DER „GOLDENE WÜRFEL“: Das Schneider der gleichnamigen Ettlinger Kaufhaus-Dynastie war eine feste Größe. | Foto: Donecker

Erinnern Sie sich noch?

Handel war schon vor der Online-Zeit vor allem Wandel

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Er war ein Visionär und fing ziemlich klein an: Hugo Mann arbeitete nach einer kaufmännischen Ausbildung zunächst in der Möbelschreinerei seines Großvaters. Im Jahr 1938 startete er in der Karlsruher Kaiserpassage sein eigenes Möbelgeschäft. Zwölf Jahre später zog er mit „Möbel Mann“ einige hundert Meter weiter in die Kaiserstraße um. Es war sein erstes Möbelkaufhaus – heute nutzt das Areal die Sparkasse Karlsruhe.

Übrigens: Hugo Mann wechselte nochmals den Standort: Auf der grünen Wiese baute er „Mann Mobilia“, ein Einkaufszentrum, wie er es von USA-Aufenthalten kannte. Später platzierte er daneben seinen „Wertkauf“ und expandierte bundesweit. Längst hat der Familien-Clan die Unternehmen verkauft, „Mann Mobilia“ etwa an die österreichische XXXLutz-Gruppe. Und auf dem benachbarten Areal, das die Manns jahrzehntelang vorhielten, baut nun ein Konkurrent von Weltrang: Ikea.

Das älteste Fotogeschäft Deutschlands war in Karlsruhe

Hugo Mann war mit Rose Mann verheiratet, der Tochter des Gründers von Photo Porst. Eine der bundesweiten Filialen gab es selbstverständlich auch in der Kaiserstraße. Wie auch Photo Glock. Der Leica-Händler war bis zu seiner Schließung Deutschlands ältestes Fotogeschäft. Foto-Versandhändler gab es schon lange vor dem Durchbruch des Internets. Doch mit dem Online-Handel haben es auch inhabergeführte Fotofachgeschäfte zumindest in 1a-Lage wie der Kaiserstraße schwerer denn je.

Dass Versandhändler durch Missmanagement scheiterten, ist bekannt. Während die Hamburger Otto-Gruppe zum zweitgrößten deutschen Online-Händler aufstieg, ist Quelle Geschichte – dabei hatten die Fürther auf der Kaiserstraße einst ein großes Technik-Haus.
Auch Hertie, einst stolzer Konkurrent von Karstadt auf der anderen Straßenseite, ist verschwunden. Heute hält dort die Mannschaft des Karstadt-Sport-Hauses die Stellung. Jahrzehntelang war auch die Ettlinger Familie Schneider mit einem gleichnamigen Kaufhaus in Karlsruhe präsent – zuletzt im sogenannten „Goldenen Würfel“ gegenüber des Europaplatzes. Später zog dort der Wettbewerber Breuninger ein; mittlerweile nutzten Woolworth, Saturn und die Fitnesskette Jonny M. die Immobilie.

ABRISS: Wo das Modehaus Carl Hiller war, ist heute Rossmann. | Foto: jodo

Wer mehr auf Pfennig und Mark achten musste – für die Jungen: des Deutschen Münzgeld über Jahrzehnte –, ging beispielsweise in die Kaufhalle. Nach der Schließung startete die Kaufhof AG in Köln, Nürnberg und Karlsruhe einen Testballon: „Emotions“ wandte sich mit Strümpfen, Wäsche, Kosmetika und Friseur an kaufkräftige Frauen – er platzte. Seit Jahren hält sich der Österreichische Schuhfilialist Humanic in dem Gebäude.

Regionaler Spielwaren-Filialist für Kinder und Erwachsene

Von einheimischen Kaufleuten geführte Läden sind rar geworden: Hammer & Helbling war eine Adresse für Haushaltswaren, weit über die Region hinaus. Heute hat dort der schwedische H&M-Konzern eine seiner diversen Karlsruher Filialen. Nebenan gab es Porzellan-Wohlschlegel. Spielwaren Doering war ein Paradies für kleine Kunden, dank der großen Modellbauabteilung aber auch für Erwachsene – früher hatte das von Eduard Peltzer in der sechsten Generation geführte Geschäft sogar Filialen in Gaggenau, Bruchsal und Bühl.
Eine Filiale – in diesem Fall in Baden-Baden – hatte auch Juwelier Jock. Sport Schütz an der Ecke Kaiserstraße/Herrenstraße war vor allem bei Skifahrern und Bergsteigern gefragt. Kürzlich ist der einstige Seniorchef gestorben.

Zum Maßschneider Therkatz zog es betuchte Herren, die Wert auf feinen Zwirn legten. Für gute Beratung war aber auch Hiller-Herrenkleidung bekannt. Nach dem Tod des Chefs wurde kein Nachfolger gefunden, das Gebäude abgerissen und ein neues gebaut. Heute ist dort unter anderem der Drogeriefilialist Rossmann untergebracht.

dm trifft auf Kontrahenten

Der hat sich lange aus Süddeutschland ferngehalten – zugrunde lag ein Agreement mit der Karlsruher dm-Gruppe. Doch nach der Maueröffnung trafen sich die einst befreundeten Unternehmen im Osten und expandierten schließlich bundesweit. Der heutige Branchenprimus dm startete 1973 mit dem ersten Geschäft neben der einstigen Filiale der Landeszentralbank – auch nicht weit von der Kaiserstraße entfernt. Heute trifft er dort neben Roßmann auch auf die Nummer drei der Branche, Müller.

Schöpf, Schlaile & Co halten die Stellung

Es ließen sich noch viele weitere Einzelhändler nennen, kleine Schallplattengeschäfte beispielsweise oder große Plattenläden wie das einstige WOM im Hertie. Die Vinylplatte erlebt zwar eine kleine Renaissance, bräuchte aber für eine 1a-Lage viel Laufkundschaft.
Und doch gibt es noch Unternehmer aus Karlsruhe und der Region, die in der Kaiserstraße in bester Lage Kunden anziehen: Schirm Weinig etwa, der schon Hoflieferant von Großherzogin Luise war. Oder der Edeljuwelier Kamphues, das Musikhaus Schlaile, das Modehaus Schöpf und Papier Fischer, um weitere Beispiele zu nennen. Diese Namen kennen nicht nur die älteren Leserinnen und Leser der BNN. Auch die Generation Smartphone kann mit ihnen sehr wohl etwas anfangen.