Gorki
Probenarbeit auf den Balkonen des Bundesverfassungsgerichts: Regisseurin Marta Gornicka und das Gorki Theater präsentieren dort an diesem Samstag zweimal bei freiem Eintritt das Stück „Grundgesetz“. | Foto: jodo

Karlsruhe feiert Grundgesetz

Gorki macht Verfassungsgericht zur Schauspielbühne

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Es sind die Grundwerte der Gesellschaft, die am Bundesverfassungsgericht zu hören sind. Nicht im Verhandlungssaal. Auf den beiden Balkonen des Sitzungsgebäudes stehen 50 Menschen, die Artikel der Verfassung skandieren. Passanten bleiben stehen, fotografieren und filmen.

Sie dokumentieren am Freitag die Proben für ein einzigartiges Projekt: Das Maxim Gorki Theater aus Berlin präsentiert an diesem Samstag anlässlich des Verfassungsfestes bei freiem Eintritt gleich zweimal das Stück „Grundgesetz – Ein chorischer Stresstest“. Erstmals wird so das Verfassungsorgan zur Schauspielbühne.

Gorki Theater zeigte Stück am Brandenburger Tor

„Wir sind das Volk“, rufen die Schauspieler vom Balkon. „Wir sind mehr“, antwortet eine Gruppe. Eine andere erklärt: „Wir sind das deutsche Volk.“

Regisseurin Marta Gornicka geht es um die Fragen: Wer ist das Volk? Wer ist das Subjekt der deutschen Verfassung? In wessen Namen spricht sie?

Grundgesetz im Stresstest

Zu seinem 70. Geburtstag unterzieht sie das Grundgesetz einem Stresstest – der am Tag der Deutschen Einheit 2018 Premiere hatte. Am Brandenburger Tor präsentierte das Gorki erstmals die Produktion.
Dass es nun eine Neuauflage in Karlsruhe gibt, nennt Jens Hillje, Ko-Intendant am Gorki, einen Glücksfall.

Ihn begeistert die Architektur des Baus. Und auch, dass seine Schauspieler auf den Balkonen die Bevölkerung repräsentieren, um die es bei den Verhandlungen im Saal dahinter geht.

Extra aus Berlin angereist

46 Darsteller sind aus Berlin angereist. Einige sind Profis auf der Bühne, andere Laien. Es spielen Männer, Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderung, mit Fluchterfahrung, mit Migrationserfahrung.

Zudem sind vier Mitglieder des Volkstheaters des Badischen Staatstheaters dabei, dessen Chefdramaturg Jan Linders die Kontakte herstellte und so das Gastspiel ermöglichte – mit finanzieller Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung.

Verfassungsrichterin beriet Regisseurin

Linders überzeugte mit seinem Team auch Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle, die Balkone zu öffnen, auf denen Voßkuhle selbst noch nie gestanden hatte. Verfassungsrichterin Susanne Baer hatte schon vor der Premiere in Berlin Marta Gornicka bei der Entwicklung des 45-minütigen Stücks unterstützt.

An dessen Ende steht die „Patriotic Disco“: Schauspieler und Zuschauer tanzen miteinander. So weit ist es am Freitagnachmittag noch nicht. Da wird noch an der Choreografie gefeilt. In Berlin spielte „Grundgesetz“ auf einer Bühne, nicht auf Balkonen. Mitarbeiter des Gerichts eilen an den Proben vorbei. Mancher bleibt stehen. Staunt.

Fast bewegend

„Es ist so ein schönes Zeichen der Unterstützung der Kunstfreiheit durch das Gericht – das auch mit seiner Rechtsprechung so viel tut für die Kunstfreiheit“, sagt der Künstlerische Produktionsleiter, Bernardo Sousa De Macedo, der vor seiner Zeit am Staatstheater in Portugal Jurist war. „Das ist fast bewegend hier.“

Auch Jan Linders und Jens Hillje strahlen. „Ich kannte das Gebäude bisher nur aus dem Fernsehen“, sagt Hillje. Linders ergänzt: „Bis 1944 stand an diesem Ort das Theater.“ 75 Jahre ist das also her. Das von Paul Baumgarten entworfene Gerichtsgebäude wiederum wird 50 – was nun zusammen mit dem 70. des Grundgesetzes gefeiert werden kann.

Service

Das Stück „Grundgesetz – ein chorischer Stresstest“ ist an diesem Samstag um 11 und 13 Uhr zu erleben. Für die Produktion des Gorki benötigen Besucher keine Eintrittskarten.