Die Jugendlichen notieren Daten zu den Glocken, etwa Gussjahr, Material und Gießer. Die Daten können in einer Online-Karte abgerufen werden. Bislang sind 1700 Glocken erfasst | Foto: pr

Badisches Projekt

„Glocken-Freaks“ sammeln Glockentöne für eine europäische Datenbank

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Jugendliche aus Baden nehmen Töne in Kirchtürmen auf. Bald sollen Glocken-Geläute aus ganz Europa in einer Online-Datenbank landen. Von den „Glocken-Freaks“ profitieren selbst Auswanderer oder Menschen am Sterbebett.

Die Schwörglocke im Ulmer Münster erklingt nur einmal pro Jahr. Es ist eine eiserne Regel, so fest gegossen wie die Glocke selbst. Zuletzt aber hörten die Ulmer die 3,5-Tonnen-Glocke ein zweites Mal. Auch in einigen Dörfern des Südwestens wundern sich Menschen über Glockentöne außerhalb der Reihe. „Glocken-Nerds“ sind unterwegs – Jugendliche, die Töne und Fotos in Kirchtürmen aufnehmen.

Anderen war das Projekt zu albern

Sie arbeiten an einem badischen Projekt, das bald ganz Europa erreichen soll. „Wir wollen den Heimatglocken-Klang in die Welt stellen“, sagt Martin Kares von der badischen Landeskirche. Er leitet das Projekt mit Johannes Wittekind vom Erzbistum Freiburg. Beide gehören zu den 80 bundesweiten Glockensachverständigen.

Bei einer Tagung war ihre Idee, Glockentöne für eine Datenbank zu sammeln, für manche Kollegen zu abenteuerlich, für andere zu spaßig. Also sollten sich die beiden Männern aus dem Badischen um eine bundesweite und dann europaweite Datenbank kümmern. Und weil „Glockenlandkarte“ nicht modern genug klingt, fiel ihnen auf der Heimfahrt von Berlin „createsoundscape“ ein, natürlich mit einem Hashtag vor dem Wort.

Täglich landen bei den Verantwortlichen Jonas Kastel (v.l.), Martin Kares und Johannes Wittekind bis zu 30 neue Daten. | Foto: Raviol

Glockenbegeisterte aus Österreich und Lettland haben sich schon gemeldet, doch erst einmal soll sich die bundesweite Karte füllen. Glockentöne, Baujahr, Material, Gießer – zehn bis 30 Datensätze landen täglich bei Jonas Kastel. Der 20-Jährige arbeitet in der Redaktion des Projekts mit und hat selbst schon Töne online gestellt.

Was ihn an historischen Glocken fasziniert? „Jeder hört sie im eigenen Ort unbewusst. Aber im Kirchturm waren die wenigsten“, sagt er. „Dann kann man mal sehen, wo die Töne herkommen und wie groß die Glocke ist.“

So klingt die Glocke der Karlsruher Pfarrkirche St. Stephan:

„Glocken-Nerds“ oder „Glocken-Freaks“

1700 Glocken im Südwesten sind bereits erfasst, Tendenz steigend. Bis zu einem Monat müssen sich die Glockenjäger gedulden, bis sie ihr Exemplar online über die Datenbank zu hören bekommen.
„Glocken-Nerds“, „Glocken-Freaks“ – es gibt mehrere Bezeichnungen. Klar ist aber: Das Projekt bringt Menschen zusammen, die bislang nur für sich und ihre eigene Sammlung in Kirchtürme gestiegen sind. Aus einem einsamen Hobby soll eine europäische Datenbank werden.

Künftig sollen sich auch Schüler, Pfadfinder oder Sportvereine und Glocken aller Art aufnehmen, ob in Kirchen oder Rathäusern.

Auch den Durchmesser der Glocken erfassen die Jugendlichen, hier in der Kirche St. Aegidius in Seckenheim. | Foto: pr

Nach dem ersten halben Jahr sind 1700 Glocken-Geläute zusammengekommen. Von der Datenbank können sogar Kulturwissenschaftler profitieren, betonen die Verantwortlichen. Auch Wikipedia habe schon angefragt. Emotional wird es für Auswanderer oder Menschen am Sterbebett, die die heimischen Klänge hören können. Die Glocken können einzeln oder in Kombinationen abgespielt werden, passend zum Advent oder auch Ostern.

Die alten und von Hand betätigten Glocken sind für die „Glocken-Nerds“ besonders interessant. Davon sind am Bodensee noch weitaus mehr zu finden als in Karlsruhe. Der Großteil wurde bei den Luftangriffen der Alliierten zerstört. „Die restlichen 20 Prozent müssen wir schützen“, sagt Wittekind. „Dieses Kulturgut ist so fragil.“ Wenn Experten den Klang einer Glocke von vor zehn Jahren und heute vergleichen können, lassen sich Schäden rechtzeitig erkennen. „Auf unserem Kontinent ist das eine einmalige Sache“, sagt Wittekind.

„Wir müssen auf Sicherheit achten“

Das Projekt wird vom Bund mit 160 000 Euro gefördert, ebenso viel kommt von verschiedenen Stellen noch hinzu. Mit dem didaktischen Material kann auch im Schulunterricht – Religion, Physik, Geschichte, Sport – gearbeitet werden. Die Webseite zeigt auch, wie mit einfachen Mitteln professionell Glocken-Daten gesammelt werden können.

Wittekind betont aber: „Wir müssen auf die Sicherheit achten. Es kann nicht jeder machen, was er will.“ Wer in den Kirchturm möchte, muss das mit dem Kirchendiener vor Ort absprechen. Wer Glück hat, bekommt die Glocke dann außerhalb der Reihe zu hören.