündigt werden und Sponsoren abspringen könnten. Wichtig sei doch vor allem, „dass alle gesund durch diese Zeit kommen“, schließt der FV Ettlingenweier.

Dies Clubs nahmen an der Umfrage teil: VSV Büchig, Karlsruher FV, Karlsruher SV, Germania Neureut, FV Graben, FC Friedrichstal, FC Spöck, Spvgg Söllingen, FC Busenbach, SV Blankenloch, FT Forchheim, Spvgg Durlach-Aue, FV Linkenheim, ATSV Mutschelbach, FV Malsch, SG Stupferich, TSV Reichenbach, FV Wössingen, FV Liedolsheim, VfB Grötzingen, SV Spielberg, TSV Spessart, SSV Ettlingen, Bulacher SC, FC Neureut, Fortuna Kirchfeld, SV K-Beiertheim, FV Bruchhausen, FV Ettlingenweier.