Den Menschen zugewandt – so präsentierte sich Harry Ettlinger trotz der Demütigungen, die ihm als Junge widerfuhren. Die Aufnahme entstand in der Kunsthalle Karlsruhe vor dem Rembrandt-Selbstbildnis und dessen Kopie.
Den Menschen zugewandt – so präsentierte sich Harry Ettlinger trotz der Demütigungen, die ihm als Junge widerfuhren. Die Aufnahme entstand in der Kunsthalle Karlsruhe vor dem Rembrandt-Selbstbildnis und dessen Kopie. | Foto: Deck/dpa

Berühmt durch Hollywood-Film

Gebürtiger Karlsruher und „Monuments Man“: Harry Ettlinger ist gestorben

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Ein Film hat ihn schlagartig weit über die Landesgrenzen bekannt gemacht. Als „Monuments Men“ Anfang Februar 2014 bei der Berlinale vorgestellt wurde, da stand Harry Ettlinger plötzlich im Rampenlicht internationaler Aufmerksamkeit. Dabei habe er doch nur seinen Job getan, wie er im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Andreas Jüttner voller Bescheidenheit erklärte.

„Einen Job, von dem ich glaubte, dass er dazu beiträgt, das Leben miteinander wenigstens ein kleines bisschen besser zu machen.“ Jetzt ist „Der letzte der Monuments Men“, wie die Zeitschrift „The New Yorker 2015 titelte, im Alter von 92 Jahren gestorben.

Harry Ettlinger wurde 1926 in Karlsruhe geboren

Geboren wurde Harry Ettlinger am 28. Januar 1926 in Karlsruhe – und es war just „der Job“, der ihn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zumindest indirekt wieder in Kontakt mit seiner Heimatstadt brachte. Bereits im September 1942 war die Kunsthalle evakuiert worden, doch auch in den Depots, in die man die Werke verbrachte, konnten die Bestände nicht auf Dauer bleiben. Da Schloss Bauschlott (als einer der Auslagerungsorte) zu einem Notlazarett werden sollte, wurden die dort gelagerten Kunstwerke in die Salzbergwerke Heilbronn und Friedrichshall-Kochendorf transportiert.

Dort wurden im Mai 1945 Ettlinger und seine Kameraden aktiv. Sie gehörten zur „Monuments, Fine Arts and Archives Section“ (MFA&A) der US-Army, wurden bekannt als „Monuments Men“ und verstanden sich als eine Art „Rotes Kreuz für die Kunst“. Sie sollten Kulturgüter vor Diebstahl und Zerstörung sichern, aber auch herausfinden, was Raubkunst und was rechtmäßiger Besitz war.

Ettlinger betonte später, „dass hier etwas getan wurde, was es so zuvor noch nicht gab: Ein Land verpflichtet sich, die Kultur anderer Länder zu respektieren, statt Dinge zu stehlen. Das ist etwas, auf das man stolz sein kann. So sehe ich das.“

Hollywood machte Harry Ettlinger berühmt. Dieses Foto zeigt ihn 2014 mit Matt Damon (Mitte) und George Clooney (rechts) in Berlin.
Hollywood machte Harry Ettlinger berühmt. Dieses Foto zeigt ihn 2014 mit Matt Damon (Mitte) und George Clooney (rechts) in Berlin. | Foto: Naupold/dpa

Rembrandt-Selbstporträt von besonderer Bedeutung

Bei ihrer Arbeit stießen die „Monuments Men“ auch auf die Kisten aus der Kunsthalle Karlsruhe. Für Ettlinger hatte der Fund eine starke persönliche Bedeutung: Als Junge wollte er sich Rembrandts Selbstporträt ansehen, das in dem Museum hängt, durfte aber, weil er Jude war, das Haus nicht betreten. Jetzt, in den Salzstollen von Heilbronn, kam er in unmittelbare Berührung mit dem Gemälde.

Die Verfilmung eines Sachbuchs von Robert Edsel mit George Clooney als prominentem Hauptdarsteller würdigte nicht nur die US-amerikanische Spezialtruppe, der einmal knapp 350 Frauen und Männer angehört hatten – sie rief auch die Lebensumstände der badischen Juden unter dem NS-System in Erinnerung. Das Rembrandt-Selbstporträt aus der Zeit um 1650 spielte dabei eine besondere Rolle.

1938 mussten Harry Ettlingers Großvater, Otto Oppenheimer, und dessen Familie emigrieren. Vor der Ausreise schenkte der Bruchsaler Textilgroßhändler seinem Enkel ein kleines Kunstwerk: eine Radierung, die der Karlsruher Kunstprofessor Walter Conz nach Rembrandts Selbstbildnis in der Kunsthalle gefertigt hatte. 1906 war das Blatt die Jahresgabe des Badischen Kunstvereins gewesen, später hing es in Harry Ettlingers Heim in Rockaway, New Jersey. Hier hatte sich der Ex-G.I. zuletzt niedergelassen.

1944 zur Armee einberufen

In die USA war der Sohn angesehener Karlsruher Geschäftsleute wie sein Großvater und viele andere Verfolgte des Nationalsozialismus 1938 gekommen. Im August 1944 wurde der damals 18-Jährige zur Armee einberufen: Er sollte mit der 99. Infanterie-Division gegen die deutsche Ardennenoffensive eingesetzt werden. Weil er Deutsch sprach, fand man eine andere Verwendung für ihn – eben als „Monument Man“.
1946 war die Mission der MFA&A für Harry Ettlinger beendet.

2011 Besuch in Bruchsal

Er kehrte zurück in die USA, studierte und war hernach in mehreren Firmen als Ingenieur tätig. Mehr und mehr lag ihm am Herzen, die Erinnerung wach zu halten. So nahm er denn etwa im Mai 2011 die Mühe auf sich, nach Bruchsal zu reisen, wo ein Platz nach seinem Großvater benannt wurde. Ettlinger engagierte sich für die Wallenberg Foundation, New Jersey, die nach dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg benannt ist. Er hat Tausenden vom Holocaust bedrohten Juden (die Zahlen schwanken) das Leben gerettet: Ettlinger führte Wallenberg in seinen Vorträgen vor jungen Leuten gerne als Beispiel dafür an, was ein Einzelner auch unter widrigen Umständen vermag.

Träger der Staufer-Medaille

Auch das gesteigerte Interesse, das ihm dank des Films mit George Clooney entgegengebracht wurde, nutzte der unter anderem mit der Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg Geehrte, um eine humanistische Botschaft zu vermitteln. Wie sagte er im BNN-Interview: „Den Kinofilm sehe ich als weltweit verständliche Botschaft, dass wir gegenseitig Respekt vor unserer Kultur zeigen sollten.“