Unser kulturelles Erbe in Gefahr: Parallel zur Mykene-Ausstellung zeigt das Badische Landesmuseum im Karlsruher Schloss die Dokumentationsschau „stolen past – lost future / Gestohlene Vergangenheit – Verlorene Zukunft“. | Foto: abw

Antikenhehlerei

Gestohlene Vergangenheit – Doku im Badischen Landesmuseum

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Bis vor wenigen Jahren waren die Beziehungen zwischen dem Badischen Landesmuseum und dem Kulturministerium in Athen angespannt. Man könnte auch sagen: Die Griechen wollten nichts mit den Badenern zu tun haben. Und ihnen schon gar keine Leihgaben für Ausstellungen überlassen. Gestohlene Vergangenheit stand zwischen Athen und Karlsruhe. Stein des Anstoßes waren zwei bedeutende kykladische Artefakte, die das Landesmuseum in den 1970er Jahren angekauft hatte. Die Objekte aus der frühen griechischen Kultur stammten aus verbotenen Grabungen. Sie waren illegal gehandelt worden. 2014 dann beschloss das Badische Landesmuseum (BLM) im Einvernehmen mit der Landesregierung, die Raubkunst an Griechenland zurückzugeben. Das machte den Weg frei für eine fruchtbare Zusammenarbeit.

Dieses Kykladenidol aus der Zeit um 2 700 bis 2 300 vor Christus hat das Badische Landesmuseum 2014 an Griechenland zurückgegeben. | Foto: M. Kontaki, © Hellenisches Ministerium für Kultur und Sport, Archaeological Receipts Fund

Früchte der griechisch-deutschen Zusammenarbeit

Ein Projekt, das daraus resultierte, ist die aktuell in Karlsruhe laufende Ausstellung „Mykene – Die sagenhafte Welt des Agamamnon“. Wenn BLM-Chef Eckart Köhne sagt, „So viel Mykene in Deutschland gab es noch nie“, darf man das wörtlich nehmen. Die erfolgreiche Schau prunkt mit zahlreichen bedeutenden Leihgaben und nie zuvor gezeigten Funden aus Griechenland. Inzwischen wurde sie ergänzt durch ein weiteres griechisch-deutsches Kooperationsprojekt: die Doku-Ausstellung „stolen past – lost future / Gestohlene Vergangenheit – Verlorene Zukunft“.

Kriminelles Geschäft

Gestohlene Vergangenheit: Trotz internationaler Übereinkünfte zum Kulturgüterschutz zählt die Antikenhehlerei weltweit – mit dem Drogen-, Waffen- und Menschenhandel – zu den besonders einträglichen kriminellen Geschäftsfeldern. Bis März 2018, so erfährt man in der Doku-Schau, wurden in der Interpol-Datenbank für gestohlene Kunstwerke rund 51.000 derartige Objekte offiziell registriert. Wobei es sich nur um die Spitze des Eisberges handeln dürfte.

Gestohlene Vergangenheit und das große Geld

Es geht um gewaltige Geldsummen. Für 1,2 Millionen Dollar etwa kaufte das Metropolitan Museum of Art in New York 1972 einen „Krater“, ein prachtvolles Gefäß des Malers Euphronios aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus. Doch dann deckten italienische Behörden auf, dass der Krater aus einem illegal ausgehobenen etruskischen Grab stammte. Das teure Stück wurde 2008 „repatriiert“ – also an seine Heimat zurückerstattet.

Ohne Rücksicht auf die „Ware“

Immerhin ist der Krater, der heute das Archäologische Museum von Cerveteri ziert, vollständig erhalten. Was keine Selbstverständlichkeit ist. Denn Raubgrabungen werden in der Regel bei Nacht und Nebel von Laien durchgeführt. Sie agieren ohne Rücksicht auf die archäologischen Stätten und beschädigen in der Eile auch oft ihre „Ware“. Eine Ikone aus dem 14. Jahrhundert, die Diebe 1979 aus einer Kirche in Lakonien entwendeten, wurde sogar bewusst in Stücke geschnitten, um sie leichter verkaufen zu können. Dabei handelte es sich keineswegs um einen Einzelfall- Über internationale Netzwerke mit zahlreichen Zwischenhändlern wird das Raubgut weitergegeben. Und mit immer neuen Dokumenten versehen, die den Kulturgütern eine neue Identität und eine scheinbar legale Herkunft verleihen sollen.

Ikone mit der Himmelfahrt des Propheten Elias (17. Jh. n. Chr.). Sie wurde 1976 aus einer Kirche in Griechenland gestohlen und ebenfalls in Einzelteilen verkauft. Inzwischen ist sie im Byzantinischen und Christlichen Museum in Athen zu sehen. | Foto: © Hellenisches Ministerium für Kultur und Sport, Archaeological Receipts Fund

Einige Artefakte wandern so in namhafte Museen, wie die Doku-Schau anhand etlicher Fallbeispiele von inzwischen repatriierten Kulturgütern – auch aus dem BLM – zeigt. Andere verschwinden auf Nimmerwiedersehen in den Sammlungen von Liebhabern.

Objekte ohne Heimat

Julia Linke aus dem Team der Mykene-Ausstellung hatte eine hübsche Idee, um zu zeigen, was Objekte aus Raubgrabungen von denjenigen aus archäologischen Grabungen unterscheidet: Eine „Zwillingsstudie“ in Form eines Comics verfolgt den Weg zweier Tierfiguren von dem Moment, an dem sie aus der Erde kommen, bis zu ihrem endgültigen Standort. Die Story, von Christian Scharfenberg illustriert, ist eindrücklich: Das illegal ausgegrabene Kälbchen hat am Ende keine „Heimat“ mehr – und keine Geschichte, von der es erzählen könnte.

Europäische Anstrengungen

Gestohlene Vergangenheit – verlorene Zukunft: Die Doku-Schau ist ein Gemeinschaftsprojekt des Landesmuseums, der Uni Heidelberg und des griechischen Kulturministeriums. Sie will zeigen, wie der illegale Handel mit Antiken durch gemeinsame europäische Anstrengungen wenn wohl auch nicht verhindert, so doch eingedämmt werden kann.

Die Mykene-Schau: Ein Beispiel für gelungenen Kulturgutschutz

BLM-Direktor Köhne, der auch Präsident des Deutschen Museumsbundes ist, betrachtet die badisch-griechische Zusammenarbeit, an deren Anfang die noch unter seinem Vorgänger eingeleitete „Repatriierung“ der kyladischen Artefakte stand, als Gewinn für beide Seiten. Mit Blick auf die Mykene-Schau sagt er: „Diese Kooperation weist den Weg für zukünftige Projekte. Und sie ist ein Beispiel für gelungenen Kulturgutschutz, da wir ausschließlich Objekte aus gesicherten Grabungen im Sinne der Unesco-Konvention zeigen.“