Montage bei MiRO
M SCHWEBEZUSTAND: Die erste von zwei neuen Coke Drums wird von einem Riesenkran in vertikaler Position zum Stahlgerüst gehievt. Dort angekommen, soll die Kokskammer mindestens drei Jahrzehnte ihren Dienst tun. | Foto: jodo

Spektakuläre Montage bei der MiRO geglückt

Gute Landung für Koloss von Knielingen

Der Koloss hängt am Haken. Im Uhrzeigersinn lässt ihn einer der stärksten Kräne der Welt kreisen. Um 9.22 Uhr pendelt sich am Knielinger Himmel zwischen den Schloten der Mineralölraffinerie Oberrhein (MiRO) die 35 Meter hohe Kokskammer über der Position ein, wo sie vielleicht die nächsten 30, 40 Jahre unter Hochtemperatur von bis zu 490 Grad stehen wird. Aufkommender Wind und einsetzende Regenschauer können am Mittwoch das Manöver der schwergewichtigen Spitzentechnik nicht aufhalten.

Am 8. April crackt es wieder

Um 8.48 Uhr, also erst  vor 32 Minuten, hat eine der zwei neuen Coke Drums abgehoben. Die zweite Kokskammer, die auch im spanischen Gijon gefertigt wurde  und übers Wasser nach Karlsruhe kam, soll nach der nun für kommenden Sonntag geplanten Demontage ihrer Vorgängerin in zwei Wochen eingebaut werden.

Montage
Hochspannung bei der MiRO: Der 35 Meter hohe Koloss ist in der Luft. | Foto: jodo

 

Und am 8. April wollen sie es wieder cracken lassen – dann ist es mit dem „Stillstand“ im MiRO Werk 2 vorbei.

Auf Millimeter kommt es an

Schon lässt der Riesenkran, der 2 000 Tonnen stemmen kann, den 400 Tonnen schweren Stahlzylinder in das Coker Stahlgerüst ab. „Wir haben da oben jetzt nur 25 Zentimeter Spiel“, erklärt Projektleiter Frank Wischniewski von der MiRO. „Da muss einfach alles stimmen“, bekräftigen MiRO-Chef Ralf Schairer und Anlagenleiter AndreasTeuber, die gebannt dieses schwebende Verfahren beobachten. Spannung und Freude stehen ihnen ins Gesicht geschrieben.

Anschließend ist innerhalb des Stahlgerüsts sogar Millimeterarbeit gefordert: Auf 36 je einen halben Meter langen Bolzen wird der Koloss eingesteckt und dann mit Muttern festgeschraubt. Da darf nichts schiefhängen, nichts verkanten. „Das wird erdbebensicher“, sagt Teuber. Vor allem aber steht so ein kolossaler Stahlkörper schon durch sein Eigengewicht fast unverrückbar fest.

Von wegen Stillstand

„Stillstand“ nennt die MiRO die sechswöchige Generalinspektion, mit der alle sechs Jahre die Raffinerie saniert und modernisiert wird. Diesmal ist der Werkteil östlich der Alb, die frühere „Esso“, an der Reihe: Über 3 300 Fachkräfte – bei der MiRO selbst arbeiten 1 000 Leute – wirbeln derzeit auf der Anlage. „Stillstand“ bedeutet also bei Stopp der Produktion ein Höchstmaß an Aktivität zwischen den Schloten der Knielinger Industriestadt aus Rohren, Kesseln und Tanks.

Der erste Wechsel der Coke Drums nach 1984 ist für Schairer und seine MiRO-Crew ein Höhepunkt des Berufslebens. Allein 75 Millionen Euro kostet der Cracker-Austausch. Auf die Kokskammern kommt es an: Dort werden schwere Rückstände aus der Rohöldestillation gecrackt und damit leichte Produkte wie Benzin und Diesel gewonnen. Außerdem füllt dann Koks als Nebenprodukt die Zylinder.

„Die zwei Behälter aus Spezialstahl arbeiten im Wechsel, alle 16 Stunden wird einer angefahren“, erklärt Wischniewski. Diese ständige  Abwechslung der Extreme ist eine enorme Beanspruchung. Der Coker verzieht sich, er wird schief, das Material wird brüchig – irgendwann muss er ausgetauscht werden.

Eine Million Inspektionsstunden

„Wir machen unsere Anlagen fit für die neue Laufzeit, damit sie auch die nächsten Jahre sicher und effizient laufen“, sagt Schairer. Die enorme Investition sei auch „ein klares Bekenntnis zum Standort Karlsruhe“. So wird der Einhub des schwebenden Kolosses zu „einem großen Tag für die Raffinerie“. Jahrelang habe man darauf hingearbeitet, bekräftigt der Sprecher der Geschäftsführung einer der größten Raffinerien Deutschlands.

Man will mit der Wiederinbetriebnahme nicht lange fackeln, so dass vor Ostern die Anlage beim Anfahren „aus sicherheitstechnischen Gründen“ Feuer in den  Himmel über Knielingen spucken wird. Bis dahin werden 1 300 Apparate und Maschinen, Armaturen und Ventile überprüft oder ausgetauscht sein.

Damit die MiRO mit Werk 2 auf dem alten Esso-Gelände durch den TÜV kommt, werden nach Angaben der Raffinerie eine Million Extra-Arbeitsstunden geleistet. Im turnusmäßigen Wechsel muss der andere MiRO-Werkteil – westlich der Alb auf dem früheren OMW-Gelände – 2021 auf den TÜV vorbereitet werden.