Hans Baldung Grien: Adam und Eva, 1519 (Ausschnitt) | Foto: © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Foto: Annette Fischer und Heike Kohler

Sündenfall in der Kunsthalle

Hans Baldung Grien: War er besser als Superstar Albrecht Dürer?

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Mit einem Superstar zu konkurrieren – das ist ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Albrecht Dürer zählt zu den berühmtesten Künstlern aller Zeiten. Sein Schüler Hans Baldung Grien stand immer etwas im Schatten des großen Nürnberger Meisters. Dabei war auch er nicht ohne. Und mancher Besucher, der durch die Große Landesausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe geht, fragt sich unwillkürlich: War Baldung vielleicht sogar der Bessere von beiden?

Ein halbes Jahrtausend – was macht das schon aus, wenn es um Kunst geht? Den Namen von Albrecht Dürer kennt noch heute (fast) jedes Kind. Sein Schüler, Kollege und Konkurrent Hans Baldung Grien hingegen, der in Straßburg eine Werkstatt betrieb, gilt als „der bekannteste Unbekannte“ der deutschen Renaissance. Will heißen: In der Welt der Kunsthistoriker genießt Hans Baldung Grien hohes Ansehen. Große Kunstmuseen in Europa und den USA zieren sich mit seinen Werken. Doch was die Bekanntheit beim breiten Publikum angeht, hat Superstar Dürer allemal die Nase vorn.

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Dass der Künstler vom Oberrhein sich aber keineswegs hinter dem Nürnberger Meister verstecken muss, zeigt bis zum 8. März 2020 die Große Landesausstellung „Hans Baldung Grien. heilig | unheilig“ in der Kunsthalle Karlsruhe. Etliche Werke von Dürer laden in der Schau zu vergleichenden Betrachtungen ein – und rufen bei vielen Besuchern erstaunte Reaktionen hervor.

Der Sündenfall in Perfektion

Der Sündenfall bringt die Unterschiede ans Licht. Albrecht Dürer hatte vorgelegt. Sein berühmter Kupferstich von Adam und Eva aus dem Jahr 1504 atmet Perfektion.

Albrecht Dürer: Adam und Eva, 1504 | Foto: © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Foto: Annette Fischer und Heike Kohler

Intensiv hat der Renaissance-Künstler, für den das Auge „der alleredelste Sinn“ war, die menschliche Anatomie studiert. Was dem ersten Menschenpaar in seiner Nacktheit auf Dürers Darstellung allerdings abzugehen scheint, ist Leidenschaft.

Der Sündenfall – ganz anders

Ganz anders setzte Hans Baldung Grien 1519 das Thema um.

Hans Baldung Grien: Adam und Eva, 1519 | Foto: © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Foto: Annette Fischer und Heike Kohler

Wie ein Wüstling drängt sich sein Adam von hinten an Eva heran. Und die beantwortet den Übergriff ihres Partners mit gequälter Miene und einer Körpersprache, die zwischen Widerwillen und Zuwendung schwankt.

Der Künstler scheut sich nicht, obszöne Hinweise auf den Charakter der Begegnung einzubauen. Bei einem zentralen Thema der Heilsgeschichte lässt Hans Baldung Grien die Dämonen raus – und zieht die Betrachter damit regelrecht ins Geschehen hinein.

Zwei Künstler – zwei Temperamente

War Baldung besser als Dürer? Moderner? Packender? Holger Jacob-Friesen, der Kurator der Ausstellung, lacht. „Man muss nicht immer eine Rangordnung erstellen“, übt sich der Baldung-Experte in Diplomatie. Die beiden großen Künstler hätten ganz unterschiedliche Temperamente gehabt. Aber sicher habe Hans Baldung Grien in den Jahren, die er in Dürers Werkstatt in Nürnberg verbrachte, viel von dem berühmten Meister gelernt.

„Zwischen beiden lassen sich viele Gemeinsamkeiten feststellen“, sagt Jacob-Friesen. So hätten sie die eingehende, auf Erneuerung bedachte Beschäftigung mit religiösen Themen geteilt. Aber auch profanen Themen wie Porträts, Historien- oder Genrebildern und Allegeorien maßen sie hohe Bedeutung bei.

Ebenso sei die mediale Vielfalt eine gemeinsame Stärke der beiden gewesen. Albrecht Dürer wie Hans Baldung Grien brillierten als Zeichner, Druckgrafiker und Maler. Doch trotz der wichtigen Impulse, die der Geselle vom Meister empfing – Baldung entwickelte schon in seiner Nürnberger Zeit eine eigenständige künstlerische Handschrift.

Hans Baldung Grien lässt die Dämonen raus

„Dürer orientiert sich vielfach an klassischen Vorbildern und hat einen Hang zur Idealisierung“, erläutert der Fachmann. Hans Baldung dagegen sei es mehr um Gefühle und Fantasien gegangen. Begierde und Triebe, Sinnlichkeit und Erotik spielten in seinem Werk eine wichtige Rolle. Das habe so weit geführt, dass der exzentrische Künstler auch Dürers strengen Umgang mit der Anatomie und der Perspektive außer acht ließ, wenn es dazu beitrug, den Ausdruck zu steigern.

„Baldungs Bilder befassen sich mit dem Diessseits und dem Jenseits, sie zeigen Gottes Zorn, Christi Erbarmen und den Dämon, der allzu oft in uns selber steckt“, sagt Holger Jacob-Friesen. Das fasziniert – auch nach einem halben Jahrtausend.

Geselle „Grünhans“

„Grünhans“ – so nannte Dürer seinen vermutlich in Schwäbisch Gmünd geborenen Gesellen.

Das Selbstbildnis auf grünem Papier zeichnete Hans Baldung um 1502. | Foto: Kunstmuseum Basel / Daten: gemeinfrei

In der Karlsruher Ausstellung ist ein Selbstbildnis zu sehen, das der junge Hans Baldung um 1502 auf grünem Papier zeichnete. Womöglich hat er sich mit dieser Probe seines Könnens in Dürers Werkstatt beworben. Und vielleicht rührt auch der Beiname „Grien“ (Grün) von diesem frühen Werk.

Beweisen lässt sich beides nicht, wie überhaupt wenig Persönliches über Hans Baldung Grien bekannt ist. Sein Weg führte von Nürnberg nach Straßburg, wo er eine erfolgreiche Werkstatt führte. Und nach Freiburg im Breisgau, wo er mit dem Hochaltar des Münsters sein malerisches Hauptwerk verwirklicht hat. Dank seines hervorragenden künstlerischen Rufes gewann Baldung auch die Markgrafen von Baden als Kunden.

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Dürers Locke zur Erinnerung

Mit Dürer blieb Baldung trotz der unterschiedlichen künstlerischen Positionen – und trotz des „edlen Wettstreits“, den sich die Meister lieferten – , wohl auch nach seinem Ausscheiden aus der Nürnberger Werkstatt freundschaftlich verbunden. Eine Locke, die von Dürers Schopf stammen soll, fand sich in Baldungs Nachlass.

Die Kunsthalle Karlsruhe präsentiert das haarige Erinnerungsstück in einem Raum, der sich innerhalb der Ausstellung speziell der Beziehung von Albrecht Dürer und Hans Baldung Grien widmet. Hier sind Werke des „weltberühmten Malers“ aus Nürnberg und des „bekanntesten Unbekannten“ vom Oberrhein traulich vereint.- „Große Meister waren beide“, sagt Kurator Jacob-Friesen.

Die Große Landesausstellung „Hans Baldung Grien. heilig | unheilig“ ist bis 8. März in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehen. Präsentiert werden dort 200 Werke von Hans Baldung Grien sowie 50 Werke von Zeitgenossen wie Dürer und Cranach. Unter den Exponaten sind 170 Leihgaben aus nationalen und internationalen Sammlungen. Hier gibt weitere Informationen.