85 Jahre alt ist der Karlsruher Künstler Tutilo Karcher, hier in seiner Küche. Er sitzt fast täglich noch an der Kupferplatte oder malt an großformatigen religiösen Bildern. In der Ausstellung "Blickkontakt!?" der Städtischen Galerie Karlsruhe ist er mit einem früheren "Halbakt" vertreten. | Foto: Carter

Der Maler Tutilo Karcher

Glauben und jonglieren

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„Ein religiöses Bild zu malen, das ist so schwierig, wie mit sechs oder sieben Bällen zu jonglieren“, meint Tutilo Karcher. Aber während der Jongleur nur wenig Zeit hat für seine Höchstschwierigkeit, kann sich der Künstler Zeit lassen. Und Karcher arbeitet gern langsam. Jedoch nicht, weil er 85 Jahre alt ist, er macht das zeitlebens. Im überfüllten Atelierzimmer in der Karlsruher Moltkestraße, zwischen Tischen voller Farben, Pigmenten, Erinnerungsstücken und Zeitungen, sitzt er derzeit an einem Pfingstbild und an einer Kreuzigung. Einst gestaltete er einen Kreuzweg für die Kirche in Gausbach und malte St. Antonius in Ebersteinburg aus – zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Candace Carter, mit der er seit 34 Jahren verheiratet ist. „Und jeden Tag einer Ehe muss man wieder zusammen neu beginnen“, sagt Karcher.

Künstlerehe mit Candace Carter

In ihrer Wohnung gibt es noch eine Werkstatt, genau mittig geteilt. Ebenso wie die Wände im Flur aufgeteilt sind nach seinen und ihren Bildern. Gerade haben die beiden dazu eine Dependance in Sulzfeld für die Ausstellung der jeweiligen großen modernen religiösen Werke eröffnet.
„Das ist nur mein Hobby“, sagt Karcher mit typisch verschmitztem Blick, um die Reaktion der Zuhörer zu testen und zeigt auf seine Zeichnungen und Radierungen mit Karlsruher Motiven. Anspruchsvolle, exakte und etwas melancholische Wiedergaben von Gebäuden jener Stadt, die ihm zur Heimat wurde – „seit ich 1955 begann hier zu studieren, erst Architektur, dann an der Kunstakademie bei Emil Wachter.

Künstlerleben seit 60 Jahren

„Fast genauso wichtig wie das Studieren war uns damals das Fußballspielen auf dem Engländerplatz.“ Dank diverser Hilfsarbeiten und später einem langjährigen Bürojob im G. Braun Verlag konnte er sein lang eremitenhaftes, aber zielstrebig-stabiles Künstlerleben aufbauen. Er gehörte in den 1970er Jahren zur Gruppe „Karlsruher Realisten“ und gestaltete Menschen in Einsamkeit, Leiden und Protest. Denn eine unverkrampfte kluge Christlichkeit hinderte ihn nicht, frei zu sein für alle Motive.

Bei „Blickkontakt!?“ in der Städtischen Galerie vertreten

In der aktuellen Schau der Städtischen Galerie „Blickkontakt!?“ ist er als einer der ältesten Künstler mit einem „Halbakt vertreten. Wer nach einem mittelalterlichen Maler-Mönch den Vornamen Tutilo erhält sowie die Beinamen Maria Josef, bei dem scheinen Kunst und Religiosität vorgegeben. Zumal ihn der Vater, ein Volksschullehrer, früh das Zeichnen lehrte. Karcher ist der Älteste von fünf Kindern, deren Mutter früh starb. Er hat bei vielen Wohnortwechseln des Vaters Selbstbewusstsein und Eigensinn entwickelt, blieb Flaneur in seiner Stadt und im Denken – sowie aufmerksamer Fußballfan. „Im Endspurt des Lebens“ sieht sich der Katholik – ohne deshalb in den künstlerischen Ruhestand zu gehen.

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Tutilo Karcher wurde im Dezember 1932 in Mannheim geboren. Sein Vater war Volksschullehrer und die Familie wechselte mit ihm häufig den Wohnort. Karcher wuchs unter anderem in Weinheim, Neudorf, Bretten, Mingolsheim und Reichenbach auf. Das Abitur machte er 1954 in Ettlingen. Er studierte erst Architektur, dann Kunst in Karlsruhe, wo er immer als Grafiker und Maler lebte. Mit seiner Frau Candace Carter hat er zwei Kinder.