In offiziellen Akten steht kaum etwas über die Gewalt, die gehörlose Kinder in den 1960er Jahren im Internat in Heidelberg erlebt haben.
In offiziellen Akten steht kaum etwas über die Gewalt, die gehörlose Kinder in den 1960er Jahren im Internat in Heidelberg erlebt haben. | Foto: Sandmann

Vorfälle in Heidelberg

Gewalt gegen gehörlose Kinder im Internat: kaum Hinweise in offiziellen Akten

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Anfragen an Ministerien sind in Zeiten des Coronavirus mitunter langwierig. So schickten die BNN am 5. März eine E-Mail mit Fragen an das zuständige Kultusministerium, inwieweit die Vorkommnisse im Internat der Staatlichen Gehörlosenschule in Heidelberg in den 1960er Jahren bekannt sind.

Eine umfangreiche Antwort erreichte die Redaktion am 9. April. „Die Recherche im Generallandesarchiv Karlsruhe hat keine konkreten Anhaltspunkte für drastische pädagogische Maßnahmen oder Misshandlung Schutzbefohlener bei der Aktenanalyse ergeben“, heißt es darin.

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Die Bestrafung von Schülern sei aber sehr wohl thematisiert worden. So habe die Schulleitung in Heidelberg in zwei Konferenzen 1960 und 1964 davor gewarnt, die Schüler weiterhin zu schlagen. „In den weiteren Akten finden sich keine weiteren Hinweise zu Schulstrafen. Des Weiteren wurde auch in keiner Akte namentlich ein spezieller Lehrer bezüglich Schulstrafen beschuldigt“, teilt das Kultusministerium weiter mit.

Ohrfeigen, Kopfnüsse oder Schläge mit Skistöcken

Abgesehen von den offiziellen Akten gibt es jedoch Berichte von früheren Internatsschülern an anderen sonderpädagogischen Zentren in Baden-Württemberg. Diese zeichnen ein düstereres Bild – von Drill, Ohrfeigen, Kopfnüssen oder Schlägen mit Skistöcken.

Ehemalige Schüler wie Petra Müller berichten von heftigen Griffen in den Mund, um die Lautsprache zu verbessern. „Als besonders belastend wurden Strafen bei Gebärdeneinsatz oder bei behinderungsbedingtem Nicht-Leisten-Können empfunden, auch die zum Teil ausschließliche Konzentration auf die Lautsprache“, erklärt das Ministerium.

Mehrfach sei geschildert worden, dass diese Maßnahmen vor allem von bestimmen Lehrkräften eingesetzt worden seien.

Gehörlosen-Pädagogik wandelt sich mit Bewusstsein für individuelle Bedürfnisse

Wann sich die Situation verbessert habe, kann das Kultusministerium nach eigenen Angaben nicht exakt datieren. Jedoch sei das Bewusstsein für die spezifischen Kompetenzen, Fähigkeiten und Bedürfnisse von gehörlosen und hörgeschädigten Menschen immer mehr gestiegen.

In Fachkreisen hätten sich Experten darüber auch ausgetauscht – etwa auf einem Kongress 1985 in Hamburg. Auch in der Bevölkerung scheint das Bewusstsein für das damals erlittene Leid in den vergangenen Jahren gestiegen zu sein.

Aufarbeitung der Gewalt gegen Gehörlose in Internaten ist noch nicht abgeschlossen

In puncto Aufarbeitung erklärt das Kultusministerium, dass Schulleitungen und -verwaltungen ehemaligen Schülern Recherche und Gespräche angeboten hätten. Diesbezüglich bestünde ein enger Austausch mit dem zuständigen Fachreferat im Ministerium. „Die Aufarbeitung ist allerdings noch nicht endgültig abgeschlossen“, heißt es weiter. So prüfe das Fachreferat, wie und welche weiteren Schritte unternommen werden könnten.

Das dürfte auch Gehörlose und Hörgeschädigte aus der Region Karlsruhe interessieren, denn die Staatliche Gehörlosenschule in Heidelberg beziehungsweise deren Nachfolgeinstitution, Luise von Baden – Staatliches Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit Internat (SBBZ) in Neckargemünd –, war und ist eine wichtige Institution für sie.

„Es gab nur sehr wenige Schulen in Baden-Württemberg, in denen Hörbehinderte einen höheren Abschluss machen konnten“, teilt Sandra Hock vom Stadt- und Kreisverband der Hörgeschädigten Karlsruhe mit. Eine davon sei die Schule in Heidelberg gewesen.

Im Vergleich zu früher sei die Transparenz in den Schulen und Internaten heute deutlich größer, erklärt das Ministerium. Zudem seien demokratische Strukturen verankert – wie etwa Vertrauenslehrer oder Internatssprecher.