Als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe will Verena Meister einen konzeptionellen Ansatz zur Verbesserung der verschiedenen Angebote verfolgen.
Als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe will Verena Meister einen konzeptionellen Ansatz zur Verbesserung der verschiedenen Angebote verfolgen. | Foto: Peter Sandbiller

Verena Meister im Interview

„Gleichstellung bedeutet gleiche Chancen im Leben“

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Verena Meister ist seit dem 1. Oktober 2018 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe. Die gebürtige Hamburgerin hat ursprünglich Geografie studiert, das Thema Gleichstellung habe sie aber immer schon bewegt, erklärt sie beim Interview-Termin mit BNN-Redakteurin Karin Stenftenagel. In Karlsruhe will sie an Konzepten arbeiten, um die unterschiedlichen Angebote besser zu koordinieren.

Im Grundgesetz heißt es: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Was bedeutet Gleichstellung für Sie?

Meister: Gleichstellung bedeutet, dass Frauen und Männer gleiche Chancen im Leben haben. Und zwar gleiche Chancen, Berufe zu wählen, Geld zu verdienen. Das gleiche Recht auf ein Leben ohne Gewalt, die gleiche Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu haben. Mir war es immer wichtig, mich selbst finanzieren und unabhängig leben zu können. Ich wünsche mir, dass das für die ganze Gesellschaft möglich ist.

Wie setzen Sie Ihren Gleichstellungsauftrag in Karlsruhe um?

Meister: In meiner Funktion als Gleichstellungsbeauftragte wirke ich zum einen innerhalb der Stadtverwaltung, arbeite zum Beispiel daran, Unterrepräsentanzen abzubauen, etwa bei Führungspositionen. Mein kleines Team und ich sind Ansprechpartnerinnen, unter anderem für Menschen, die sich aufgrund des Geschlechts diskriminiert fühlen. Darüber hinaus ist es meine Aufgabe, auch außerhalb der Verwaltung, die Position der Frau in der Gesellschaft zu stärken. Ein ganz wichtiges Thema ist dabei Gewalt gegen Frauen – auch noch im 21. Jahrhundert.

Was ist beim Thema Gewalt gegen Frauen in Karlsruhe noch zu tun?

Meister: In der Vergangenheit wurde schon sehr viel aufgebaut, indem alle Einrichtungen und Organisationen im Koordinationskreis „Häusliche Gewalt überwinden“ an einen Tisch gebracht wurden. Dadurch konnte die Intervention in Fällen häuslicher Gewalt verbessert werden. Diesen Arbeitskreis führe ich jetzt fort. Im vergangenem Jahr ist in Deutschland außerdem die so genannte Istanbul-Konvention in Kraft getreten. Dieses europäische Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt muss nun auch umgesetzt werden. Bisher werden in diesem Bereich nur einzelne Hilfsangebote gefördert, wie Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen. Es fehlt aber ein konzeptioneller Ansatz. Außerdem finden bestimmte Zielgruppen wie Frauen mit Behinderung oder Migrantinnen keine angemessene Infrastruktur, weil beispielsweise die Gebäude nicht barrierefrei gebaut oder Dolmetscherinnen nicht da sind. Eigentlich sind erst einmal Bund und Land in der Pflicht, ein Konzept zu entwickeln und die Finanzierung sicherzustellen. Nach einem Jahr ist erst wenig passiert, es geht sehr langsam voran. Ich begrüße es sehr, dass der Sozialausschuss der Stadt Karlsruhe im Juli 2018 die Entscheidung getroffen hat, auf der kommunalen Ebene voranzugehen.

Welche anderen Themen sind in Karlsruhe wichtig?

Meister: Es wurden bereits viele gute Gleichstellungsmaßnahmen entwickelt, zum Beispiel bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder bei Aufstiegschancen von Frauen. Es bräuchte nun eine Bestandsanalyse und neue Zielsetzungen im Rahmen eines größeren Konzepts, um dem Thema innerhalb der Stadtverwaltung neue Impulse zu geben. Weitere Themen, die mir wichtig sind, sind die Unterstützung von Alleinerziehenden, die Verknüpfung von Gleichstellung mit anti-rassistischer Arbeit und die Entwicklung von lokalen Strategien gegen antifeministische Angriffe auf Gleichstellungsarbeit.

Zuletzt waren Sie Frauenbeauftragte an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), die 2017 durch den Beschluss ein als sexistisch empfundenes Gedicht von einer Hausfassade zu entfernen durch die Medien ging. Wie wichtig ist Sprache?

Die Alice Salomon Hochschule war immer schon sehr progressiv bei der Umsetzung einer geschlechtergerechten Sprache. Das ist ein anderes Umfeld als eine Stadtverwaltung. An der ASH wurde in den 90er Jahren beschlossen, das generische Femininum zu verwenden. Das bedeutet: alles in der weiblichen Form zu schreiben, und die Männer sind mitgemeint. Diese einfache Umkehrung scheint immer noch eine große Provokation zu sein. Ich höre oft von Männern: „Ja, aber dann tauche ich da ja gar nicht mehr auf“. Genau das ist der Punkt. Sprache prägt unsere Sicht der Welt. Inzwischen wird an der ASH der Gender Gap, also der Unterstrich, beziehungsweise das Gendersternchen benutzt. Diese Schreibweise macht deutlich: Es gibt Männer, Frauen und noch mehr Geschlechter. In der Stadtverwaltung Karlsruhe werden seit einigen Jahren konsequent Frauen und Männer benannt, also die Frau in der Sprache sichtbar gemacht. Aufgrund der Veränderung des Personenstandsrechts wurde das nun geändert und wir sind wieder beim generischen Maskulinum gelandet, mit dem Zusatz „(m/w/d)“ für „männlich/weiblich/divers“. Das ist aber diskriminierend, weil jetzt wieder die Frauen nicht sichtbar sind. Wenn zum Beispiel ein „Abteilungsleiter (m/w/d)“ gesucht wird, lese ich erst mal „Abteilungsleiter“ und schon das prägt das Bild. Aus meiner gleichstellungspolitischen Sicht ist eine andere Lösung erforderlich.

Wie gehen Sie mit dem Widerspruch zwischen gesetzlichem Gleichstellungsauftrag und dem Gebot der parteipolitischen Neutralität um?

Das Neutralitätsgebot des Staates und seiner Organe ist richtig, nicht nur jetzt vor der Kommunalwahl. Aber es ist schon eine eigentümliche Situation, denn meine Arbeit ist es, die Gleichstellung voranzubringen. Dieses Grundrecht umzusetzen ist mein Auftrag! Und gleichzeitig werden die Maßnahmen, die ich dazu durchführe auf parteipolitischer Ebene verhandelt, könnten also als parteilich ausgelegt werden. Ich wäge im Einzelfall ab, auch jetzt im Vorwahlkampf.

In Berlin ist der Internationale Frauentag ein gesetzlicher Feiertag, Kitas sind seit diesem Jahr kostenlos. Was ist noch anders als in Karlsruhe?

Zum Beispiel das Chancengleichheitsgesetz von Baden-Württemberg. Es gibt mir hier nicht die gleichen Rechte, wie ich sie bisher in Berlin hatte, insbesondere bei der Weisungsfreiheit. Innerhalb der Stadtverwaltung bin ich weisungsfrei und erfahre viel Unterstützung für meine Arbeit. Nach außen bin ich allerdings nicht weisungsfrei. Das Amt der Gleichstellungsbeauftragten wird durch das Landesgesetz meiner Meinung nach geschwächt. In Berlin wie in Karlsruhe gibt es Probleme mit zu wenig Kitaplätzen. Meiner Meinung nach sind Kitas Bildungseinrichtungen. Und es darf für die Eltern und vor allem die Frauen nicht vom Portemonnaie abhängen, ob ich mir leisten kann oder nicht, wieder arbeiten zu gehen. Was ich aber positiv erlebe in der Stadtverwaltung und im Gemeinderat ist ein parteiübergreifender Wille, Kitaplätze auszubauen. Für die Person, die keinen Kitaplatz findet, ist das aber nur ein geringer Trost. Ich würde mir wünschen, dass sich auch Betriebe in Karlsruhe da mehr engagieren, beispielsweise der Einzelhandel, und vor allem in den Randzeiten frühmorgens oder spät am Abend Betreuungsangebote anbieten oder unterstützen. In Karlsruhe gibt es außerdem viele aktive Frauenverbände. Obwohl ich noch nicht lange da bin, bin ich mit vielen schon eng vernetzt und freue mich über viele Kooperationsmöglichkeiten. Denn gerade wenn es darum geht, für die Gleichstellung in die Gesellschaft hinein zu wirken, sind diese Verbände unentbehrlich und sehr bedeutsam.

Welchen Sinn haben Feiertage wie der Internationale Frauentag oder der Aktionstag Equal Pay Day?

Feiertage werden gefeiert, um Ereignisse von hohem gesellschaftlichem Wert zu begehen. Dass es jetzt in Berlin der Internationale Frauentag geworden ist, bedeutet, dass die Gleichstellung von Mann und Frau auf einen sehr hohen gesellschaftlichen Rang gehoben worden ist. Den hatte Gleichstellung als Grundrecht auch schon vorher. Aber gerade jetzt, zum 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts, sehen wir, wie viele Defizite es noch gibt. Da kann so ein Feiertag neue Impulse setzen. Auch Aktionstage wie den Equal Pay Day finde ich ganz wichtig, weil an diesen Tagen ein Thema öffentliche Aufmerksamkeit erhält und auf die politische und gesellschaftliche Agenda gesetzt wird. Gerade das Einkommen ist ein zentraler Moment, wo Männer und Frauen sehr ungleich sind in Deutschland.