Annette Niesyto
Plakativ und gern mit System geht Annette Niesyto Aufgaben an – jetzt geht die frühere Karlsruher Frauenbeauftragte und zuletzt Gleichstellungsbeauftragte nach fast 30 Jahren Amtszeit in den Ruhestand. | Foto: jodo

Streiterin für Frauen

Gleichstellungsbeauftragte Annette Niesyto geht

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Drei Oberbürgermeister. Fast drei Jahrzehnte Frauen- und Gleichstellungspolitik. Eine Vorreiterinnenrolle, ein Seiltanz zwischen Drama und Dauerlauf. Annette Niesyto hat ganz unterschiedliche Erfahrungen gespeichert.

Vorreiterin für die Rechte von Frauen

1990, im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, trat sie ihr Amt an. Sie war dann ein Vierteljahrhundert lang Frauenbeauftragte im Karlsruher Rathaus. 2011 wurde sie zur Gleichstellungsbeauftragten mit zusätzlichen Aufgaben. Die zweitägige Bundeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten in der Messe Karlsruhe am 17. und 18. September 2018 war glanzvoller Schlusspunkt ihres Berufslebens, das jetzt mit dem Ruhestand endet.

Gleiche Chancen sind das Ziel

Gleiche Chancen für Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, Mütter und Väter: Vor Ort zu beobachten, wie Gesetze den Alltag der Menschen beeinflussen, findet Niesyto „richtig toll“. Ihr Team sitzt im Trakt des Zentralen Juristischen Dienstes. Personalentwicklung im eigenen Haus – zum Beispiel Teilzeit-Tandems in Führungspositionen – ist wichtig auf Niesytos Agenda. Ebenso Tipps für junge Karlsruher Eltern, die sich fragen, wie sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. Stadtplanung, die Sicherheitsrisiken und Barrieren mindert, hat die Gleichstellungsbeauftragte vor dem U-Strab-Bau intensiv beschäftigt. Gewalt in Familien zu bremsen, gemeinsam mit Polizei und Justiz, war parallel eine dauernde Hauptaufgabe.

Familie und Beruf

Mütter, die berufstätig sind – da rastete 1990 in vielen Köpfen eine Denkbarriere ein. Das ruft die 1953 in Freiburg geborene Streiterin für Geschlechtergerechtigkeit in Erinnerung. Die Kernthemen ihrer Anfangszeit wirken vertraut: Es fehlt an Wohnungen und Kinderbetreuungsplätzen. Damals kommen viele Aussiedler. Und es zieht Einwohner der neuen Bundesländer in den Westen, auch in die Fächerstadt.

Erste Hilfe für Frauen …

Niesyto profitiert von sozialer Brennpunkt-Arbeit, die sie in Berlin und Hessen absolviert, wo in einer Trabantenstadt auch mal Molotowcocktails fliegen. Das hilft der Soziologin, die zudem Verwaltungswissenschaften studiert und in der Erwachsenenbildung gearbeitet hat, in Karlsruhe auch bei brenzligen Fällen Ruhe zu bewahren. Mehr als eine dramatische Familienkrise, in der massive Gewalt droht, kann sie zusammen mit weiteren Fachleuten entschärfen. Als erste Kontaktperson leistet sie bei Bedarf „Erste Hilfe“, stellt auch mit unkonventionellen Mitteln Weichen, um die Wogen möglichst zu glätten.

…. und ein langer Atem

Meist allerdings geht es nicht darum, rasch zuzupacken, sondern um extrem langen Atem. Als Beauftragte für Gleichstellung der Geschlechter diskutiert Niesyto mit Richtern im Bundesverfassungsgericht ebenso, wie sie mit einer verwirrten Frau spricht, die mit einer Plastiktüte in der Kaiserstraße steht. Es liege ihr, auf immer neue Ziele hinzuarbeiten, erzählt die ehemalige Pfadfinderin. Aus dem Engagement in Jugendjahren hat sich die wortgewandte Frau nicht nur ein Faible für frische Luft bewahrt. Sie hat seither auch eine entschiedene Vorliebe für gleichberechtigte Begegnungen auf Augenhöhe.

Pfadsuche im Stadtgeflecht

Jahrzehnte bewegte sich Niesyto im komplexen Geflecht von Kommunalpolitik und Stadtgesellschaft. Sie folgte verschlungenen Pfaden im Dschungel der Paragrafen. Behauptete sich in der verzwickten Welt der Verwaltung, fand Rückenwind in hilfreichen Netzwerken und engagierte sich auf Landes- und Bundesebene. Was ist entstanden, was gelungen, was gescheitert? Niesyto mustert die Ernte und freut sich besonders an dem, was – auf eigene Füße gestellt – in Zukunft fortwirkt.

Die Früchte

Die Kontaktstelle Frau und Beruf wertet Annette Niesyto als wichtigste Errungenschaft ihrer Amtszeit. „Es dauerte ewig, bis wir sie in Karlsruhe hatten, und jetzt gibt es schon wieder einen Kampf um den Erhalt“, seufzt sie. Über sich hinausgewachsen und im Bestehen gesichert ist dagegen das einstige „Aktionsbündnis Frauen mit und ohne Handicap“, das im Beirat von Menschen mit Behinderung aufgegangen ist. Im bald 20. Jahr existiert auch das Sonntagscafé im Internationalen Begegnungszentrum (ibz). Es hat sich bei Frauen und Männern etabliert und ist inzwischen in Eigenregie erfolgreich.

Nicht zuletzt ist Niesyto stolz auf das Patinnenprojekt, das zugewanderten Frauen die Integration erleichtert und einem Parallelangebot für Männer Modell stehen soll.

Die Niederlagen

Plakate, die in Niesytos Büro entstanden, zeigen in Karlsruhes Polizeidienststellen, was bei Gewalt in Familien und unter Partnern zu tun ist. Aber: „Vorbeugung und Hochrisikomanagement sind bisher auf der Strecke geblieben“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. „Es gibt noch viele Möglichkeiten, häusliche Gewalt früh zu erkennen.“

Es fehlen strikt vereinbarte Ketten

In Karlsruhe funktioniere viel im gemeinsamen Vorgehen von Polizei und Sozialbehörden, sagt Niesyto, aber es fehlten „strikt vereinbarte Ketten“. Das gehe nur mit der Landespolizei. So ist die Streiterin für Belange von Frauen nicht zufrieden: „Man kann mehr verhindern.“ Auch bei der U-Strab sieht sie eine Niederlage. Ginge es nach ihr, führen die Bahnen nach Ladenschluss über Nacht bis zum Berufsverkehr in der City oberirdisch.

Die Zukunft

Verena Meister, 41-jährige Geografin, tritt am 1. Oktober Niesytos Nachfolge an. Den Ruhestand nach sieben Jahren „hartem Endspurt“ will die scheidende Amtsinhaberin erst wieder lernen, auch zu kurz gekommene Kontakte pflegen, bevor sie sich wohl beim ibz wieder engagiert. Vorrang haben ab jetzt die Familie, unter anderem drei Enkelkinder, und das Musikquartett „Four for fun“, in dem Niesyto Saxofon spielt.