„Es gab damit immer wieder Versuche in der Krebsforschung. Jedoch ist es dem Gift egal, ob es sich um eine kranke oder gesunde Zelle handelt.“
„Es gab damit immer wieder Versuche in der Krebsforschung. Jedoch ist es dem Gift egal, ob es sich um eine kranke oder gesunde Zelle handelt.“ | Foto: Hildenbrand/dpa

Zwischen Achern und Bruchsal

Von Eisenhut bis Herbstzeitlose: die fünf gefährlichsten Giftpflanzen und -pilze

Anzeige

Das Sammeln von Speisepilzen und Nahrungspflanzen wird immer beliebter – allerdings müssen Naturfreunde dabei genau aufpassen, wie sich in der jüngsten Bärlauch-Saison zeigte: Ende April musste ein Mann im Rems-Murr-Kreis mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus, nachdem es auf Wochenmärkten womöglich zu einer Verwechslung von genießbarem Bärlauch mit giftigen Maiglöckchen gekommen war.

In Baden-Württemberg starben nach Angaben des Statistischen Landesamts 14 Menschen in den Jahren 2007 bis 2016, nachdem sie giftige Pilze oder Pflanzen gegessen hatten. Etwa 930 Personen mussten in den Jahren 2008 bis 2017 deswegen im Krankenhaus behandelt werden – 164 kamen aus der Kernregion von bnn.de.

 

Josef Simmel, Leiter des Referats Botanik am Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe, hat für die BNN die fünf gefährlichsten Pflanzen in der Region zusammengestellt.

Josef Simmel, Leiter des Referats Botanik am Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe
Josef Simmel, Leiter des Referats Botanik am Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe | Foto: Griener

Eisenhut

„Der Eisenhut, die giftigste Pflanze Mitteleuropas, kommt hauptsächlich auf der Alb vor. Er schafft es aber auch noch in den Schwarzwald und hoch bis in den Enzkreis“, erklärt Simmel in seinem Büro in einem Seitenflügel des Naturkundemuseums. Der Grad der Toxizität wird laut ihm dadurch bestimmt, wie viel Material eines Gewächses notwendig ist, um Vergiftungssymptome hervorzurufen. „Beim Eisenhut sind wenige Gramm der Blätter auch für Erwachsene tödlich, außerdem ist er kontaktgiftig.“

„Der Eisenhut, die giftigste Pflanze Mitteleuropas, kommt hauptsächlich auf der Alb vor. Er schafft es aber auch noch in den Schwarzwald und hoch bis in den Enzkreis.“
„Der Eisenhut, die giftigste Pflanze Mitteleuropas, kommt hauptsächlich auf der Alb vor. Er schafft es aber auch noch in den Schwarzwald und hoch bis in den Enzkreis.“ | Foto: Nickig/dpa/tmn

Um die Gefährlichkeit der Pflanze zu unterstreichen, liest der 33-Jährige eine Passage aus dem Standardwerk „Giftpflanzen/Pflanzengifte“ vor. Darin beschreibt einer der Verfasser, wie ihm beim Umgang mit Eisenhut, der im Mai/Juni blüht, etwas Giftstoff beim Abnehmen einer Schutzmaske auf den Nasenflügel gekommen sei. Sofort habe ein Kribbeln eingesetzt. Nach wenigen Minuten sei der Nasenflügel nahezu gefühllos gewesen. „Ein heftiger Ausbruch von kaltem Schweiß und leichten Herzrhythmusstörungen folgten“, liest Simmel vor.

Nach etwa zwei Stunden seien die Symptome abgeklungen. „Bei der Rekonstruktion stellte sich heraus, dass die Menge, die auf diese Weise durch die Haut aufgenommen werden konnte, mit größter Wahrscheinlichkeit unter einem Milligramm lag“, zitiert der 33-Jährige. Jedoch sollten Waldspaziergänger keine Angst haben, denn der Eisenhut ähnele keiner Wild- oder Salatpflanze, habe keine Beeren und wachse an eher unzugänglicheren Orten wie Waldbrachen.

Eibe

„Ein gutes Beispiel für eine Giftpflanze, die zur Zierde verwendet wird, ist die Eibe. Sie kommt etwa im Karlsruher Schlossgarten oder im Hardtwald vor“, sagt Simmel, dessen Dialekt verrät, dass er erst Anfang des Jahres aus dem bayerischen Regensburg ans Naturkundemuseum gewechselt ist. „Den roten Teil der Beere kann ich essen, der ist sehr süß.

„Ein gutes Beispiel für eine Giftpflanze, die zur Zierde verwendet wird, ist die Eibe. Sie kommt etwa im Karlsruher Schlossgarten oder im Hardtwald vor.“
„Ein gutes Beispiel für eine Giftpflanze, die zur Zierde verwendet wird, ist die Eibe. Sie kommt etwa im Karlsruher Schlossgarten oder im Hardtwald vor.“ | Foto: Warnecke/dpa-tmn

Davon ist dennoch abzuraten, da die Kerne sehr giftig sind – schon drei oder vier können tödlich sein für einen Erwachsenen.“ Von den Nadeln der Eibe (Foto: dpa) reichten zehn bis zwölf Stück. Das Gehölz sei als Zierpflanze sehr beliebt, da es gut unter größeren Bäumen gepflanzt werden könne. Heutzutage gibt es laut Simmel kaum noch einen Wildbestand dieser Art, die im März/April blüht und im Sommer fruchtet. „Die Eibe war bei uns im Mittelalter fast ausgestorben, weil ihr Holz sehr hart und zäh ist. Daher eignet es sich sehr gut für Pfeil und Bogen.“

Knollenblätterpilz

„Das ist der giftigste Pilz in unseren Breitengraden. Ein halber Fruchtkörper reicht aus, um einen Erwachsenen zu töten“, warnt Diplom-Biologe Simmel. Besonders heimtückisch sei der Verlauf der Intoxikation. „Nach ein bis zwei Stunden gibt es eine erste Phase, die einer einfachen Lebensmittelvergiftung oder Magenverstimmung ähnelt. Dann geht es mir aber schnell wieder besser. Nach bis zu einem Tag entfaltet sich die eigentliche Wirkung des Gifts, das die Leberzellen beschädigt. Der Körper vergiftet sich nach und nach selbst.“

„Das ist der giftigste Pilz in unseren Breitengraden. Ein halber Fruchtkörper reicht aus, um einen Erwachsenen zu töten."
„Das ist der giftigste Pilz in unseren Breitengraden. Ein halber Fruchtkörper reicht aus, um einen Erwachsenen zu töten.“ | Foto: Wüstneck/Zentralbild/dpa

Mitunter müsse die Leber entfernt und eine neue transplantiert werden. Noch gefährlicher wird der Knollenblätterpilz der im August/September aufkommt – dadurch, dass sein Gift hitzeresistent ist. Wichtig ist laut Simmel, dass sich Pilzsammler mit ihrem Metier auskennen: „Der Knollenblätterpilz hat im Gegensatz zu den meisten Speisepilzen eine Volva – sprich eine sackartige Hülle – um den Fruchtkörper sowie weiße Lamellen. Zudem riecht er unangenehm – muffig, verfault. Aber der Knollenblätterpilz wird doch immer wieder mit einem Speisepilz verwechselt.“

Herbstzeitlose

Die Herbstzeitlose ähnele dem Krokus, erläutert Simmel. „Sie blüht aber nicht im Sommer, sondern im Herbst – daher der Name.“ Ihr Gift, Colchicin, sei für die Medizin interessant, da es die Zellteilung hemme. „Es gab damit immer wieder Versuche in der Krebsforschung. Jedoch ist es dem Gift egal, ob es sich um eine kranke oder gesunde Zelle handelt“, sagt der 33-jährige Botaniker.

„Es gab damit immer wieder Versuche in der Krebsforschung. Jedoch ist es dem Gift egal, ob es sich um eine kranke oder gesunde Zelle handelt.“
„Es gab damit immer wieder Versuche in der Krebsforschung. Jedoch ist es dem Gift egal, ob es sich um eine kranke oder gesunde Zelle handelt.“ | Foto: Hildenbrand/dpa

„Die Herbstzeitlose steht auch auf Wiesen und kann so ins Heu gelangen. Da das Gift seine Wirkung durch Trockenheit oder Hitze nicht verliert, können etwa Kühe es aufnehmen. Aufgrund der Latenzzeit kann es sein, dass das Colchicin somit in die Milch gelangt, bevor ein Bauer merkt, dass etwas mit seinen Kühen nicht stimmt“, warnt Simmel, „im Extremfall könnte das Gift in der Milchpackung dann zu einer Magenreizung beim Endverbraucher führen.“ Daher seien Bauer angehalten, ihre Felder und Wiesen zu kontrollieren.

Maiglöckchen

„In der Menge, in der man Bärlauch normalerweise sammelt und verzehrt, sind Maiglöckchen für Erwachsene nicht tödlich – für Kinder eventuell schon“, verweist Simmel auf die häufigste Ursache einer Vergiftung durch die Verwechslung von Bärlauch und Maiglöcken, die im April/Mai blühen.

„In der Menge, in der man Bärlauch normalerweise sammelt und verzehrt, sind Maiglöckchen für Erwachsene nicht tödlich – für Kinder eventuell schon."
„In der Menge, in der man Bärlauch normalerweise sammelt und verzehrt, sind Maiglöckchen für Erwachsene nicht tödlich – für Kinder eventuell schon.“ | Foto: Nickig

Außerdem räumt er mit einer Faustregel auf: „Was oft gesagt wird, aber eigentlich a Schmarrn ist: Wenn ich die Blätter reibe und sie nach Bärlauch riechen, ist es Bärlauch. Das stimmt, aber wenn ich einmal Bärlauch angefasst habe, riecht danach alles andere auch nach Bärlauch: Hände, Kleidung – und Maiglöckchen.“ Von Vorteil sei, dass die Beeren, giftigste Teile des Maiglöckchens, erst wachsen würden, wenn die Bärlauchzeit vorbei sei.