Winfried Kretschmann äußert sich im BNN-Interview zu den Heimattagen. | Foto: Fabry

Interview Winfried Kretschmann

Heimattage in der Großstadt

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Jeder Mensch trägt ein Gefühl in sich, wo seine Heimat ist oder was Heimat für ihn bedeutet. Dieses individuelle Verständnis des Heimatbegriffes macht es so schwer, Heimat allumfassend zu definieren. Die räumliche Herkunft prägt den Begriff genauso wie das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Selbst Sehnsüchte können zur Heimat werden. Und neuerdings sogar digitale Welten. Seit nunmehr 40 Jahren beschäftigt sich das Land Baden-Württemberg im Rahmen der Heimattage mit den vielfältigen Fragestellungen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann gibt in einem Interview Einblicke zu den Hintergründen der Heimattage Baden-Württemberg.

 

Herr Kretschmann, was bedeutet für Sie »Heimat« ?

Ich glaube, am besten hat es Karl Jaspers beschrieben: »Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde. « Besser kann man es eigentlich nicht ausdrücken.

Seit 1978 werden in Baden-Württemberg jährlich die Heimattage ausgerichtet, jedes Mal an einem anderen Ort. Welche Aufgabe haben die Heimattage Baden-Württemberg?

Die Heimattage sollen die Menschen in unserem Land dazu bewegen, sich mit ihrer Heimat und ihrem Heimatgefühl auseinanderzusetzen: Was bedeutet Heimat für mich, was genau ist eigentlich meine Heimat, usw. Und natürlich sollen die Heimattage auch die Botschaft vermitteln, dass Baden-Württemberg Heimat bietet – auch und gerade solchen Menschen, die ursprünglich eine andere Heimat hatten. Aus diesem Grund zeigen die Heimattage jedes Jahr aus einer anderen Perspektive die Schönheit und Vielfalt unseres Landes – eben das, was im Alltag oft nicht ausreichend wahrgenommen wird.

Für manch einen klingt der Heimatbegriff vielleicht erst einmal ein wenig angestaubt, denkt an Heimatvereine, Trachtengruppen und Volksmusik. Richten sich die Heimattage also an ein eher älteres, traditionsverwurzeltes Publikum?

Das Gefühl von Heimat hat viel mit persönlicher Erinnerung zu tun. Insofern liegt der Begriff »Heimat« älteren Menschen naturgemäß näher. Das heißt aber nicht, dass Heimat für jüngere, global orientierte Menschen nicht von Bedeutung wäre. Auch sie sind verwurzelt und haben Heimatgefühl – auch wenn ihnen das vielleicht noch nicht so bewusst ist wie den älteren. Heimat ist ein Thema für jeden Menschen. Und deshalb bietet das Programm der Heimattage 2017 auch Veranstaltungen für jüngeres Publikum und reflektiert den Begriff »Heimat « durchaus auch mal kritisch.

2017 finden die Heimattage in Karlsruhe statt, der bisher größten Ausrichter Stadt. Erwarten Sie andere Heimattage Baden-Württemberg als in den letzten Jahren?

Die Heimattage sind ein Anlass, darüber nachzudenken, was Heimat in der heutigen Zeit bedeutet. Selbstverständlich haben die Heimattage in Karlsruhe eine andere Ausrichtung und eine andere Atmosphäre, als wenn sie in einer kleineren Stadt stattfinden. Das Lebensgefühl in einer Großstadt ist naturgemäß anders als zum Beispiel in Bad Mergentheim, wo die Heimattage im letzten Jahr stattfanden. Doch es ist nicht allein die Größe, die den Unterschied macht. Jede Stadt in Baden- Württemberg hat ihre Besonderheiten und ihren eigenen Charakter. Deshalb sind die Heimattage in jedem Jahr anders. Das macht sie ja so interessant.

Wie profitieren Karlsruhe und seine Bürgerinnen und Bürger von den Heimattagen?

Die Heimattage haben ein umfangreiches Programm, das hoffentlich allen Karlsruherinnen und Karlsruhern etwas bietet. Ich würde mir aber wünschen, dass die Bevölkerung die Heimattage nicht nur als zusätzliches Unterhaltungs- und Kulturprogramm wahrnimmt, sondern dass die Menschen in Karlsruhe und darüber hinaus auch darüber nachdenken, was Heimat in der heutigen Zeit und in einer Stadt wie Karlsruhe eigentlich bedeutet. In den Vorgängerstädten ist diese Selbstreflexion durchaus gelungen. Es gab schon Oberbürgermeister, die mir gesagt haben, dass das Gemeinschaftsgefühl in ihrer Stadt durch die Heimattage nachhaltig verändert wurde. Das würde ich mir auch für Karlsruhe wünschen. Ich sehe die Heimattage hier auch in unmittelbarer Beziehung zum 300-jährigen Stadtjubiläum vor zwei Jahren, das ebenfalls bleibende Spuren in der Stadt hinterlassen hat.

Ein Thema der Karlsruher Heimattage ist „Heimat im Wandel“. Hier geht es um die vielfältigen Migrationsbewegungen, die auch heute verstärkt zu beobachten sind. Was bedeuten die Heimattage in einer Zeit, in der Menschen aus ihrer alten Heimat vertrieben werden und an anderen Orten eine neue Heimat finden müssen?

Mit der Heimat ist es wie mit vielem: Wenn ich sie habe und wenn ich geordnet und friedlich dort leben darf, wo ich mich zuhause fühle, ist sie selbstverständlich und scheinbar gar nicht wichtig. Wenn ich aber in Gefahr komme, meine Heimat zu verlieren, dann erfahre ich unmittelbar und in größter Intensität, was Heimat eigentlich bedeutet. Je mehr Menschen auf der Welt von Flucht,Vertreibung und Migration betroffen sind, desto stärker ist die Botschaft, die die Heimattage vermitteln wollen – die Botschaft nämlich, dass Baden-Württemberg Heimat sein kann. Und nicht nur für Menschen, die hier geboren sind, sondern auch für alle anderen Menschen, die den Weg in unser Land gefunden haben.

2017 feiern wir auch das Jubiläum »200 Jahre Fahrrad«. Karlsruhe hat als Heimat des Fahrraderfinders Karl Drais, aber auch als Geburtsstadt des Automobilerfinders Carl Benz seit jeher einen starken Mobilitätsbezug. Auch aktuell positioniert sich Karlsruhe sehr stark zu Mobilitätsthemen, gerade im Bereich der E-Mobilität. Geht das zusammen mit den Heimattagen, oder treffen hier zwei Welten aufeinander?

Menschen wurden schon immer von ihrem wirtschaftlichen Umfeld geprägt. Heimat ohne wirtschaftliche Grundlage ist keine Heimat. Was wäre Baden- Württemberg ohne seine Schlüsseltechnologie, die Mobilität? Wenn diese Technologie im Wandel ist, dann ist auch unsere Heimat im Wandel. Deshalb finde ich es großartig, dass Karlsruhe das 200-jährige Fahrradjubiläum zum Anlass nimmt, innerhalb der Heimattage auch die zukünftige Entwicklung der Mobilität zu diskutieren. Denn so wird deutlich, dass es bei Heimat nicht um Idylle oder Nostalgie geht. Heimat ist nicht nur Vergangenheit. Sie ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem.

Was sollen die Menschen insgesamt von den Heimattagen Baden-Württemberg mitnehmen?

Als Ministerpräsident müsste ich jetzt vermutlich antworten: Die Menschen sollen mitnehmen, dass sie in Baden- Württemberg und in Karlsruhe ideal beheimatet sind. Das wäre mir aber zu wenig. Die Heimattage sollen nicht nur eine Werbeveranstaltung für das Land und die Ausrichterstadt sein. Sie sollen die Menschen zum Nachdenken darüber bringen, was Heimat für sie bedeutet. Die Frage »Wo gehöre ich hin« – das ist die Kernfrage der Heimattage Baden-Württemberg.