EIN GLÄSCHEN AN DER BAR, dann wird weiter geshoppt. Für den Einzelhandel werden gastronomische Angebote immer wichtiger. Auch im ECE-Center „Ettlinger Tor“ in Karlsruhe (Foto) wurden diese erheblich ausgebaut. | Foto: Hora

Frequenzbringer

Gefragte Gastronomie: Der Einzelhandel bittet mehr denn je zu Tisch

Anzeige

Die Champagnerbar im Modehaus, die Kaffeetheke beim Buchhändler oder die Brezelregale vor dem Baumarkt – der Umsatz der deutschen Einzelhändler mit Gastronomieangeboten dürfte mittlerweile bei rund zehn Milliarden Euro im Jahr liegen, so Olaf Hohmann vom Kölner EHI Retail Institute. Zum Vergleich: 2017 waren es noch 9,29 Milliarden Euro. Hohmann spricht von einem wachsenden Markt. „Wenn Konsumenten frische, verzehrfertige Speisen im Handel kaufen, geben sie dafür durchschnittlich 22 Euro im Monat aus“, so der Handelsexperte weiter.

Laut der früheren EHI-Studie für 2017 bieten rund 33 000 Supermärkte, Baumärkte, Textilhändler, Möbelgeschäfte und Buchhandlungen auch Essen und Getränke zum Sofortverzehr an. Etwa jedes zehnte Ladengeschäft in Deutschland nutzt somit diese Chance. Von den seinerzeit gut neun Milliarden Euro Gastronomieumsatz entfallen laut EHI allein rund 5,2 Milliarden Euro auf den Lebensmittelhandel.

Verführerischer Duft von frischem Brot

„Es ist nachgewiesen: Der Duft von frischem Brot ist anregend und führt dazu, dass man mehr Lebensmittel einkauft“, begründet Anja Forster, Marketing-Professorin der Hochschule Pforzheim, warum es in so gut wie jedem größeren Supermarkt gleich nach dem Eingang einen Bäcker gibt.

Mit zwei Milliarden Euro Erlösen folgen nach den Supermärkten die 480 Shopping-Center. „Essen ist wichtig“, sagt denn auch Anne Klausmann, Managerin des ECE-Einkaufszentrum „Ettlinger Tor“ in Karlsruhe. Gastronomie bringe zusätzliche Kunden ins Center. „Und es wird die Verweilqualität erhöht. Wir wollen, dass unsere Kunden zwischenrein auch Pause machen können und danach weitershoppen.“ Mittlerweile gibt es in dem Einkaufscenter neben den 99 Shops auch 18 Gastronomiebetriebe. „Der Anteil der Gastronomie hat sich vergrößert“, unterstreicht Klausmann.

Das Sehen-und-gesehen-Werden spielt eine Rolle

Auch wer sich in anderen Einkaufszentren der Region umschaut, dem fällt auf: Sekt- und Kaffeebars sind gewöhnlich gut besucht. Das Sehen-und-gesehen-Werden spielt hier eine Rolle, wie eben auch in einer klassischen Fußgängerzone mit ihren Straßencafés.

Auf Rang drei in Deutschland kommen übrigens die etwa  5 000 Tankstellen, die neben Sprit auch Croissants, Pizzastücke oder belegte Brötchen anbieten und damit immerhin eine Milliarde Euro erlösen. Auch in rund 500 Möbelhäusern, 150 Warenhäusern, Baumärkten, Modeläden und Buchhandlungen wird laut den Handelsforschern von EHI mit Essen und Trinken rund eine Milliarde Euro umgesetzt.

„Dampfnudel-Paule“ vor dem Sanitärbetrieb

Auf Gastronomie setzt auch jemand, bei dem man es eher nicht vermuten würde: der Sanitärbetrieb Ernst Wohlfeil GmbH in Rheinstetten. Vor dem Geschäft machen, je nach Saison, Erdbeer- und Gemüsehändler Station. Auch „Dampfnudel-Paule“ baut dort regelmäßig seinen Stand auf, berichtet Firmenchef Joachim Wohlfeil. Er weiß: „Viele Leute, die draußen sind, kommen zu uns rein und holen sich zum Beispiel ein Pflegemittel.“

Der Einzelhandel profitiert von mehr Kundenfrequenz durch Gastronomie

Gut gemachte Gastronomie im Einzelhandel – für Forster gibt es gleich eine Vielzahl von Argumenten dafür: Kundenfrequenz, Verweildauer und Verweilqualität werden erhöht. Oft verlangt der Kunde auch ein gastronomisches Angebot als Service. So zum Beispiel im Baumarkt. „damit ich mich stärken kann, bevor ich die neu gekauften Bretter nach Hause bringe“. Ohnehin sei der Außer-Haus-Verzehr in Deutschland im Trend. Das liege auch an der Vielzahl der Single-Haushalte, wo man nicht zwingend für sich allein kochen wolle. Nicht zu vergessen: Einzelhändler, die per Gastronomie-Angebot ein Einkaufserlebnis bieten, könnten ihre Kunden binden – und eventuell sogar abgewanderte Online-Shopper zurückgewinnen.

DAMPFNUDELN vorm Sanitärgeschäft. Der Imbiss bringt auch dem Handwerksbetrieb Kundenfrequenz. | Foto: jodo

„Wir sind auch auf dem Weg in Richtung einer Spaßgesellschaft“, sagt Forster. Deshalb kämen zum Beispiel Kochabende, bei denen Sterneköche mit Kunden Leckeres zubereiten, gut an.
„Man versucht auch, über das Essen die Marke zu transportieren“, erläutert die Professorin. „Ikea ist ein Beispiel, da passt das Essensangebot perfekt zur Marke.“ Und wenn ein Modehändler eine Champagnerbar hat, dann assoziiere das für Kunden, dass er auch hochwertige Kleidung verkaufe.

„Ikea und XXXLutz als Vorreiter“

Einige Einzelhändler tun dem Kunden etwas Gutes – und profitieren davon. Da wird im Küchenstudio zu einem Cappuccino eingeladen oder der Modehändler bedankt sich für den Einkauf mit einem Gläschen Sekt. „Das ist erst noch im Kommen“, sagt Forster, die auch hier eine Chance für den stationären Handel sieht.

„Ikea war sicherlich einer der Vorreiter“, antwortet Forster auf die Frage, wer als Einzelhändler seit vielen Jahren auch Gastronomie anbietet, „aber auch Mann Mobilia beziehungsweise XXXLutz.“ Aktuell werde viel ausprobiert. Dazu zählt das „Meine Backwelt“-Konzept von Aldi Süd oder die Kooperation von Hornbach mit der „Grillbar“, hinter der Sterne-Koch Mario Kotaska steht.

„Mit Speck fängt man Mäuse“, nennt Forster das Grundprinzip, wenn sich Einzelhändler auf ein für sie neues oder ungewohntes Gastronomie-Terrain wagen.

Der Hard-Rock-Café-Effekt

„Diese Verbindung zwischen Shopping und Essen ist aber auch umgekehrt realisierbar“, erklärt Forster. Ein klassisches Beispiel dafür: die Hard-Rock-Cafés in den Metropolen dieser Welt. Klar, man kann dort auch essen. Aber auch die angeschlossenen Modegeschäfte sind bei den Touristen Kult.