Daniel Fluhrer
´DER NEUE KOPF der Karlsruher Baupolitik: Bürgermeister Daniel Fluhrer will mit seinen Ideen, die er im hellen Büro am Marktplatz entwickelt, die Zukunft der Fächerstadt mitgestalten. | Foto: jodo

Neues von Baudezernent Fluhrer

Ganz in Weiß wird an der Zukunft gebaut

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Daniel Fluhrer ist ein Bürgermeister, wie ihn die Fächerstadt lange nicht gesehen hat: Er kommt von außen, er ist ohne Parteibuch und mit 44 Jahren für dieses Amt auch noch recht jung. Vier Monate hat sich der neue Baudezernent im Rathaus und in der Stadt umgeschaut. Jetzt bleibt das frische Gesicht im Rathaus auf keine Frage nach der Karlsruher Baupolitik die Antwort schuldig.

Der neue Kopf im Rathaus geizt nun auch öffentlich nicht mit Ideen. Mit Fluhrer kann manche alte Betonfront in der Stadtentwicklung bereinigt werden. Mit dem noch ungetrübten Blick von außen – jetzt gepaart mit dem frischen Wissen eines kompetenten Insiders – da könnte Karlsruhe doch mit Fluhrer ganz schön Stadt machen.

Dieser Fachmann für Stadtentwicklung war schon vorher kein unbeschriebenes Blatt. Nicht von ungefähr hat sich die SPD, die mit dem Vorschlagsrecht für die Nachfolge von Michael Obert (FDP) ausgestattet war, diesen Architekten im Schwäbischen ausgeguckt. Der Chefstadtplaner von Esslingen wurde dann mit überwältigender Mehrheit des Karlsruher Gemeinderats vom Neckar an den Rhein befördert.

Sonne im Weißraum

Wer Fluhrers Büro im zweiten Geschoss des Rathauses betritt, sieht sofort, dass es um mehr als eine neue Farbgebung in der Baupolitik geht. Alles ist weiß. Die Wände und die Decken, der Konferenztisch und die Stühle. Dazu die sechsteilige Kommode und die Hängelampe, die warmes oder kaltes Licht verbreitet. Selbst die Akten auf dem Tisch stecken in weißen Mappen.

Einzige Ausnahmen im Raum: zwei graue Sesselchen zum Zwiegespräch, der schwarze Laptop des Bürgermeisters und Daniel Fluhrer selbst. Immerhin trägt der Herr des Raumes unter der Krawatte ein blütenweißes Hemd, und ein ebenso helles Einstecktüchlein schaut aus der Anzugjacke.

Daniel Fluhrer
DER NEUE CHEF DER STADTENTWICKLUNG: Bürgermeister Fluhrer entfaltet seine Ideen beim Gespräch in seinem weißen Büro. | Foto: jodo

 

Dieser Weißraum entspricht nicht nur Fluhrers Formempfinden und Geschmack, er enthält sein Programm. Das Sonnenlicht flutet durch die Fenster zum Marktplatz dieses Bürgermeisterbüros, es spiegelt sich und wirft viele Schattierungen auf die Bürowände. Kein massiver Schreibtisch, kein Gummibaum, kein Ölgemälde konkurrieren in Fluhrers Stube mit dem Weiß.

Immer aufgeräumt

„Der Raum verändert sich am Tag.“ Fluhrer schwärmt von der „zweiseitigen Beleuchtung“. Um den Tisch könne er ständig sein Team versammeln und fast alle Informationen aus seinem Laptop ziehen. Am liebsten schiebt dieser aufgeräumte Vater von fünf Kindern auch noch die wenigen Aktenmappen in die weiße Kommode, um reinen Tisch für „die große Freiheit“ bei der Stadtbauplanung zu machen.

Ladenburger mit Emotionen

Zu Karlsruhe hat der in Ladenburg am Neckar zwischen Heidelberg und Mannheim aufgewachsene 1974er „ früh eine emotionale Bindung“. Liebend gerne verbringt er später den Hochzeitstag in der Fächerstadt. Vor dem Abitur zog Familie Fluhrer flussaufwärts von Baden nach Schwaben. In Tübingen gelang dem jungen Fluhrer die erste Reifeprüfung. In Stuttgart hat er studiert, dann in Bad Mergentheim, Leonberg und Esslingen als städtischer Bauplaner gewirkt.

Gewisse Mondänität

In Herrenberg wohnen noch Frau und Kinder. „Sie werden bald nachkommen.“ Die Wohnungssuche läuft. Einstweilen hat sich der Baubürgermeister in der Südweststadt einquartiert. „Eine gewisse Mondänität, dabei kein überhitztes städtisches Treiben. Eben eine „Urbanität mit menschlichem Maß“ – das ist Karlsruhe für Daniel Fluhrer. „Uns war immer klar, sollte ich mal Baubürgermeister werden, dann nicht einfach irgendwo“, betont der neue Mann im Rathaus. „Ich bekam viele Angebote aus anderen Städten, aber Karlsruhe stand eben immer auf Platz eins in meinem Ranking.“

Jetzt schmunzelt der Karrieremann am Wunschziel – in seinen makellosen vier Rathauswänden. Von dort will er „die Qualität des Stadtlebens, der Stadtgestaltung und der Stadtverwaltung“ ausbauen.

Kein einfaches Wachstum

„Karlsruhe hat Wachstumspotenzial, aber nicht mehr in einfacher Hinsicht“, meint der Stadtentwickler. „Die Stadt muss weiter wachsen, sich verändern. Dabei ist sie in der Fläche extrem reglementiert“, sagt Fluhrer. Gerade die „Grüne Stadt“ sei ein Pfund für Karlsruhe, das man durch Bebauung nicht verschleudern dürfe. „Ein Wachstum in die Fläche ist nicht mehr möglich“, da liegt er ganz auf Kurs der Gemeinderatsmehrheit. „Aber das ist nicht so dramatisch“, es gebe andere Entwicklungsmöglichkeiten. „Wir haben in Karlsruhe genug Potenzial.“

Dabei nennt der Dezernent als Schlüssel: „Karlsruhe kann in die Höhe wachsen, das will ich intensivieren.“ Mit Fluhrer können gerne neue Hochhäuser am Ettlinger Tor und hinter dem Hauptbahnhof kommen. Die dürfen ruhig stärker die Wolken kratzen. Dabei gibt er das Differenzieren als Handlungsmaxime aus.

Neuer Komplex am Ettlinger Tor?

„Türme bauen, wo sie passen“, lautet die Maxime. Für ihn ist so ein Komplex aus zwei Hochhäusern am Südende des zentralen Fächerstrahls „via triumphalis“ als städtebaulicher Akzent bewusst außerhalb der alten Planstadt-Symmetrie vorstellbar. In diesem angedachten Baukomplex an der Kriegsstraße zwischen Ettlinger Straße und Ritterstraße könnte demnach neben dem Neubau des Landratsamts ein Turm der Stadtverwaltung stehen.

Noch kombiniert mit einem Neubau an Stelle des alten Postgiroamts, am Ettlinger Tor schräg gegenüber, erkennt Fluhrer „eine Riesenchance, um das Gesicht der Stadt zu prägen“. Auch dort seien viele Abteilungen der Stadtverwaltung in einem Haus mit Hotel und Gastronomie denkbar. In Fluhrers Vision wird auf diese Weise das Erdgeschoss im historischen Rathaus am Marktplatz frei – und Weinbrenners Bau könnte dort als Markthalle die Menschen viel stärker anziehen als ein pures Verwaltungsgebäude.

Erdung für Hochhäuser

Überhaupt kommt der Architekt Fluhrer immer von der Funktion des Bauens. Bei neuen Hochhäusern in der City will er mindestens die Erdgeschosse für alle zugänglich haben. Restaurants und Geschäfte sollten auch diese Gebäude im Stadtleben erden, meint der neue Baubürgermeister. Deshalb ist Fluhrer auch nicht mit den zwei zwölfstöckigen Riegelfassaden des wachsenden Komplexes vom IT-Riesen Ralph Dommermuth hinter dem Hauptbahnhof zufrieden. Dort gibt es durch und durch nur Büros, was eben kein Leben auf den Platz am Südeingang der Fächerstadt bringe. Immer gehe es ihm darum, wie die Baupolitik den Bürgern in der attraktiven Stadt, die immer mehr Menschen anzieht, Nutzen bringt.

Sprung auf 350 000?

Deshalb rangiert für den Newcomer in der Karlsruher Bürgermeisterriege das Thema „Wohnraum“ auch ganz oben. Fluhrer hält es für gut möglich, dass während seiner Wunschzeit von 25 Jahren als Baubürgermeister die Einwohnerzahl Karlsruhes von heute 312 000 auf rund 350 000 steigt. „Wir müssen uns bei dieser Nachfrage darüber klar sein, dass wir diese Sache nicht lösen können“, erklärt er. Eine attraktive Stadt sei ein offenes System, wo das Angebot nicht jeden Bedarf abdecken könne. „Aber ich verspreche, alles zu tun, was die Stadtpolitik für mehr günstigen Wohnraum tun kann“, versichert er.

Neue Schwerpunkte will der Aufsichtsratschef der städtischen Volkswohnung setzen. „Immerhin hat die Stadt mit ihrer Gesellschaft zehn Prozent der Mietwohnungen in eigener Hand.“ Da lasse sich einiges für den Ausbau „günstigen Wohnraums“ bewegen. Der Fortsetzung einer beispielhaften Radpolitik will der Neue im Baubüro der Stadt die Gleichstellung der Fußgänger folgen lassen.

Was zieht in die Stadt?

Durch intelligente Planungen – etwa Terrassenbauten – könnte selbst bei der angestrebten Nachverdichtung die Qualität der „Grünen Stadt“ gesteigert werden, meint der neue Architekt von Karlsruhe. Überhaupt will Fluhrer die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik bei der Stadtentwicklung vergrößern. Auf die große Linie komme es dabei an: „Strategische Fehler sind operativ nicht zu kitten.“

Dabei kommt bei Fluhrers Ansatz zuerst der Bürger. „Was zieht ihn in die Stadt?“, fragt er – und antwortet selbst: „Wegen dem Rathaus oder der Stadtkirche kommt man nicht.“ Biete man aber Liegestühle und Sandkasten auf dem Marktplatz sowie Gastronomie rundum, könnte Karlsruhe mit diesen „Begegnungszonen“ viel gastlicher sein. Gleiches gelte für die Zirkelarkaden, um die Aufenthaltsqualität am Schlossplatz zu steigern. Auch bei der Gestaltung der Kaiserstraße ohne Straßenbahn in der kommenden U-Strab-Zeit müsse viel getan werden, damit dort abends nicht eine unbelebte Leere in einem toten Schlauch gähne.

Hell und transparent will der Daniel Fluhrer die Fächerstadt machen. In seinem Büro hat er das schon geschafft. Nun ist der neue Bürgermeister nicht nur der Bau-, sondern auch der Zoodezernent. Allzu gerne würde er auch den Tiergarten, dessen Trumpf die zentrale Lage ist, noch mehr ins Stadtleben einbeziehen. Nicht, dass Fluhrer den grünen Stadtgarten in einen weißen Zoo umpinseln will. Viel mehr stellt er sich Glaswände vor, an denen der Mensch auf der Straße in direktem Blickkontakt zu Giraffe und Zebra steht.