In dieser Konstellation einzigartig: Die angehende Automobilkauffrau Wendy Donner macht ihre Ausbildung in einem Betrieb im Elsass, besucht aber eine deutsche Berufsschule. Bislang ist die grenzüberschreitende Ausbildung eher in der entgegengesetzten Konstellation (deutscher Betrieb / französische Berufsschule) bekannt. | Foto: jodo

Grenzüberschreitende Azubis

Grenzüberschreitende Ausbildung noch recht unbekannt

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Im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland ist das berufsbedingte Pendeln ins Nachbarland für viele Erwachsene etwas Selbstverständliches. Kaum bekannt ist jedoch die Möglichkeit einer grenzüberschreitenden Ausbildung: Ausbildungsbetrieb im einen, Berufsschule im anderen Land.

Seit 2013 verzeichnete die IHK Karlsruhe 24 grenzüberschreitende Ausbildungsverträge, alle von Auszubildenden mit deutschen Betrieben und französischen Berufsschulen. Für Wendy Donner ist nicht nur der 25. Ausbildungsvertrag hinzugekommen, sondern auch der erste, bei dem es umgekehrt läuft: Die angehende Automobilkauffrau arbeitet in einem Elsässer Betrieb, besucht aber die Engelbert-Bohn-Schule (EBS) in Karlsruhe.

Ausbildungsbeginn war in Deutschland

Im August des vergangenen Jahres begann die 28-Jährige ihre Ausbildung bei einem Betrieb in Karlsruhe. Mit dem ursprünglichen Arbeitgeber klappte es nicht so recht, daher wechselte sie im Dezember zu einem französischen Ausbildungsbetrieb. Für die gebürtige Saarländerin, die vor zwei Jahren wieder ins Elsass gezogen ist, bringt das nicht nur eine Ersparnis an Fahrtzeiten. „Man hat einfach eine andere Mentalität in Frankreich. Man legt zum Beispiel viel mehr Wert auf Höflichkeit und eine bessere Work-Life-Balance“, so Donner.

In ihrem elsässischen Ausbildungsbetrieb fühlt sich Wendy Donner richtig wohl. Die 28-Jährige besucht aber keine Berufsschule in Frankreich, sondern die Engelbert-Bohn-Schule (EBS) in Karlsruhe. | Foto: pr

Keine Sprachprobleme, aber immer ein Wörterbuch zur Hand

Die Sprache stellt dabei für sie keine große Herausforderung dar. „Im allgemeinen Sprachgebrauch habe ich keine Probleme. Aber bei technischen Begriffen brauche ich immer wieder Unterstützung.“ Deshalb habe sie immer ein Wörterbuch zur Hand. Glücklicherweise sprechen ihre Arbeitgeber aber auch Deutsch und können ihr helfen. Die größte Hürde aber sei für sie gewesen, überhaupt von der Möglichkeit der grenzüberschreitenden Ausbildung zu erfahren. „Ich erinnere mich dunkel an ein Plakat in der Arbeitsagentur, ein einzelnes Blatt in einer Ecke. Das wurde im Beratungsgespräch jedoch nicht thematisiert.“

Vielen Bewohnern des Grenzgebiets sei es wohl nicht klar, dass jenseits der Grenze weitere Optionen bereitstehen. Für Donners Lehrerin Anne Deißler ist die Sprache ein ganz entscheidender Faktor: „Französisch wird immer mehr von Spanisch verdrängt. Viele berufliche Gymnasien haben heute Mühe, überhaupt noch Französischkurse aufzubauen.“ Auch Wendy Donner bestätigt, dass Französisch vielen Schülern keinen Spaß mache. Dabei ginge es doch nicht nur um Sprachkenntnisse, sondern auch um das Kennenlernen anderer Kulturen. „Wenn man sich den Zerfall der EU ansieht, wäre es doch umso besser, in Dinge wie grenzüberschreitende Ausbildungen zu investieren“, findet sie.

Andere Gesetzgebung in Sachen Ausbildung

Ihr Ausbildungsvertrag folgt dem französischen Recht. In Frankreich verdienen alle dualen Auszubildenden das gleiche Gehalt, unabhängig von ihrem Beruf und angelehnt an den Mindestlohn. Unterschiede ergeben sich nur nach dem Alter der Auszubildenden. Außerdem zahlen französische Azubis keine Steuern, so Donner – ein weiterer Anreiz in ihren Augen.

Zu wenig ÖPNV im Grenzgebiet

Stephan Ruf von der IHK Karlsruhe weiß, dass es nicht nur Sprachbarrieren sind, die eine grenzüberschreitende Ausbildung erschweren. „Mobilität und Logistik sind ein großes Problem. Es gibt zu wenige öffentliche Verkehrsmittel, gerade für Minderjährige ohne eigenes Auto ist das schwierig.“ Aber auch aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich sei die Konstellation „französische Schule / deutscher Ausbildungsbetrieb“ wohl verbreiteter.

Auch Wendy Donner hätte auf eine Berufsschule im Elsass gehen können, hat sich aber bewusst dagegen entschieden. „Ich war zuvor schon auf der EBS und fühle mich hier sehr wohl. Außerdem wollte ich meine Abschlussprüfung gern in meiner Muttersprache machen.“ Neben der Abschlussprüfung in Deutschland möchte sie aber auch eine in Frankreich ablegen, um eine deutsch-französische Doppelqualifikation zu erwerben.

Ungewöhnlich, aber durchaus machbar

Ein Massenphänomen wird die grenzüberschreitende Ausbildung wohl nicht. Das liege vielleicht auch daran, dass viele Jugendliche zu unselbstständig seien und nicht für sich einstünden, findet Donner. Ihr Rat an andere Jugendliche ist daher: „Traut euch was und nehmt euer Schicksal selbst in die Hand!“