Süß anzusehen sind diese Neugeborenen. Ihr Weg auf die Welt ist mitunter steinig. Frauenarzt Martin Soder bereitet werdende Väter darauf vor. | Foto: dpa

Babys und Bier

Geburtsvorbereitungskurs für Männer

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Man duzt sich hier. An der Stirnseite des Raumes steht Frauenarzt Martin Soder, im U um ihn herum sitzen die werdenden Väter. Jeder mit einer Flasche Bier vor der Nase und einem großen Fragezeichen im Gesicht. „Das Bier ist zum Trinken da“, sagt der 35-Jährige und lacht. Noch traut sich keiner.

Männer fragen ganz andere Sachen

Martin Soder bietet im Diakonissenkrankenhaus Geburtsvorbereitungskurse speziell für Männer an. „Ich habe einfach gemerkt, dass da Bedarf besteht“, sagt Soder, der selbst Vater einer kleinen Tochter ist. Immer wieder sei er von Männern angesprochen worden, die ihre Frauen in den Kreißsaal begleiteten. „Die fragen ganz andere Sachen als Frauen“, weiß Soder. Viele hätten Ängste, sorgten sich beispielsweise, dass ihren Frauen unter der Geburt etwas passieren könnte. „In einem Kurs, in dem die Männer unter sich sind, wird da ganz anders darüber gesprochen“, so der Frauenarzt, der seit 2010 im Diakonissenkrankenhaus arbeitet. Zudem betreibt Soder gemeinsam mit seinem Vater in Ettlingen eine eigene Praxis.

Große Nachfrage

Den Kurs „Von Mann zu Mann“ rief er 2014 ins Leben. Und die Nachfrage ist groß, die Kurse sind meist schnell ausgebucht. „Mir ist nicht bekannt, dass es dieses Angebot in Deutschland in dieser Form noch einmal gibt“, sagt Soder.

Boxprofi und Trainer

In seinen Kursen verwendet der Gynäkologe eine sehr bildhafte Sprache. Eine, die Männer wohl irgendwie dort abholen soll, wo sie stehen. „Im Grunde ist Eure Frau während der Geburt der Boxprofi, Ihr seid der Trainer“, veranschaulicht der Arzt. Und wie der Trainer dem Boxprofi in den Pausen ein Getränk reiche, ihm mit einem nassen Lappen die Stirn kühle oder ihm das Händchen halte – genauso sei das auch im Kreißsaal. „Das wird eine Extremsituation sein“, macht Soder deutlich. Gleichzeitig versucht er, mögliche Sorgen zu zerstreuen: „Viele Männer haben Angst vor einer Ohnmacht – die meisten stecken das aber wirklich gut weg.“

Bier im Kreißsaal?

Die 17 Männer – teils sind sie aus eigenem Antrieb gekommen, teils wurden sie von ihren Frauen geschickt – hören ihm aufmerksam zu, mancher macht sich Notizen. Dann, als die erste Dreiviertelstunde um ist, ist ein leises Zischen zu vernehmen. Der Erste hat sich getraut und seine Bierflasche geöffnet. Dankbar tun es ihm die anderen gleich. „Darf man im Kreißsaal auch Bier trinken?“, fragt einer halb scherzhaft. „Ein Radler ist schon okay“, sagt Soder und grinst. Erleichtertes Lachen in der Runde.

Anschaulich erklärt: Martin Soder zeigt mit einem Gebärmutter-Modell den Geburtsvorgang. Für die Zuhörer gibt es neben den Informationen auch Kaltgetränke. | Foto: jodo

Eine Geburt ist eine sehr blutige Sache

„Martin Soder vermittelt das alles auf sehr sympathische Art“, sagt Michael. Er und seine Frau erwarten eine kleine Tochter. Michael freut sich sehr, sagt nur: „Über den Namen sind wir uns noch nicht einig.“ Von Soder fühlt er sich gut abgeholt. Der Kurs sei „mit Respekt“ gestaltet, gleichzeitig „wenig klischeehaft“. Was Soder vor allen Dingen tut: Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt schonungslos, wie es sein wird („Eine Geburt ist eine sehr blutige Sache“). In seinem Kurs führt der Frauenarzt – der selbst rund 1 500 Geburten begleitet hat – durch die verschiedenen Phasen: Schwangerschaft, Geburt, die Zeit im Wochenbett. „Ihr werdet sicher bemerkt haben, dass sich der Körper und die Psyche Eurer Frauen in der Schwangerschaft verändert haben“, mutmaßt er. Ein Raunen geht durch den Raum, einer seufzt.

Ein Bäumchen auf der Plazenta

Die Geburt selbst verdeutlicht der Gynäkologe so technisch wie möglich – und bleibt dabei in seiner bildhaften Sprache. „Eine Gebärmutter ist aufgebaut wie eine Flasche“, sagt er und reckt sein eigenes Pils in die Höhe. „Seht Ihr, so.“ Anhand eines Modells demonstriert er dann, wie das Köpfchen des Kindes im Becken sitzt, erklärt Begriffe wie Beckenend- und Steißlage, Kaiserschnitt, Spontangeburt und Plazenta. „Kann man die wirklich essen?“, fragt ein Teilnehmer. „Habe ich zumindest schon gehört“, sagt der Arzt. Er selbst hat die Plazenta nach der Geburt seiner Tochter vergraben und ein Bäumchen darauf gepflanzt.

Wickelkommoden und Kinderwagen

In der Mittagspause fachsimpeln die Männer bei Bier und Brötchen über Wickelkommoden und Kinderwagen. Jan ist aus Bonn angereist. „Die Familie meiner Frau kommt aus Karlsruhe“, erklärt er. Der Kurs sei ein Geschenk gewesen. „Ich finde das Konzept toll“, sagt Jan. „Man konzentriert sich hier auf die Fragen, die uns bewegen“, sagt er. Auch Dinge, die man sich vielleicht zunächst nicht anzusprechen traue, wie etwa Sexualität in der Schwangerschaft. „In so einer Männerrunde fühlt sich das alles vertrauter an“, findet Jan. Für die Geburt ist er gerüstet – soweit das eben geht. „Meine Frau hat mich beauftragt, die Kliniktasche zu packen.“ Fertig ist er damit noch nicht, er weiß aber, was auf jeden Fall hinein muss: Ein Salamibrötchen. In der Schwangerschaft steht diese Wurst nämlich auf der roten Liste.

Ruhe bewahren – dann wird das schon

Und neben der gut gefüllten Kliniktasche geht es laut Soder vor allem um eines: „Euer Job ist es, während der Geburt Ruhe zu bewahren und Eure Frauen zu unterstützen“, sagt der Arzt. „Dann wird das schon.“ Für diese Aussage erntet er teils zuversichtliche, teils auch skeptische Blicke. Einer der werdenden Väter steht auf und geht sich noch ein Bier holen.