Der Heimat auf der Spur: Theaterschaffende im Gespräch mit Bewohnern aus Oberreut. Fast zwei Wochen lang war das Forschungslabor des Volkstheaters zu Gast in Oberreut. | Foto: jodo

Volkstheater in Oberreut

Heimat schmeckt nach Salzgurken

Was ist Heimat? Dieser Frage gehen Theaterschaffende des Karlsruher Volkstheaters in ihrem Projekt „Inschrift Heimat“ auf den Grund. In den vergangenen Tagen war das Team in Oberreut zu Gast und lud die Bewohner in die gute Stube auf dem Julius-Leber-Platz zum Gespräch ein.

Der Wels aus der Plastiktüte

„Schau!“ Miro öffnet die große Plastiktüte. Drinnen liegt ein dicker Wels. Miro hat sich ihn gerade in der Fischabteilung des Supermarktes „geangelt“. Das gibt ein schönes „Fis Paprikas“, ein scharfes Fischgulasch. Und Miro wird es genauso zubereiten wie es in seinem Heimatland Kroatien üblich ist. „Ich koche es in einem großen Kessel über offenem Feuer in meinem Schrebergarten – mit viel Zwiebeln und Paprika, mit Salz und Wein“, erzählt er Sarah Stührenberg.

Die gute Stube auf dem Julius-Leber-Platz

Die Assistentin des Volkstheaters nippt an einer Tasse Tee und hört Miro aufmerksam zu. Auf dem Tisch vor ihnen steht eine Etagere mit russischen Lebkuchen und Haferkeksen. Die beiden sitzen mitten auf dem Julius-Leber-Platz in Oberreut. Der hatte sich vor gut zehn Tagen quasi über Nacht in eine „gute Stube“ verwandelt – mit Tischen und Stühlen, mit Stehlampen und Kronleuchter und sogar einem röhrenden Hirsch an der Holzwand.

Das Volkstheater insziniert das Stück „Inschrift Heimat“

„Inschrift Heimat“ lautet der Titel einer Inszenierung des Karlsruher Volkstheaters unter der Leitung von Beata Anna Schmutz, die im kommenden Jahr im Rahmen der Heimattage Baden-Württemberg in Karlsruhe aufgeführt wird. Die „Episode I“ haben Schmutz und ihr Team von Theaterschaffenden bereits im Kasten. Dafür waren sie auf dem Werderplatz in der Südstadt dem Thema Heimat auf der Spur. Nun macht das rollende Forschungslabor, ein ausrangierter Bauwagen, der im Inneren ebenfalls in eine gute Stube verwandelt wurde, in Oberreut Station.

Andere Menschen – neue Geschichten

Anderer Stadtteil, andere Menschen, neue Geschichten. Zunächst seien die Menschen zurückhaltend gewesen, beobachteten das Treiben auf dem Julius-Leber-Platz nur aus der Ferne. Manche lasen das InfoPlakat und gingen weiter. „Zwei Tage dauerte die Fremdelphase“, berichtet Johanna Benrath, die bei dem Projekt für Konzeption und Recherche zuständig ist. Dann brach das Eis, die ersten Oberreuter suchten das Gespräch, und der Zulauf wurde größer und größer. Die Menschen kamen und setzten sich einfach in die gute Stube, als ob’s ein Café wäre. Und sie erzählten: Von der alten Heimat in Kasachstan, im Banat oder in Russland und von Oberreut, das vielen zur neuen Heimat wurde.

Die Oberreuter brachten Fotos und selbstgebackene Kekse

„Wir haben sehr intime Begegnungen erleben dürfen, die Offenheit der Menschen hier in Oberreut ist sehr groß“, erzählen Johanna Benrath und Susanne Hiller, die bei „Inschrift Heimat“ für die Bühne und Kostüme zuständig ist und auch die „gute Stube“ auf dem zentralen Platz in Oberreut ausgestattet hat. Die Oberreuter brachten Bücher und Fotos aus ihrer alten Heimat, manche auch selbstgebackene Kekse und Kuchen.

Ein Schluck Dracula-Wein

Sie gingen mit den Projektmacherinnen aber auch in den benachbarten Supermarkt. Sie durchstöberten die Regale und zeigten ihnen, welche eingelegten Salzgurken am besten schmecken. Sie erklärten stolz, warum der Dracula-Wein aus Rumänien besonders lecker ist und welche Bonbons den Geschmack ihrer Kindheit auf die Zunge zaubern. Der Geschmack der alten Heimat spiele für viele Menschen in Oberreut eine große Rolle, „man sah regelrecht die Leidenschaft in ihren Augen, wenn sie über die Produkte sprachen“, so Sarah Stührenberg. „Sie brachten uns selbstgebrannten Schnaps zum Probieren, luden uns in ihre Schrebergärten und nach Hause ein.“

„Der Begriff Heimat verändert sich im Lebensalter“

Ein Mann mit schwarzer Strickmütze hat sich an den Tisch gesetzt. „Ich habe sogar etwas dabei“, sagt er und holt eine Kanne mit heißem Kaffee aus der Stofftasche. „Ihr sitzt hier so im Kalten!“ Und Tee möge er überhaupt nicht. Rasch entspinnt sich wieder das Gespräch um die Heimat. Das mit der Heimat sei schwierig, findet der Mann mit der Strickmütze: „Ich finde, der Begriff verändert sich im Lebensalter.“ Heimat habe für ihn nichts mit einem Ort zu tun. „Für mich hat es vor allem mit Sprache zu tun, mit Freunden. Heimat ist dort, wo ich mein Leben gestalten kann wie ich möchte, wo ich mich wohlfühle“, schildert der Jurist, der in Oberschwaben aufwuchs und seit 1992 in Oberreut wohnt. Bevor er sich wieder auf den Weg nach Hause macht, legt er den Frauen ein mit Alufolie umwickeltes Päckchen auf den Tisch. „Das ist frischgebackener Christstollen.“ Auch Miro hat mit seinem Wels inzwischen den Heimweg angetreten. Was bleibt, sind ihre Geschichten. Und der Christstollen.