Mit „Grauen Bussen“ wurden Patienten aus den Heil- und Pflegeanstalten abgeholt und nach Grafeneck „verlegt“. Diese Szene wurde heimlich in der Diakonie Stetten fotografiert. | Foto: Dokumentationszentrum Gedenkstätte Grafeneck

Ausstellung in Karlsruhe

Grafeneck 1940: Krankenmord in Südwestdeutschland

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Es geschah in Grafeneck: Mehr als 10.500  Frauen, Männer und Kinder wurden an dem idyllisch anmutenden Ort auf der Schwäbischen Alb vergast. In Karlsruhe zeigt das Generallandesarchiv jetzt eine kleine, aber eindringliche Ausstellung über den Krankenmord im Nationalsozialismus. Denn Schloss Grafeneck in Württemberg ist auch ein Ort badischer Geschichte. Unter den Opfern waren rund 4.500 Patienten aus badischen Heil- und Pflegeanstalten.

Als „Ballastexistenz“ abgestempelt

Theodor K. muss Angst gehabt haben. Schreckliche Angst. Der 36-Jährige gehörte zu den Leuten, die man als „Ballastexistenzen“ bezeichnete. Oder als „Defektmenschen“. Oder als „Fremdkörper“. Auf Propaganda-Plakaten rechneten die Nationalsozialisten vor, dass ein „Erbkranker“ die Volksgemeinschaft bis zum Erreichen des 60. Lebensjahres durchschnittlich 50 000 Reichsmark koste.

Propaganda-Plakat des Reichsnährstandes. | Foto: Dokumentationszentrum Gedenkstätte Grafeneck

Mit der Diagnose „Schizophrenie“ war Theodor K. so ein Kostenfaktor. Am 25. November 1940 wurde der Patient mit dem schmalen Gesicht und den dunklen Augen in die Landes-Pflegeanstalt nach Grafeneck verlegt. Es war der Tag seines Todes.

Blick in die Ausstellung: Theodor K. wurde am 25. November 1940 in Grafeneck ermordet. | Foto: abw

 

„Lungentuberkulose, Blutsturz“ stand auf der Sterbeurkunde. Seine Habseligkeiten schickte man an seine Eltern. Sie fanden in dem Nachlass einen Keks, in den Theodor die Worte „Alle Mörder“ geritzt hatte.

Grafeneck – ein abgelegener Ort

Grafeneck 1940. Eigentlich ein idyllisches Plätzchen. Ein ehemaliges Jagdschloss auf der Schwäbischen Alb unweit von Tübingen. Der Ort ist abgelegen. Aber doch nicht so abgelegen, dass die Leute in der Umgebung sich nicht wundern würden über den unangenehmen Geruch, der seit einiger Zeit über dem Anwesen liegt. Und über die grauen Busse, die kranke Menschen aus ganz Südwestdeutschland nach Grafeneck bringen. Darunter sind Patienten aus Wiesloch, Rastatt, der Illenau, der Hub bei Ottersweier und anderen badischen Heil- und Pflegeanstalten.

Für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt

1939 ist Schloss Grafeneck, das bis dahin die Samariterstiftung Stuttgart als Heim für „verkrüppelte“ Männer nutzte, für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt worden. 1940 geht dort die reichsweit erste Mordanstalt zur industriellen Tötung psychisch kranker Menschen in Betrieb. Ein Bretterzaun verbirgt das Vergasungsgebäude, das Krematorium und die Bettenbaracke. Die tödlichen Folgen der nationalsozialistischen Euthanasie-Politik sind nicht für neugierige Augen bestimmt.

„Experimentierfeld“ Grafeneck

Innerhalb eines Jahren werden in Grafeneck mehr als 10.500 Männer, Frauen und Kinder umgebracht. Menschen, die wie Theodor K. als „Ballastexistenzen“ abgestempelt sind. Dann gilt die Aktion in Südwestdeutschland als abgeschlossen. Doch Grafeneck war nur ein Experimentierfeld. Das Personal zieht weiter. Und es mordet weiter. Im hessischen Hadamar, wo weitere 500 Patienten aus Baden und Württemberg den „Gnadentod“ erleiden. Und in den Vernichtungslagern im Osten, wo das millionenfache Töten perfektioniert wird.

Eine Wanderausstellung über die Krankenmorde

Grafeneck 1940. So heißt eine kleine, aber eindrückliche Wanderausstellung über die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland. Das Dokumentationszentrum Gedenkstätte Grafeneck hat sie erarbeitet. Jetzt ist sie im Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) zu sehen. Denn das württembergische Grafeneck ist auch ein Ort badischer Geschichte, wie GLA-Chef Wolfgang Zimmermann sagt.

 

Dienstsiegel des Rassenpolitischen Amtes der badischen NSDAP. | Foto: GLA Karlsruhe 63 Wiesloch Nr. 152

Vordenker, Organisatoren, Vollstrecker

Am Oberrhein gab es keine Vernichtungsanstalt. Aber es gab hier Vordenker, Organisatoren und Vollstrecker des Krankenmords, die in großem Stil am reichsweiten Mordprogramm der Nationalsozialisten mitgewirkt haben. Martin Stingl, der im GLA die NS-Überlieferung betreut, zeigt dies anhand von ausgewählten Exponaten, mit denen er die Ausstellung unter regionalen Aspekten ergänzt hat.

Unrühmlicher Eifer badischer Ärzte

Überhaupt zeichneten sich badische Mediziner und Bürokraten durch unrühmlichen Eifer darin aus, kranken Menschen das Lebensrecht abzusprechen. Von den Opfern in Grafeneck kamen rund 4.500 aus badischen Heil- und Pflegeanstalten. Aus Württemberg und Hohenzollern waren es „nur“ 4.000. Weitere  2.000 stammten aus Bayern und dem Rheinland.

Spitzenplatz bei den Zwangssterilisierungen

Einen schmählichen Spitzenplatz nahm Baden zudem bei den Zwangssterilisierungen von „Erbkranken“ ein. Während man versuchte, die Krankenmorde im Verborgenen durchzuführen, hat das NS-Regime diese „erbgesundheitspolitischen Maßnahmen“ offen propagiert. Aktenstücke aus dem Generallandesarchiv belegen, dass die „Unfruchtbarmachungen“ in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert wurden. Sogar von manchen Betroffenen selbst und von ihren Familien.

Ein Mediziner ohne Mitleid verlangt eine Pension

Unrechtsbewusstsein? Ein Arzt wie Arthur Schreck, Leiter der Heilanstalt Rastatt, der als Gutachter für die reichsweite Euthanasie-Aktion über Leben und Tod von 15 000 Menschen entschieden und Kindern eigenhändig die Giftspritze gesetzt hatte, scheute sich nicht, nach Kriegsende seine Pension einzufordern.

Das Interesse erlosch rasch

Grafeneck 1940? In der jungen Bundesrepublik Deutschland erlosch das Interesse an den Euthanasie-Verbrechen rasch. Nicht nur die Strafverfolgung kam zum Erliegen – Staat und Gesellschaft begannen, „Täter“ und „Zuschauer“ wieder in ihrer Mitte zu integrieren. Auch für viele Opferfamilien war das Thema jahrzehntelang tabu. Erst 1990 wurde die Gedenkstätte auf der Schwäbischen Alb eröffnet – ein Ort, auch der badischen Geschichte.

Die Ausstellung „Grafeneck 1940. Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland“ ist bis 2. März zu sehen im Generallandesarchiv Karlsruhe, Nördliche Hildapromenade 3. Weitere Infos – auch zum Begleitprogramm – finden Sie hier.