Städte-Ranking

Das sind die grünsten Großstädte Baden-Württembergs

Anzeige

Unter der Sommerhitze leiden vor allem Stadtbewohner – auch, weil in den Betonwüsten Grünflächen fehlen. Das zeigt der Blick vom Weltall auf die bevölkerungsreichsten Städte Baden-Württembergs. Mannheim schneidet im Großstadt-Vergleich besonders schlecht ab, hat aber immerhin ein erfolgreiches Begrünungsprogramm – im Gegensatz zu Karlsruhe.

Pflanzen machen Städte nicht nur hübscher, sondern haben auch praktische Vorteile: Sie sind ein natürlicher Feinstaubfilter und CO2-Speicher, an Gebäuden verbessern sie außerdem das Mikroklima. Auch Bäume spenden nicht nur Schatten, sondern übernehmen an heißen Sommertagen die Funktion einer biologischen Klimaanlage. Indem sie große Mengen Wasser verdunsten, kühlen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Umgebung.

In den heißen Nachkriegssommern 1945 und 1946, als es überall an Wohnungen mangelte, waren Hitzewellen für Stadtplaner freilich das geringste Problem. Zweckmäßig und autogerecht sollte sie sein, die Nachkriegsstadt. Vegetation wurde solange geduldet, wie es der Verkehr zuließ. „Das Auto hat das Grün aufgefressen“, sagt Stefan Emeis, Professor für Meteorologie am KIT Karlsruhe.

Dabei gäbe es noch immer viel Platz für Grünflächen, etwa in den Hinterhöfen der Gründerzeitquartiere, in den Schottergärten der Vorstädte – oder auf den Dächern großer Fertigungshallen, von Garagen und Wohnhäusern. „An heißen Tagen bietet eine solche grüne Isolationsschicht Temperaturvorteile im zweistelligen Bereich“, sagt Emeis. „Begrünte Gebäude heizen sich langsamer auf und bleiben insgesamt kühler.“

Wie viele solcher Grünflächen es in einer Stadt gibt, zeigt ein Blick aus dem Weltall. Satelliten entgeht weder die Rotbuche im Schwarzwald noch das Seifenkraut auf dem privaten Flachdach. Dazu haben die BNN Satellitenbilder analysiert, das Pflanzengrün auf dem gesamten Gemeindegebiet hervorgehoben und dessen Anteil in Prozent ermittelt.

So haben die kreisfreien Großstädte abgeschnitten:

8. Mannheim  44,3%

Grünanteil Stadt Mannheim

Mannheim hat wohl eine der schönsten Bundesstraßen Deutschlands: vier gerade Spuren in Richtung Innenstadt, gesäumt von Skulpturen und Platanen. Doch der grüne Schein trügt. Mannheim ist die Großstadt mit dem geringsten Grünanteil (44,3 Prozent) Baden-Württembergs. Als Grund nennt die Stadt Mannheim vor allem die Industrie. Ein Blick auf die Zahlen bestätigt diesen Eindruck: Mit 12 Prozent ist Mannheim die Großstadt mit dem geringsten Waldanteil in ganz Baden-Württemberg. Gleichzeitig hat sie mehr Flächen für Industrie und Gewerbe ausgewiesen als jede andere Stadt. Kleiner Trost für die Mannheimer: Das benachbarte Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz ist mit 35,6 Prozent noch grauer – und damit bundesweit Schlusslicht.

Punkten kann Mannheim dagegen bei den öffentlichen Grünanlagen: Mit einem Anteil von 11,9 Prozent der tatsächlich besiedelten Fläche muss sich die Stadt nur Karlsruhe geschlagen geben.

Um private Bauherren zu motivieren, ihre Häuser zu bepflanzen, gibt es seit Juli 2016 Geld von der Stadt: In den vergangenen drei Jahren wurden einem Sprecher zufolge 8000 Quadratmeter auf Dächern, Höfen und Fassaden begrünt. Das entspricht immerhin 0,2 Prozent der Wohn- und Gewerbeflächen Mannheims.

7. Karlsruhe  64,9%

Grünanteil Stadt Karlsruhe

Auf den ersten Blick hat die ehemalige badische Residenzstadt alles, um im Ranking gut abzuschneiden: Wald, der bis an das Stadtzentrum heranreicht, einen Zoo in der Innenstadt sowie eine weitläufige Parkanlage rund um das Schloss. Tatsächlich landet Karlsruhe mit einem Grünanteil von 64,9 Prozent aber nur auf dem vorletzten Platz. Zwar ist das Karlsruher Stadtgebiet weniger verbaut als Mannheim; beim Anteil der Industrieflächen liegt Karlsruhe aber nur knapp hinter der Stadt in der Kurpfalz.

Bei den Parks hingegen ist Karlsruhe Spitze in Baden-Württemberg: 14,4 Prozent der bebauten Flächen sind öffentliche Grünanlagen. Der Grund: Wie Mannheim ist Karlsruhe eine junge barocke Planstadt, die im Gegensatz zu Siedlungen mit mittelalterlichem Stadtkern schon bei ihrer Gründung vergleichsweise viele Parks und Alleen hatte.

Bei der Begrünung von privaten Dächern, Höfen und Fassaden kommt die Stadt allerdings noch langsamer voran als Mannheim: In den vergangenen drei Jahren wurden im Rahmen eines Förderprogramms 323 Quadratmeter und damit gerade einmal 0,008 Prozent der Wohn- und Gewerbeflächen Karlsruhes bepflanzt. Auch bei den eigenen Bauprojekten präsentiert sich die Stadt nicht immer vorbildlich – obwohl sie laut einer Sprecherin „in der Regel“ entsprechende Vorgaben in die Bebauungspläne schreibt. Jüngstes Beispiel: Der neue Karlsruher Marktplatz, der komplett mit Granit zugepflastert wird.

6. Stuttgart  70,2%

Grünanteil Stadt Stuttgart

Stuttgart ist die wichtigste Industriestadt Baden-Württembergs. Auch aus dem Weltall ist das kaum zu übersehen: Die Industrieflächen in Feuerbach, Zuffenhausen und Untertürkheim sind auf den eingefärbten Satellitenbildern leicht zu erkennen. Ihr Anteil am Stadtgebiet ist allerdings geringer als in Karlsruhe und Mannheim. Insgesamt kommt die Landeshauptstadt auf einen Grünanteil von 70,2 Prozent – und positioniert sich damit im hinteren Mittelfeld.

Bei den öffentlichen Grünanlagen landet Stuttgart mit 11,3 Prozent auf dem dritten Platz. Der letzte größere Park, ein acht Kilometer langer, innerstädtischer Grünzug, entstand 1993 im Vorfeld der Internationalen Gartenbauausstellung.

Hausbesitzer bekommen auch in Stuttgart Geld von der Stadt, wenn sie ihre Höfe, Dächer und Fassaden begrünen.

5. Heilbronn  70,4%

Grünanteil Stadt Heilbronn

Heilbronn ist eine der wichtigsten Industriestädte im Land. Das blieb sie auch nach ihrer völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Dafür schneidet die Stadt noch vergleichsweise gut ab: Mit einem Grünanteil von 70,4 Prozent liegt sie im Mittelfeld, nicht zuletzt dank der vielen Felder auf dem Gemeindegebiet. Keine Großstadt in Baden-Württemberg hat mehr landwirtschaftlich genutzte Fläche als Heilbronn (47 Prozent).

Wald und öffentliche Grünanlagen gibt es dagegen kaum. Dank der Bundesgartenschau erhöht sich der Anteil der Parks auf der besiedelten Fläche jedoch von 7,1 auf 7,8 Prozent.

Auch in Heilbronn gibt es inzwischen Bebauungspläne, die einen bestimmten Grünanteil vorschreiben. Schottergärten sind beispielsweise verboten. Ein Förderprogramm für die Dach- und Fassadenbegrünung hat Heilbronn noch nicht.

4. Heidelberg  72,0%

Grünanteil Stadt Heidelberg

Heidelberg ist ein Sonderfall. Vom Krieg verschont, hat sich in einer Tallage über Jahrhunderte eine dichte Siedlungsstruktur entwickelt. Jenseits der Altstadt kommen eingemeindete Weindörfer hinzu. Außerdem hat Heidelberg einen hohen Waldanteil auf dem Gemeindegebiet. Dementsprechend ist die Stadt mit 72 Prozent vergleichsweise grün, trotz dichter Bebauung in der Innenstadt.

Beim Anteil der Parks an der besiedelten Fläche landet Heidelberg mit 4,8 Prozent auf dem letzten Platz. Mit neuen Anlagen wie dem Zollhofgarten arbeite die Stadt aber daran, den öffentlichen Grünanteil zu erhöhen, heißt es auf Nachfrage.

Die Stadt fördert die Dachbegrünung mit öffentlichen Geldern. Außerdem will sie ein Verbot von Schotterflächen in Privatgärten im Gemeinderat prüfen lassen. Für die Fassadenbegrünung gibt es von der Stadt aktuell noch kein Geld.

3. Ulm  78,6%

Grünanteil Stadt Ulm

Ähnlich wie in Pforzheim, Heidelberg und Freiburg hat Ulm insgesamt einen recht hohen Grünanteil (78,6 Prozent), auf der tatsächlich besiedelten Fläche allerdings nur wenige öffentliche Grünanlagen (7,8 Prozent). Anders als in Karlsruhe oder Stuttgart gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft zur dicht bebauten, mittelalterlichen Altstadt nur wenige Parks. Grün ist es in Ulm vor allem wegen der vielen Felder. Nur Heilbronn hat mehr landwirtschaftlich genutzte Flächen auf dem Gemeindegebiet.

Eine verpflichtende Dachbegrünung schreibt Ulm nur für Wohngebiete mit mehrstöckigen Gebäuden vor. Öffentliche Zuschüsse für die Begrünung von Dächern und Höfen gibt es keine. Der Stadtverwaltung zufolge sei allerdings ein Förderprogramm zur Fassadenbegrünung geplant.

2. Freiburg  82,6%

Grünanteil Stadt Freiburg

Im Osten erheben sich die Hügel des Schwarzwalds über Freiburg, im Westen trennt der Opfinger Wald die Altstadt von den eingemeindeten Weindörfern. Dementsprechend hoch ist der Grünanteil (82,6 Prozent) auf dem Gemeindegebiet. Gleichzeitig schneidet die Stadt auch bei den öffentlichen Grünanlagen gut ab: 9,7 Prozent der besiedelten Fläche besteht aus Parks.

Für die Begrünung von Dächern und Fassaden gibt es in Freiburg allerdings noch kein Geld. „Wir planen voraussichtlich ab dem kommenden Jahr ein entsprechendes Förderprogramm aufzulegen“, heißt es von der Stadtverwaltung. In den Freiburger Bebauungsplänen hingegen werden Begrünungen bereits „regelmäßig“ vorgeschrieben – „sofern es von den projektspezifischen und fachlichen Rahmenbedingungen möglich ist“.

1. Pforzheim  83,5%

Grünanteil Stadt Pforzheim

Wer schon einmal über die Westliche Karl-Friedrich-Straße gebummelt ist, mag sich über diese Zahl wundern. Aber Pforzheim ist mit einem Grünanteil von 83,5 Prozent tatsächlich die grünste Großstadt Baden-Württembergs. Der Blick aus dem All zeigt schnell, warum das so ist: Pforzheim besteht zu 51 Prozent aus Wald – Spitzenwert im Land.

Bei den öffentlichen Grünanlagen schneidet die Stadt hingegen weniger gut ab. Hier liegt sie mit 7,7 Prozent der besiedelten Fläche auf dem Niveau von Ulm und Heilbronn. „Der erste selbst gebaute Stadtpark war tatsächlich der Enzauenpark anlässlich der Landesgartenschau 1992“, erklärt ein Sprecher.

Mehr Parks bedeuten mehr Pflegeaufwand, dementsprechend zurückhaltend sei die Stadt bei der Anlage neuer Grünflächen.

Statt mit öffentlichen Geldern versucht Pforzheim private Bauherren mit schwäbischen Spartipps zu überzeugen: Ein grün gedämmtes Flachdach führe zu einer verlängerten Lebensdauer der Abdichtung, außerdem zu niedrigeren Heizkosten und Abwassergebühren, heißt es auf der Homepage der Stadt. Versiegelte Grundstücke leiten Regenwasser nämlich nicht ins Erdreich, sondern ins öffentliche Abwassersystem. Wie in anderen Kommunen auch müssen Hauseigentümer mit schwarzer Pappe auf dem Dach und Schotter im Vorgarten deshalb bei der Abwassergebühr draufzahlen.

Wie wurde der Grünanteil gemessen?
Ausgewertet wurden Landsat-Satellitenbilder der US-Behörde USGS und der Nasa aus den Sommermonaten Juni und Juli der vergangenen zehn Jahre. Atmosphärische Effekte wurden herausgerechnet, Bilder mit einer Wolkenbedeckung von mehr als fünf Prozent nicht berücksichtigt. Mit diesen Bildern wurde der Vegetationsindex NDVI (Normalized Differenced Vegetation Index) ermittelt und anschließend in zwei Kategorien eingeteilt: entweder mit Vegetation oder ganz ohne. Dabei wurde ein NDVI-Schwellenwert von 0,45 festgesetzt. Alles unter diesem Wert gilt als nicht bepflanzt.
Wie kann ich die Ergebnisse überprüfen?
Für die Analyse der Bilder wurde Google Earth Engine eingesetzt. Eine Anleitung sowie weitere Antworten zur Methodik gibt es in diesem Blog-Beitrag von Moritz Klack.
Woher stammen die Daten zu den Parks, Feldern und Wäldern?
Die Werte zur Flächennutzung hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- Raumforschung (BBSR) ermittelt. Daten zu Landwirtschaft und Wald gibt es auf der Webseite des Statistischen Landesamts. Die öffentlichen Grünflächen werden nur vom Statistischen Bundesamt separat ausgewiesen. Anders als im Text ermitteln die Statistischen Ämter den Anteil der öffentlichen Grünanlagen allerdings auf Grundlage der gesamten Bodenfläche einer Gemeinde. Da sich Parks aber in der Regel in Siedlungsnähe und nicht mitten im Stadtwald befinden, wurde der Anteil der öffentlichen Grünanlagen anhand der Siedlungsfläche neu berechnet.
Warum wurde dann nicht auch der Grünanteil auf Grundlage der Siedlungsfläche berechnet?
Auch das Umland sagt etwas darüber aus, ob eine Stadt als grün wahrgenommen wird (etwa in Freiburg), außerdem beeinflusst es das innerstädtische Klima. Wären etwa das Dreisamtal in Freiburg oder das Pfinztal in Karlsruhe komplett verbaut, würde nachts weniger kühle Luft in die Stadt strömen.