Heimat kann ein Ort sein, eine Landschaft oder eine Region wie Baden. Die baden-württembergischen Heimattage werden 2017 in Karlsruhe veranstaltet. Dabei geht es um großstädtische und moderne Versionen eines alten Begriffs. | Foto: Liebscher

Karlsruhe und die Heimattage

Heimatkunde ist immer aktuell

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Selbst ein Altglascontainer bei einem Einkaufsmarkt kann ein wichtiger Treffpunkt sein, um mit Leuten des eigenen Stadtteils zusammen zu kommen. Nicht mehr der Lindenbaum bilde einen Mittelpunkt von Heimat, sondern solch profanen Plätze. Das erfuhr Alexandra Kaiser von einem Wolfartsweierer, als sie Einwohnern und den Bürgervereinen von Karlsruhe fünf systematische Fragen stellte. Sie betrieb Heimatkunde und wollte erfahren, was einen Stadtteil ausmacht, um eigene Identität zu entwickeln und Heimat zu werden.
Die Leiterin des Pfinzgaumuseums Durlach notierte zudem den dm-Parkplatz in der Oststadt als nicht zu unterschätzenden Begegnungsraum. Für Grötzinger gehört die Eismarie unbedingt zum Stadtteil, also der sommerlich aufgestellte Eiswagen. Natürlich können Lokale zu einer Institution werden, die man ein Leben lang ans heimatliche Herz schließt, etwa die „Traube“ in Durlach. „Ganz häufig wurde auch die Natur als entscheidend für eine Stadtteilidentität genannt, also der Rhein oder der Turmberg“, berichtet die Museumsleiterin.

Doppelausstellung Karlsruher Heimaten

Alexandra Kaisers Umfrage fließt in zwei Ausstellungen ein, die sie zu den 2017 in Karlsruhe stattfindenden Heimattagen Baden-Württemberg konzipiert hat. Unter dem Titel „Karlsruher Heimaten“ werden Denkanstöße zu einem bedeutungsschwangeren Begriff gegeben. Ab Ende April geht es im Stadtmuseum Karlsruhe in fünf Ausstellungskapiteln um Heimat suchen, Heimat finden, Heimat bauen (wie es vertriebene Deutsche etwa in der Kirchfeldsiedlung getan haben), Heimat zerstören sowie Heimat inszenieren und instrumentalisieren.
Im Pfinzgaumuseum Durlach vertieft man sich parallel in die Karlsruher Stadtteile und ihre Besonderheiten. Lokale Symbole sind dafür unverzichtbar. Manche Zeichen oder Namen entwickeln eine hohe Bedeutung. In Daxlanden beispielsweise ist es der „Schlaucher“. Im Museum der Durlacher Karlsburg wird demnächst jene Schlaucherfigur aus Holz von Marco Galeani zu sehen sein. „Um die Figur gab es 2004 heftige Auseinandersetzungen, nachdem die städtische Kunstkommission unter Bürgermeister Eidenmüller die Aufstellung der Figur auf dem Daxlander Schlaucherplatz aufgrund der Richtlinien ’Kunst im öffentlichen Raum’ untersagte“, erzählt Alexandra Kaiser.“ Heute steht die Skulptur auf einem Privatgelände vor dem Schwarzen Adler.  Aus Neureut erscheint den Ausstellungsmachern das Rezept des Saueressens typisch, aus Rintheim eine Stadtteilhymne.

Heimat ist nichts Statisches

Beim Begriff Heimat denken viele zunächst an die Kindheit und Jugend. An einen Ort oder Raum, in dem Erinnerung rekonstruiert wird und der deshalb als nicht mehr veränderbar erscheint. Das Heimatmuseum mit alten Dingen macht vielleicht diese Kindheit anschaulich. Selbst zu einer so statischen Ansicht von Heimat gehören Freunde, die man gewonnen hat und die vielleicht fürs Leben blieben. Damit wird klar, dass Heimat immer mit emotionaler Zugehörigkeit verbunden ist. In der Heimat entstanden soziale und kulturelle Prägungen. Aber Bindungen kann man neu knüpfen, an weiteren Wohnorten.
Was passiert, wenn die traditionelle Heimat keine wirtschaftliche Zukunft oder Sicherheit mehr verspricht, ist klar: Menschen fliehen, vielleicht in mehr oder weniger großen Gruppen. Sie wagen den Aufbruch ins Ungewisse. Oft müssen sie sich mit dem Status „unerwünscht“ arrangieren und sich dagegen durchsetzen.

Die Idee für ein Neu Karlsruhe

Im Jahr 1924 gründeten Karlsruher und Bewohner des damals noch selbstständigen Knielingen in Grötzingen die „Deutsch-Südamerikanische Kolonie- und Handelsvereinigung Neu Karlsruhe.“ Ziel war es, der heimischen Not in Zeiten von Arbeitslosigkeit und Inflation zu entfliehen. In Paraguay wollte man ein besseres Leben beginnen.In den Auswandererlisten findet man typische Knielinger Familiennamen wie Engel oder König.
„Auf Schnelldampfern gelangen die rund 80 Karlsruher nach Südamerika. Es stellte sich aber heraus, dass sie keinen richtigen Plan hatten. Jedenfalls klappte es in Paraguay nicht mit einer Ansiedlung“, berichtet Volker Steck vom Stadtarchiv Karlsruhe. Die ersten von rund 165 Wirtschaftsimmigranten aus Baden landeten schließlich ganz im Nordosten von Argentinien. Dort konnten sie sich auf Weideland ansiedeln, das der Gesellschaft Liebig gehörte, einem Produzenten von Fleischextrakt. Das neue Genossenschafs-Dorf hieß deshalb nicht wie geplant Neu Karlsruhe, sondern Colonia Liebig. Als in der Landwirtschaft erfahrenere Ukrainer und Polen dazu stießen, ging es mit dem Projekt aufwärts. Bis heute werden auch Pflanzen für Mate-Tee angebaut.

 

Die Karlsruher Pyramide in genau gleicher Größe steht in einem argentinischen Dorf – als Erinnerung an die alte Heimat. Badische Auswanderer landeten 1924 in ihrem „Neu Karlsruhe“.
Die Karlsruher Pyramide in genau gleicher Größe steht in einem argentinischen Dorf – als Erinnerung an die alte Heimat. Badische Auswanderer landeten 1924 in ihrem „Neu Karlsruhe“. | Foto: Gerardo Friedlmeier

Pyramiden-Kopie in Argentinien

Zum 50-jährigen Bestehen 1974 bat die Colonia Liebig die Stadt Karlsruhe um die Baupläne der Pyramide am Marktplatz – sowie Geld. Man wollte als Erinnerung an die alte Heimat der Gründergeneration eine gleich große Kopie in Argentinien bauen. Finanzielle Unterstützung aus Deutschland gab es zwar keine, aber die Pläne wurden rausgerückt. Also steht in der Colonia Liebig seit 1976 eine moderne Pyramide als Teil des „Heimatmuseums“. In der Ausstellung „Karlsruher Heimaten“ wird das Projekt der Migranten von damals vorgestellt. „Die ersten 14 Jahre meines Lebens hat mich das Schimpfwort Flüchtling begleitet. Bis noch Fremdere kamen, die italienischen Gastarbeiter“, sagte Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba, ein Sohn von Sudetendeutschen, in einem Gespräch mit „Spiegel Wissen“. Wenn noch Fremdere kommen, rückten die „etwas weniger Fremden etwas weiter nach innen“, meint der Soziologe.

Das Sinnliche von Heimat

Ob Daxlanden, Karlsruhe, Baden, Deutschland oder Europa – jede Heimat hat ihre Grenzen. Diese sollten einerseits durchlässig sein, um nicht für die Einheimischen zum engen Zwangsraum zu werden. Und andererseits Menschen aufnehmen können, die alte Heimaten mit friedlichen Hoffnungen auf neue hinter sich lassen mussten oder wollten. Die gemeinsame Aufgabe wäre dann, Heimat zu gestalten. Was freundlicher klingt als „Heimat verteidigen“. Das kann allerdings auch nötig werden – gegen „Angriffe“ durch Bausünden oder Umweltzerstörung. Und Heimatkunde mit Lob und Kritik ist immer aktuell, wenn sie neu interpretiert wird. Selbst wenn sie schulisch versteckt ist in MNK. So heißt jenes Grundschulfach, in dem es um Heimat gehen kannt. MNK steht für Mensch, Natur, Kultur.
Bei allen Diskussionen um Heimat, sollte man ihren sinnlichen Aspekt nicht vergessen, empfiehlt Martin Wacker. Der Cheforganisator der baden-württembergischen Heimattage in Karlsruhe sieht sich da verwurzelt, wo er selbst sein Gemüse im Garten anbaut, wo er Weißburgunder und Schäufele genießt und von Klängen an traditionsreichen Orten fasziniert ist. Welche das sind, ist bei Wacker wie Zehntausenden natürlich klar. „Die Günther-Klotz-Anlage beim Fest und das Wildparkstadion.“

 

Gerade ein Jahr Pause gönnte sich das offizielle Karlsruhe, da hat die Stadt schon wieder einen Anlass gefunden, um auf sich aufmerksam zu machen. Zumindest in Baden-Württemberg: Für die Heimattage des Landes ist die alte badische Hauptstadt 2017 der Gastgeber. Für die seit 1978 alljährlich stattfindenden Veranstaltungsreihe gibt es einen Landeszuschuss von 365 000 Euro. Karlsruhe will insgesamt eine Million Euro ausgeben, um nach Bad Mergentheim im Vorjahr und vor Waldkirch (2018) das Verständnis für Heimat mal in einer großstädtischen Version zu vertiefen.
Üblicherweise richten mittelgroße Städte oder gar Städteverbünde die Heimattage aus. So präsentierten sich Bruchsal 2015 oder Bühl 2011. Und das ziemlich erfolgreich, auch dank ehrenamtlichen Engagements. Ettlingen (1994) und Bretten (1990) waren ebenfalls dabei und mit Pforzheim, Reutlingen oder Ulm sogar vereinzelt Großstädte. Für alle Ausrichter gilt, dass sie zwischen zwei Großereignissen im Frühjahr und Herbst eigene Akzente finden sollen, um das Wir-Gefühl in Baden-Württemberg zu stärken, wie es in den Leitlinien des Heimattages heißt. Karlsruhe setzt unter Federführung der Event-GmbH auf drei Themengebiete: Heimat im Wandel, Heimat im Netz und Heimat des Fahrraderfinders Karl Drais. Viele kulturelle Institutionen in der Stadt beteiligen sich mit eigenen Ideen, um vielfältigen Gedanken über den so wichtigen und schönen Begriff Heimat eine moderne Heimat zu geben.

 

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