»Ganz schön Drais« wird es in der Karlsruher Rad-Festwoche. | Foto: jodo

200-jähriges Fahrradjubiläum

»Ganz schön Drais!«

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In welcher Stadt kennt man nicht nur Radmuttern, sondern auch einen Radvater? «, ist eine beliebte Karlsruher Scherzfrage. Spätestens ab diesem Jahr wird das vermeintliche Radkuriosum aus Karlsruhe vielen Menschen für immer im Gedächtnis bleiben, als ein besonderes Stück Karlsruher Heimat- und Erfindergeschichte, als großes Spaß- und Mitmacherlebnis, als mitreißendes Sportereignis, als begeisternde Rad-Historienschau. Unter dem Veranstaltungstitel »Ganz schön Drais!« verknüpfen die diesjährigen Heimattage Baden-Württemberg in Karlsruhe den Aspekt der Heimat mit einem außergewöhnlichen Stück Geschichte, die des Karlsruher Raderfinders Karl Drais, der mit seiner zukunftsweisenden Mobilitäts-Innovation die Welt vor genau 200 Jahren von vier auf zwei Räder stellte.

Welttreffen historischer Räder

Als Leuchtturmprojekt des landesweiten Fahrradjubiläums findet die zentrale Karlsruher Rad-Festwoche unter dem Motto »Ganz schön Drais« vom 24. bis 28. Mai gleich mit zwei außergewöhnlichen Highlights statt: Historisch wird es am Schloss bei der »IVCA Rally – Welttreffen historischer Räder« zugehen. Anlässlich des Jubiläums haben sich über 400 internationale Sammler historischer Räder angemeldet. Höhepunkte dieses einmaligen Erlebnisses sind unter anderem Kostümausfahrten sowie verschiedene Rennen mit historischen Rädern.

Alles rund ums Fahrrad

Aktuelle Einblicke in die moderne Radwelt bietet das »Ganz schön Drais! – Fahrrad Festival « am 27. und 28. Mai im Kreativpark Alter Schlachthof. Die Besucher erwartet ein vielfältiges Aktionsprogramm und interessante Informationsangebote rund um das Thema Fahrrad. Beim Kinder-Radparcours dürfen die jüngsten Radler ran, während beim »Kunst-Bike« gezeigt wird, was man mit einem Fahrrad kunst- und trickreiches anstellen kann. Eine neue Note bekommt das Thema »Essen auf Rädern«, denn beim Fahrrad Festival werden auch das Coffee-Bike und Food-Trucks mit Köstlichkeiten verführen. Gefeiert wird am 27. Mai bei der großen RIDERS PARTY im Musikclub Substage.

Rasant und trickreich

Zu Gast in der Raderfinderstadt ist am Wochenende 27. / 28. Mai die berühmte Deutsche Meisterschaft der Fahrradkuriere (DMFK). Ermittelt werden die schnellsten und geschicktestes Fahrradkuriere Deutschlands. Zuschauen lohnt sich an den beiden Tagen auch beim BMX-Contest im Skatepark im Otto-Dullenkopf Park. Und auch der Durlacher Turmberg winkt mit einem besonderen Rad-Highlight: Beim Turmbergrennen, wird am 27. Mai die Straße zum Karlsruher Hausberg bereits zum sechzehnten Mal zur kurvenreichen Rennstrecke.

Ausstellung

Wer war nun dieser geniale Fahrraderfinder aus Karlsruhe? Einen Überblick über den neuesten Stand der Drais-Forschung bietet die Ausstellung »Karl Drais – Erfinder und Demokrat aus Karlsruhe«, die vom 24. Mai bis 25. Juni im Foyer des Regierungspräsidiums Karlsruhe am Rondellplatz gezeigt wird. Seltene Exponate sowie aufschlussreiche Text- und Bildtafeln vermitteln ein plastisches Lebens- und Erfinderporträt des Karlsruher Radpioniers.

Rad-Kunst vom Feinsten

Auch das Rad als Objekt künstlerischer Betrachtung kommt beim 200. Radjubiläum in Karlsruhe nicht zu kurz: So wird das Fahrrad-Film-Festival Cine- BIKE vom 2. bis 3. Juni den filmischen Blick auf das Fahrrad lenken. Bei den diesjährigen Schlosslichtspielen (3. August bis 10. September) wird das Rad eine besonders lichtplastische Rolle spielen, als modernes Lightshow-Kunstobjekt made by ZKM. Das eindrucksvollste Rad-Bild dürfte jedoch das vom 29. April bis zum 28. Mai aus der Ferne wahrnehmbare RiesenFahrrad sein, das zwei vor dem Schloss aufgebaute Riesenräder dem erstaunten Betrachter vorgaukeln.

 

Zum Erfinder der Laufmaschine

War er nun ein Revolutionär oder ein Revoluzzer? War er ein genialer Erfinder oder nur ein begnadeter Tüftler? War er weltgewandt oder eher heimatverbunden? Das Bild des Karlsruher Raderfinders Karl Drais hat viele Facetten, und doch würde er sich in dem Bild, das wir als vermeintlich »echte« Kopie von ihm – mit fast 200 Jahren Distanz – in heimatlichem Stolz geschnitzt haben, kaum wiedererkennen. Die Zeit war reif. Nur wofür?

Zahlreiche Erfindungen

Am Vorabend der Französischen Revolution 1785 in Karlsruhe geboren, hineingewachsen in ein Jahrhundert der Demokratie- und Freiheitsbewegungen, umringt von Armut und Hungersnöten, eingezwängt in einen Adelstitel und die Karrierewünsche seiner Familie, getrieben von einem Bedürfnis nach Anerkennung, blieb ihm nur ein Weg: die unbegrenzte Freiheit, sich Neues auszudenken. »Not macht erfinderisch« könnte der Leitspruch des Schöpfergeistes Drais gewesen sein. Denn fast alle seiner heute bekannten Erfindungen scheinen in unmittelbarem Zusammenhang mit Notsituationen zu stehen, voran die Entwicklung seines Laufrades, als Fortbewegungsmittel mit eigener Muskelkraft, mit den großen Erntekatastrophen in den Jahren 1812 bis 1817 und der damit unmittelbar einhergehenden Knappheit von Futtermittel für die Pferde, dem einzigen Fortbewegungs- und Transportmittel seiner Zeit. Für seinen an Grauem Star erkrankten Vater kreierte er ein »Schreibclavier «, das Buchstaben in einen Papierstreifen prägte, die man mit den Fingerkuppen ertasten und somit lesen konnte. Sein Holzsparofen und seine »Kochmaschine «, ein Energiesparherd, waren die direkte Antwort auf die akute Knappheit an Brennholz im Land. Auf seiner Erfindungsliste stehen mathematisch-wissenschaftliche Beweisführungen ebenso wie eine »Verwandlungs-Maschine« für Geometer zur grafischen Flächenumwandlung oder die erste Tastenschreibmaschine.

Heute wäre Drais als Urheber vieler Basis Innovationen ein Motor und Vorbild für alle Unentwegten, die mit Ausdauer und unbeirrt dem eigenen Weg folgen, stets wissend, dass der Prophet im eigenen Land oft heimatlos ist. Doch die Geschichte von Karl Drais zeigt auch, dass gut Ding manchmal etwas Weile braucht. Ohne Drais gäbe es das populärste Fortbewegungsmittel unserer Zeit einfach nicht – ohne ihn kein Radsportfieber, keine umweltfreundliche Fahrt von einem Ende der Stadt zum anderen, keine Tour de France, kein Vertrauen darin, dass das Spiel mit dem Gleichgewicht oft vom eigenen Mut abhängt.