Das Grundwasser drückt nach oben und überschwemmt Flächen. Bei extrem hohen Spiegellagen können ganze Landstriche überflutet werden. Darunter kann auch die Vegetation leiden. Noch ist es jedoch nicht soweit.
Das Grundwasser drückt nach oben und überschwemmt Flächen. Bei extrem hohen Spiegellagen können ganze Landstriche überflutet werden. Darunter kann auch die Vegetation leiden. Noch ist es jedoch nicht soweit. | Foto: Klaus Müller

Noch kein Vernässungsstress

Grundwasser hat ein langes Gedächtnis

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Von Klaus Müller
Viele Vögel finden zurzeit fast schon paradiesische Verhältnisse in der Region vor. Das gilt insbesondere für Vögel, die Wasser als Lebensraum schätzen. In den vergangenen Tagen und Wochen sind regelrechte Seen oder kleinere stehende Gewässer auf Wiesen, Feldern oder Senken entstanden. Am Gewässernachwuchs erfreuen sich übrigens auch viele Spaziergänger, die eine Landschaft geboten bekommen, die sie normalerweise so nicht kennen. Der Grund ist das Grundwasser.

Der Grund ist das Grundwasser

 

Viel Regen und der damit ansteigende Grundwasserspiegel. Bestätigt wird das durch die regelmäßigen Messungen der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Übers ganze Land sind nach Auskunft von Referatsleiter „Grundwasser“ Jörg Heimler Messstellen verteilt. Derzeit gebe es „überdurchschnittliche Grundwasserverhältnisse mit stark steigender Tendenz“, bilanziert Grundwasserexperte und LUBW-Mitarbeiter Michel Wingering.
Das (zu viele) Grundwasser muss ja irgendwo hin. Es drückt nach oben. In welchen Mengen und ob das überhaupt geschieht, ist unter anderem stark abhängig von der Bodenbeschaffenheit. In der Rheinebene hat das Grundwasser, das sich teilweise wenige Meter unter dem Boden befindet, dabei leichtes Spiel. Im Kraichgau oder im Schwarzwald sieht das schon wieder ganz anders aus.
Zum Vergleich: Anfang 2017 registrierte die LUBW „unterdurchschnittliche Grundwasserverhältnisse“, da es wochenlang zu wenig regnete. Ähnlich sah es im gleichen Zeitraum 2016 aus.

Noch kein Vernässungsstress

Im Grunde, insbesondere mit Blick auf die Vorjahre, bewerten die Experten der LUBW den Grundwasseranstieg positiv. „Der aufgefüllte Bodenwasserspeicher und die feuchte Meteorologie bieten ideale Randbedingungen für den Grundwasserneubildungsprozess“, erläutert Wingering. Ausgehend von der aktuellen Situation im Februar bestünden gute Aussichten auf eine „weiterhin positive Entwicklung der Grundwasservorräte“.
Grundwasser, so Wingering weiter, habe ein langes Gedächtnis. Im Idealfall werden die Vorräte in den Wintermonaten aufgebaut und stehen dann in den Sommermonaten Mensch und Natur zur Verfügung.
Ein – wenigstens für Vögel und Spaziergänger – besonderer Nebeneffekt können dabei „neue Seelandschaften“ sein. Die verschwinden irgendwann wieder. Bei außergewöhnlichen oder extrem hohen Grundwasserspiegellagen können zum Beispiel an Bauwerken Schäden entstehen (nasse Keller), können ganze Landstriche überflutet werden. Darunter kann auch die Vegetation leiden. In diesem Fall sprechen die Experten von „Vernässungsstress“. Davon freilich kann gegenwärtig noch keine Rede sein.

Anreicherung mit Rheinwasser braucht Genehmigung

Fallen die Spiegel, hat das laut Wingering unmittelbare Auswirkungen auf das Trinkwasser, das in Baden-Württemberg zu rund 70 Prozent aus dem Grundwasser gewonnen wird. Zum Glück lässt sich hierzulande von einer „sicheren Versorgungsstruktur“ sprechen. Das gilt vor allem für die „traumhafte Grundwassersituation im Oberrheingraben“, ergänzt Heimler.
Im Falle tatsächlicher Knappheit (regional kann das schon mal vorkommen) darf Grundwasser beispielsweise mit Rheinwasser angereichert werden. Die Auflagen dafür sind recht hoch und bedürfen wasserrechtlicher Genehmigungen. Kurzum: „Auch für Grundwasser gilt das Prinzip der nachhaltigen Bewirtschaftung – Grundwasser ist zu schützen“, betont Wingering.