Jeder hat seinen Platz: BNN-Redaktionsmitglied Janina Keller lernt bei „Zirkus live“ von Nikolai (von links), Moritz, Emilio, Henrik und Elias, wie akrobatische Pyramiden gebaut werden.
Jeder hat seinen Platz: BNN-Redaktionsmitglied Janina Keller lernt bei „Zirkus live“ von Nikolai (von links), Moritz, Emilio, Henrik und Elias, wie akrobatische Pyramiden gebaut werden. | Foto: Jörg Donecker

Ferienjobber für einen Tag

Hand in Hand durch die Manege

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Weg vom Schreibtisch – rein in die Eisdiele, Currywurstbude oder ins Schwimmbad. Die Redakteure versuchen sich diesen Sommer einmal in typischen Ferienjobs. Was sie dabei erleben, wo sie vielleicht auch an ihre Grenzen kommen – all das ist in der wöchentlichen Serie „Ferienjobber für einen Tag“ zu lesen.

Zarte Finger bohren sich in meinen Unterarm, sie ziehen an meinem T-Shirt und eher unabsichtlich an meinen Haaren. Verständlich, denn die Kinder sitzen auf Einrädern. Da ich als Betreuerin beim Sommerferienprogramm „Zirkus Live“ natürlich mutig vorangehen muss, wage ich selbst einen Versuch – dieses Mal bin ich diejenige, welcher ein acht- und ein neunjähriges Mädchen Händchen halten müssen.

Selbstversuch im Zirkus

Mein erstes Fazit nach wenigen Minuten: Auf dem Einrad bin ich talentfrei, Fortschritte werde ich in dieser Disziplin so schnell nicht machen. Aber darum geht es auch nicht auf dem Gelände des Zirkus Maccaroni im Otto-Dullenkopf-Park. Bei der Ferienfreizeit des Stadtjugendausschusses sollen die Kinder zwischen sechs und 13 Jahren zwar ihr Können zeigen und erweitern, in erster Linie aber fünf Tage voll Spaß und Aktivität erleben.

22 Betreuer begleiten die insgesamt 114 Kinder an verschiedenen Stationen: etwa Akrobatik, Jonglage, Trapez oder eben Einrad. „Die Trainer haben fast alle jahrelange Zirkuserfahrung“, erklärt Jonathan Völzer, der die Woche mitorganisiert. Sie bringen den Kindern das bei, was sie selbst gut können – mit Ausnahme von mir.

Mit Mut voran

„Trapez kann ich schon, deshalb wollte ich jetzt Einradfahren lernen“, erzählt Jana. Die Achtjährige will gar nicht mehr aufhören zu üben. Also begleite ich sie noch etwas wackelig beim Fahren durch das kleine Zelt: Zum Pfosten, einmal außenrum und wieder zurück. „Ich wünsche mir, dass noch mehr Kinder zu unserer Station kommen“, sagt sie weiter. „Vielleicht macht das auch anderen Mut, die sich nicht trauen, das auszuprobieren.“ Mich hat ihre positive Einstellung jedenfalls auf ein Rad bewegt. Dass man sich hier allerdings nicht zu ernst nehmen sollte, habe ich bereits bei der Begrüßung gelernt.

Kreatives Programm

Die Fundsachen werden im Zirkus per Modenschau wieder an ihre ursprünglichen Besitzer gebracht. Ausgewählte Betreuer präsentieren in der Manege, was am Tag zuvor vergessen wurde. Auf Wunsch der Kinder setze ich mir also einen viel zu kleinen rosa Rucksack plus ein blaues Mützchen auf und schnappe mir einen Regenschirm. Schnell ertönen „Das ist meins, das ist meins“-Rufe und die Sachen sind weg.

Allen gleichzeitig helfen.

An den Stationen geht es genauso lebhaft zu. „Bei so vielen Kindern ist es manchmal schwierig, allen gleichzeitig zu helfen“, betont Marie. Die 18-Jährige bereitet die Teilnehmer an den Vormittagen auf die Abschlussshow vor. „Es ist anstrengend, aber macht auch Spaß.“

Noch während ich mich mit ihr unterhalte, stützen sich abwechselnd kleine Radkünstler auf sie. „Bekomme ich auch mal deine Hand?“, fragt Samira mehr fordernd als abwartend. Und schon spaziere ich wieder eine Runde um den Pfosten.

Mit Hilfestellung fahren Sophia (links) und Meike auf ihren Einrädern noch schneller durch das Zelt. | Foto: Jörg Donecker

„Nur den einen Finger“, korrigiert mich Mira, als ich ihr meinen Arm anbiete. Die Kinder wissen an Tag drei genau was sie brauchen, um nicht umzufallen. Als später einer meiner Amateur-Trainingstipps unerwartet zu Erfolg führt, entlockt das nicht nur den Mädchen ein stolzes Lächeln.

Fördern statt fordern

„Die größte Herausforderung ist es, dass die Kinder selbst kreativ werden“, erklärt Moritz Jordan seine Aufgabe. Im Herbst beginnt der 20-Jährige Sozialwissenschaften zu studieren, bis dahin ist er wochenweise als Ferienbetreuer im Zirkus tätig. Mit fünf Jungen erarbeitet er eine Akrobatik-Vorstellung. Zur Inspiration hat er bunte Kärtchen mitgebracht, auf denen menschliche Pyramiden abgebildet sind.

Kinder werden zu Profis

„Ich bin wieder der unten“, sagt Henrik und kennt seine Rolle genau. Er ist größer als die anderen und damit die perfekte „Base“ (übersetzt: Basis). Der siebenjährige Moritz hingegen ist der leichteste und bildet die Spitze. „Man darf aber nur auf den unteren Teil vom Rücken stehen“, erklärt mir Elias schnell. Der Zehnjährige nimmt schon zum dritten Mal an dem Programm teil. „Ich weiß mittlerweile, worauf man achten muss“, sagt er.

Man muss immer aufmerksam sein.

Bevor das eingespielte Team ein neues Element ausprobiert, zeichnet der Betreuer zunächst mit Strichmännchen die Positionen auf. Und zwar so, dass jeder diese versteht. „Man muss immer aufmerksam bleiben, damit sich niemand verletzt“, betont Moritz Jordan.

Von einer Sekunde zur nächsten

Wie viel Konzentration die Betreuung der Kinder durchgängig erfordert, habe ich an diesem Tag bereits gelernt. Denn als ich zuvor nur wenige Sekunden abgelenkt war, grinste mich eins der Einrad-Mädchen mit komplett weiß gefärbtem Gesicht an: Es kam ein bisschen zu viel Sonnencreme aus der Tube. Janina Keller