Als echte Natur wahrgenommen werden von den Vögeln große Fensterfassaden, in denen sich Bäume oder Grünflächen spiegeln. | Foto: Franz Lechner

Erschreckende Zahlen

Glasscheiben werden Vögeln zum Verhängnis

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Die biologische Vielfalt nimmt ab. Langsam, aber stetig. Landschaftsverbrauch und moderne Agrarwirtschaft sind zwei bekannte Gründe. Bei Vögeln kommt aber noch ein weiterer, bisher wenig untersuchter Grund hinzu, der so genannte Vogelschlag. „Kollisionsschäden durch den Zusammenstoß mit Stromleitungen, mit Rotorblättern von Windkraftanlagen, an den verglasten Fassaden moderner Bürohäuser und durch den Verkehr sorgen allein in der Region mit Sicherheit für mehrere zehntausend tote Vögel im Jahr“, sagt der Geschäftsführer der BUND-Gruppe Mittlerer Oberrhein, Hartmut Weinrebe, und fügt hinzu: „Das ist sehr vorsichtig geschätzt.“

Windkraftanlagen sind ein kleineres Problem

Tatsächlich gibt es erschreckende Zahlen zum Thema Vogelschlag. 18 Millionen Vögel im Jahr sollen laut dem Bundesamt für Naturschutz bundesweit allein durch den Vogelschlag an Glasflächen sterben, und immerhin 1,5 Millionen im Jahr sterben laut einer vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) bezahlten Studie an Hochspannungsleitungen. Noch höher dürfte die Zahl der Tiere sein, die jährlich durch Autos, Flugzeuge und Züge verunglücken. Da scheinen die 100 000 bis 200 000 Vögel, die jährlich – nach Schätzungen von Naturschützern – mit den Rotoren der Windkraftanlagen kollidieren, fast schon ein geringes Problem.
„Zumindest ist es erstaunlich, dass dieses Thema oft sehr viel Aufmerksamkeit erregt, während sich kaum ein Mensch für die Millionen Vögel zu interessieren scheint, die an Glasscheiben und im Verkehr sterben“, meint der Artenschutzbeauftragte der Karlsruher Nabu-Gruppe, Klaus Lechner. Allerdings gehört mit dem Roten Milan ausgerechnet eine Vogelart zu den besonders häufigen Opfern an Windmühlen, für die Deutschland eine besondere Verantwortung hat.
„Über die Hälfte des weltweiten Rotmilan-Bestands brütet bei uns“, erklärt Lechner. Und gerade im Landkreis Karlsruhe findet man einige Brutpaare dieses schönen Greifvogels.

Der Rote Milan wird immer wieder als Argument gegen den Bau von Windkraftanlagen eingesetzt. | Foto: Franz Lechner

Roter Milan dient als Argument

„Leider wird gerade diese Art oft von Menschen als Argument gegen den Bau von Windmühlen missbraucht, denen es mehr um die schöne Aussicht vor ihrem Haus als um den Artenschutz geht“, beklagt Weinrebe. Da in 1 000 Metern Entfernung vom Horst eines Milans keine Windkraftanlage gebaut werden darf, entdecken Bürgerinitiativen gegen den Bau von Windkraftanlagen tatsächlich immer mal wieder Milane, wo keine sind. Allerdings geschieht es auch immer wieder, dass Bäume, auf denen seit Jahren Milane brüten, über Nacht „umstürzen“
Da im Landkreis Karlsruhe bisher aber wenig Windkraftanlagen stehen, ist der Vogelschlag an den Rotorblättern in der Region eher ein kleines Problem. „Weit größer ist auch im Landkreis die Kollisionsgefahr an den Stromleitungen“, betont Weinrebe und ergänzt, dass die EnBW zwar bereits einiges getan habe, um das Unfallrisiko für Zugvögel zu verringern, „aber es gibt noch viele notwendige Maßnahmen, die so schnell wie möglich und nicht erst in ein paar Jahren ausgeführt werden müssen“

Vögel sehen „echte Natur“

Noch wichtiger sei es, dass beim Bau von modernen Gebäuden mit schicken Glasfassaden künftig mehr auf den Vogelschutz geachtet wird. Besonders gefährlich sind Fensterfassaden, in denen sich Bäume oder Grünflächen spiegeln. „Für Vögel sind das keine Spiegelungen, sondern echte Natur“, erklärt Weinrebe, warum gerade an solchen Flächen viele Vögel sterben.

Franz Lechner